Kindergarten auf dem Bauernhof

Kein Mangel an Natur

Kinder lieben und brauchen die Natur. Doch heute strolchen sie kaum noch im Freien herum. Sie malen Kühe lila und Enten quietschegelb – mit fatalen Folgen. Anders auf dem Kinderbauernhof: Hier nehmen die Kleinen ganz selbstverständlich am Leben auf dem Hof, in Wald, Feld und Garten teil.

 

Schweine füttern ist kein Problem für die kleine Maja: Ganz nebenbei sieht sie die Tiere aufwachsen, lernt den natürlichen Kreislauf des Lebens kennen. Foto: Astrid Fleute

Der Frosch ist an diesem Vormittag die Attraktion. Schnell trommelt Tom seine Kindergartenfreunde zusammen: „Tobias hat einen Frosch gefangen!“, ruft er aufgeregt übers Möhrenfeld. Ganz ruhig sitzt das Tier auf der Hand. Streicheln? Kein Problem für die ein- bis vierjährigen Kinder, die schnell angelaufen kommen. Sie kennen sich aus mit der Natur, den Tieren und Pflanzen. Seit dem Sommer verbringen sie ihre Vormittage auf dem Kinderbauernhof in Bramsche-Pente, nördlich von Osnabrück.

Die Großtagespflegestelle ist das neueste Projekt des CSA-Hofs Pente, einem gemeinschaftsgetragenen landwirtschaftlichen Betrieb. Die Kindergartenkinder leben mit ihren Erzieherinnen auf dem Hof und lernen alle Facetten des Lebens auf einem Bauernhof ganz selbstverständlich kennen. „Wenn die Kinder sehen, dass sie einen Anteil haben an dem, was auf ihrem Teller landet, ist das eine ganz tolle Erfahrung“, betont Tobias Hartkemeyer, der den CSA-Hof vor drei Jahren ins Leben rief. Der studierte Landwirt und Pädagoge möchte mit dem Kinderbauernhof nicht nur einen Ort schaffen, wo Kinder intensiv Natur erleben können, sondern wo sie auch sehen, wie Erwachsene arbeiten. Denn Kinder, betont er, „lernen ganz stark durch Nachahmung. Oft verstehen sie aber gar nicht, was genau ihre Eltern arbeiten und tun. Wir verrichten hier Tätigkeiten, die sie kennen, die mit ihrem Alltag zu tun haben. Hier haben sie das Gefühl, am echten Leben teilnehmen zu können“. Der Gemeinschaftsbetrieb baut über 60 Gemüsesorten an, es gibt verschiedene Obstsorten, Getreideanbau, Schweine, Hühner, Rinder, Schafe und Bienen.

Die ersten Wissenschaftler sprechen schon vom Naturmangelsyndrom

Im Haupthaus des Hofes haben die zehn Kinder mit ihren Erzieherinnen eine Wohnung bezogen. Täglich gehen sie mehrere Stunden nach draußen, sie sammeln Eier auf, säen und ernten, machen Feuer im nahen Wäldchen, rösten Kartoffeln oder füttern die Tiere. „Die Kinder erleben den Zusammenhang. Wir sammeln die Eier und ernten das Gemüse und kochen gemeinsam unser Mittagessen“, erzählt Hartkemeyer. Ganz nebenbei lernen sie dabei im ganz natürlichen Tempo die Jahres- und Wachstumszeiten kennen, erleben, wie sich das Laub langsam verfärbt, die Gurke wächst und die Himbeeren reifen – Erlebnisse, die vielen Kinder heute fehlen.

In den USA sprechen schon die ersten Wissenschaftler von einem „Nature-Deficit-Syndrom“ (Naturmangelsyndrom). Dahinter steckt, dass Kinder entscheidende Erfahrungen nicht mehr machen können, wenn sie in einer zu stark strukturierten Welt groß werden. Hirnforscher und Psychologen warnen schon lange vor den Folgen. Denn Bewegung, Naturbeobachtung, Einbeziehung in den natürlichen Rhytmus sind die besten Voraussetzungen für kindliche Intelligenzentwicklung und körperliche Entfaltung. Ohne die Nähe zur Natur verkümmert die emotionale Bindungsfähigkeit, schwinden Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude, erklärt Hirnforscher Gerald Hüther. Und noch mehr: „Mit derselben Schnelligkeit, mit der die Wildnis aus der Psyche unserer Kinder schwindet, steigt die Häufigkeit ihrer seelischen Krankheiten“, so der Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber. Kinder benötigten sinnliche Erfahrungen in Freiheit. „Es genügt ein Stück Brachland, ein Schulhof, der nicht TÜV-geprüft ist, sondern sich selbst und den Ideen der Kinder überlassen wird.“

Freiheit und ein Stück Brachland genügen

Auch in Pente sind Wald und Feld Turnhalle und Spielplatz zugleich. Die Kinder balancieren über Baumstämme und Ackerflächen, klettern auf Bäume, stapeln Holzkisten, schieben Schubkarren, spielen im Stroh, pflücken Obst und ernten Gemüse. Dabei schulen sie vielfältigste Sinne. Laut einer schwedischen Studie sind Kindergartenkinder, die den Tag draußen in der Natur verbingen, signifikant gesünder, haben eine bessere Motorik und Konzentration und sind fantasiereicher. Das beobachten auch Erzieherinnen und Eltern des Kinderbauernhofs: „Die Kinder sind lebendiger, besser drauf, wissbegieriger, aufnahmefähiger“, erzählt Chantal Wetzel, die im Rahmen ihrer Erzieherausbildung ein Praktikum uf dem Hof absolviert. Die 20-Jährige ist begeistert vom Konzept der Einrichtung. Eine Mutter habe ihr berichtet, dass ihr Sohn nun viel lebendiger nach Hause komme: „Er war vorher in einem anderen Kindergarten und hat wenig erzählt, war mittags ,platt‘ und ausgelaugt.“ Nun berichte er begeistert von seinen Erlebnissen, spiele Szenen nach, sei ausgeglichener, ruhiger und zufriedener.

Wie Hirnforscher Hüther führt sie das auf die Erfahrungen zurück, die Kinder nur in der Natur machen können. Hüther betont: „Lebenstüchtig kann man nur werden, wenn man dem Leben auch begegnet. Dazu muss man aber raus und nicht im Kinderzimmer oder vor dem Computer bleiben.“

Astrid Fleute