Psychologen schlagen Alarm und raten zu mehr Gelassenheit

Kinder im Dauerstress

Angst vor schlechten Noten ist ein Dauerbrenner – nicht nur dann, wenn es Zeugnisse gibt. Schüler setzen sich unter Druck, Eltern machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Doch es gibt Möglichkeiten, Stress zu vermeiden.

 

Kein Grund, sich dahinter zu verstecken: das Zeugnis. Foto: fotolia

„Ich kann nicht mehr.“ Diesen Satz bekommt der Hamburger Kinder- und Jugendpsychologe Michael Schulte-Markwort häufig zu hören. In seiner Sprechstunde im Altonaer Kinderkrankenhaus sitzen ihm Kinder und Jugendliche gegenüber und klagen über Stresssymptome wie Kopf- und Magenschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit – eigentlich Anzeichen einer Depression. Seit etwa fünf Jahren beobachtet Schulte-Markwort steigende Zahlen. „Offenbar stehen viele Kinder und Jugendliche seelisch unter enormem Druck. Sie sind schnell erschöpft, grundlos traurig und niedergeschlagen.“

Anfangs schob der Psychiater die Störungen darauf, dass die jungen Patienten eben übersensibel seien, zu hohe Ansprüche an sich selbst hätten oder das Opfer von zu leistungsbetonten Eltern seien. Heute, so schreibt er in seinem Buch „Burnout Kids“ (Pattloch Verlag), „muss ich mich dafür entschuldigen“. Denn mittlerweile ist er davon überzeugt, dass steigende Leistungsansprüche und fehlerhafte Strukturen in der Schule mitverantwortlich sind für steigende psychische Erkrankungen bei Kindern, wie auch dem „Burnout“.

Schon für die Kleinsten ist der Tag heute oft getaktet. Sie sind eingepasst in den wenig flexiblen Zeitplan ihrer Eltern. Denn die müssen logistische Höchstleistungen erbringen und versuchen, Haushalt, Beruf, Fortbildung, Kinder, Ehe und Partnerschaft, Hobby, Freundschaften, Arztbesuche und Einkäufe unter einen Hut zu bekommen. Als Alleinerziehende, in einer Patchworkfamilie oder im Dauerspagat zwischen Beruf und Familie stehen sie unter Druck, den auch die Kinder zu spüren bekommen. Sie selbst und eben auch die Kinder müssen pünktlich sein, „funktionieren“, Erwartungen entsprechen, Leistung bringen. Hinzu kommen hohe Ansprüche an die eigene Elternrolle und das Kind.

Kinder müssen nicht die Ziele der Eltern verwirklichen

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Publik Health der Universität Heidelberg, sieht die Quelle für eine gelingende Entwicklung von Kindern keineswegs in zusätzlichen Förderkursen und dem Vergleich mit anderen Kindern. Er ermutigt Eltern zu achtsamer Gelassenheit und Zuversicht „Wir können darauf vertrauen, dass Kinder alles an Bord haben, um sich zu entfalten. Kinder sind keine Leistungsroboter, sondern Menschen, die mit ihren Stärken und ihren Schwächen wahrgenommen und geliebt werden wollen.“ Dazu gehöre auch, dass Eltern ihren Kindern mit entspanntem Abstand begegnen und sich klar-machen: „Jedes Kind ist ein eigener Mensch. Es muss nicht die Ziele verwirklichen, die Eltern haben“, mahnt Renz-Polster.

Michael Schulte-Markwort sucht und findet die Ursache für das Phänomen „Burnout Kids“ nicht nur im einzelnen Verhalten, in familiären Konstellationen oder in der Veranlagung. Für ihn hat die steigende Zahl gestresster und erschöpfter Kinder und Jugendlicher nicht zuletzt gesellschaftliche Ursachen. Aus seiner Sicht liegt etwa der Grund für die Klage seiner jugendlichen Patientin Emilia, ihr Leben sei leer, gerade darin, dass es zu voll ist. 36 Schulstunden pro Woche plus Kurse, Sport, Musik, Hausaufgaben und Klausuren lassen kaum Zeit, um zu sich selbst zu kommen. Fast die Hälfte aller Schüler zwischen neun und 14 Jahren, so eine Studie, klagt über zu wenig Zeit zum Spielen. Die ohnehin knappe freie Zeit wird immer weniger mit Spiel und Bewegung mit anderen im Freien verbracht.

Die wesentliche Ursache für den Druck auf die Kinder, sieht Michael Schulte-Markwort im „Prinzig Leistung, dem sich unsere Gesellschaft völlig unterworfen hat“. Schon früh fange die Sorge um die eigene Attraktivität an und gelte der Anspruch, möglichst immer „gut“ in der Schule zu sein. Die Frage, unter welchen Bedingungen Kinder zufrieden aufwachsen könnten, bleibe dabei auf der Strecke. Daher wundert es den Psychiater nicht, dass Hektik und gieriges Streben schon bei den Jüngsten allgegenwärtig seien. Eltern sollten dem unbedingt etwas entgegensetzen.

Karin Vorländer