Wie eine Muslima das interreligiöse Gespräch voranbringt

Irritieren im positiven Sinn

Sie will erreichen, dass sich Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen vorurteilsfrei begegnen. Dafür bricht Dua Zeitun gewohnte Seh- und Denkmuster auf. Die Muslima führt zum Beispiel Kinder durch den Dom und ist pädagogische Mitarbeiterin in der Katholischen LandvolkHochschule Oesede.

 

Eine Muslima im Osnabrücker Dom – ein ungewohntes Bild. Dua Zeitun hält sich dort regelmäßig auf. Sie begleitet Domführungen für Kinder und Erwachsene, zieht an einigen Stationen Parallelen zum Islam und öffnet somit Türen für Begegnungen. Foto: Anja Sabel

Es ist schon paradox. Da kommt eine Frau mit Kopftuch zur Tür herein und stellt sich als Vertreterin der katholischen Kirche vor. Für einen kurzen Moment schaut Dua Zeitun in irritierte Gesichter – zuletzt in einer Moschee, in die sie zum Fastenbrechen eingeladen war. Sie kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn sie von solchen Momenten erzählt. Eines erreicht sie dann auf jeden Fall: Man möchte mehr wissen über diese junge Muslima, die ganz selbstverständlich Kirchen betritt, Vorträge in christlichen Kindergärten hält und das interreligiöse Gespräch zu ihrem Lebensinhalt macht. Was hat Dua Zeitun geprägt?

Eine Antwort findet sich in der Ibrahim Al-Khalil-Moschee in Osnabrück. Dort steht ihr Vater Abdul-Jalil Zeitun, ein gebürtiger Syrer, als Imam einer Gemeinde mit mehr als 80 Nationen vor. Muslime aus arabischen Ländern gehören ebenso dazu wie Muslime aus Asien und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die gemeinsame Sprache ist Deutsch. Abdul-Jalil Zeitun pflegt auch den Austausch mit christlichen Gemeinden.

Seine Tochter hat sich vieles bei ihm abgeschaut. Sie arbeitet heute als Seelsorgerin und Sozialarbeiterin in der Moscheegemeinde und als Referentin für interreligiöse Zusammenarbeit in der Katholischen LandvolkHochschule in Oesede. Außerdem studiert sie Islamische Theologie an der Universität Osnabrück, ist Vorsitzende eines muslimischen Jugendvereins und Mutter von drei Kindern. „Unterfordert bin ich nicht“, sagt die 35-Jährige lachend.

Nach Panikattacke musste etwas geschehen

Angefangen hat alles mit einem weinenden Mädchen im Osnabrücker Dom. Seit Jahren werden Schulklassen durch das Gotteshaus geführt. Mittlerweile sind bis zu einem Drittel der Kinder Muslime. Deren Eltern waren oft misstrauisch, manche verboten sogar den Dombesuch, weil sie um die kulturelle Identität ihrer Kinder fürchteten. Die Kinder wiederum ängstigte und verwirrte dieser Loyalitätskonflikt zwischen Elternhaus und Schule. Im Advent 2008 begann ein türkisches Mädchen im Dom zu schreien; es beruhigte sich erst wieder, als es draußen war. Da musste etwas geschehen.

Museumspädagogin Jessica Löscher, die damals als Studentin der Kunstgeschichte und Pädagogik durch den Dom führte und die Panikattacke miterlebte, „erfand“ schließlich die christlich-muslimische Domführung: Kinder entdecken ihre eigene und die andere Religion, indem sie erleben, was sie miteinander verbindet. Unterschiede werden benannt, aber nicht überbetont.

Von diesem Projekt ließ Dua Zeitun sich begeistern und spielt sich mit ihrer Kollegin Jessica Löscher die Bälle zu. Wenn Grundschüler zum Beispiel am Taufbecken stehen, zieht die Muslima Parallelen zum Islam und ergänzt: „Wasser gibt es auch in einer Moschee.“ Es werde ähnlich verwendet wie Weihwasser in der Kirche. Die Kinder können alles fragen, entdecken und stellen fest: Der goldene Altar ist genauso nach Osten ausgerichtet wie die Gebetsnische in der Moschee. Die Kanzel im Dom ist mit Schnitzereien verziert, aber eine Kanzel gibt es auch in der Moschee. Neuerdings wird in die Führung auch die Al-Khalil-Moschee mit einbezogen. Christliche Kinder beten dort das Vaterunser vor oder zeigen, wie man kniet.

In einem anderen Gotteshaus über den eigenen Glauben sprechen zu können – das gefällt Dua Zeitun. Sie ist überzeugt: „Solche Erfahrungen bereichern, geben den Kindern Halt, so entsteht Toleranz.“ Inzwischen, sagt sie, wollen nicht nur Grundschulklassen durch Dom und Moschee geführt werden, sondern auch Berufsschüler, Studenten oder Lehrer.

Muslimischer Jugendverband will interreligiösen Austausch

Vor allem Muslime, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, können sich der christlichen Kultur nicht entziehen. „Sie prägt uns, ob wir wollen oder nicht. Wir hören sonntags die Kirchenglocken, und wir wären irritiert, wenn es beispielsweise keinen Weihnachtsmarkt mehr gäbe“, sagt Dua Zeitun. Eine Geschichte aus der Kindheit fällt ihr ein: Eine christliche Nachbarin, die keine Enkelkinder hatte, „adoptierte“ Dua und ihre Geschwister sozusagen und wollte sie auch zu Weihnachten beschenken. „Mein Vater war einverstanden, weil er gemerkt hat, was wir dieser Frau bedeutet haben.“

Ihre Offenheit machte Dua Zeitun auch zur passenden Mitarbeiterin für ein Projekt der Katholischen LandvolkHochschule. Sie gründete einen muslimischen Jugendverband, der den Austausch mit christlichen und jüdischen Jugendlichen im Landkreis Osnabrück fördert. Und ein nächstes Projekt beginnt gerade: „Mitmachen, um ein Teil der Willkommenskultur zu sein“. Dabei geht es sowohl um interrreligiöse als auch um kulturelle Fragen und Probleme.

Schon jetzt hat Dua Zeitun einen vollen Terminkalender. Sie spricht in Schulen über Toleranz, Frauen im Islam oder den Ramadan; sie wird von Universitäten eingeladen und von christlichen Kindergärten. Ihren Glauben und ihre Arbeit in der LandvolkHochschule sieht sie nicht als Gegensätze. „Ich kann dem Bistum gegenüber loyal sein und trotzdem meinen Glauben praktizieren.“ Sie fühlt sich akzeptiert und respektiert. Auch für die Zeit nach dem Theologiestudium hat sie bereits Pläne. Sie möchte ein Bildungs- und Beratungszentrum für muslimische Jugendliche und Eltern aufbauen. Das Konzept, sagt sie, stehe schon.

Anja Sabel