Daten online im digitalen Klassenbuch

Kommt der gläserne Schüler?

Die einen befürchten den „digitalen Fingerabdruck“, die anderen hoffen, notorische Schwänzer durch mehr Kontrolle wieder an die Schule zurückzubringen: Berlin testet derzeit ein digitales Klassenbuch, um es bald landesweit einzuführen.

 

Per Klassenbuch-Software können Schulen direkt eine SMS an die
Eltern unentschuldigt fehlender Schüler schicken. Foto: fotolia

Während in der Hauptstadt seit Monaten über Datenschutz und den pädagogischen Sinn der neuen Klassenbücher gestritten wird, führen bundesweit immer mehr Schulen ihre Klassenbücher digital und online abrufbar für Eltern, Lehrer und Schüler. Die Schülerdaten liegen meist auf zentralen Unternehmensservern.

Von zu Hause oder vom Smartphone aus: Mit einem Login können sich Eltern ins digitale Klassenbuch klicken und kontrollieren, ob ihr Kind zu spät zur Schule gekommen ist, wann der nächste Test ansteht, was die Hausaufgaben sind. Missetaten, Quartalsnoten oder Ausflugsinfos sind abrufbar – Dinge, die seit jeher in Klassenbüchern eingetragen werden, in Deutschland aber bislang vor allem mit Stift auf Papier. Und ohne Zugriff der Eltern. Elektronisch ist das anders: Per Klassenbuch-Software können Schulen auch sofort SMS an die Eltern unentschuldigt fehlender Schüler schicken.

Datenschützer kritisieren das Projekt

„Jede Schule kann sich ihr Klassenbuch nach den eigenen Bedürfnissen einstellen“, sagt Andrea Heiliger von der Firma Comjell, einem der ersten deutschen Anbieter von digitalen Klassenbüchern. 48 Schulen bundesweit starten nach den Ferien mit Comjell-Software, die Daten verwaltet die Firma.

Auf Bildungsmessen und im Netz werben immer mehr Softwareanbieter mit Schulverwaltungssystemen. Berlin will nach einem jetzt gestarteten Pilotprojekt landesweit digitale Klassenbücher einführen – begleitet von kontroversen Diskussionen.
„Sobald Daten über das Internet abrufbar sind, sind sie auch angreifbar“, sagt Dennis Romberg vom Datenschutzverein Digitalcourage. „Die Schüler hinterlassen einen digitalen Fingerabdruck, der ihnen später im  Berufsleben schaden kann.“ Dass Dritte auch auf geschützte Daten zugreifen, zeige aktuell die Spionage des US-Geheimdienstes NSA. „Solch sensible Daten ins Internet zu stellen, ist hoch problematisch.“

Schulleiter Manfred Wolff sieht das anders. „Die Software ist extra sicher entwickelt worden und dass sich die NSA für unsere Schuldaten interessiert, bezweifle ich.“ Seine Realschule im westfälischen Telgte nutzte schon im vergangenen Schulhalbjahr digitale Klassenbücher. Die SMS-Funktion des Buches hat Wolff ausgestellt. „Schwänzen ist selten und die Eltern können ja jederzeit über das Verhalten der Kinder im Klassenbuch lesen.“ Und durch die Möglichkeit, im System Nachrichten zu schreiben, gebe es mehr Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus: „Eltern kriegen mehr mit, fragen mehr nach, und wir können schneller antworten“, sagt Wolff.

Mehr Kontakt zwischen Schule und Elternhaus

Berlin will mit digitalen Klassenbüchern gegen die steigende Zahl von Schulschwänzern vorgehen. Kommt ein Kind nicht zur Schule, bekommen die Eltern eine SMS. Weitere Details will Bildungssenatorin Sandra Scheeres erst in einigen Wochen öffentlich machen. Alles sei aber datenschutzrechtlich abgeklärt, versichert eine Sprecherin. „Die Daten werden nicht außerhalb der Schulen abrufbar sein, sondern auf Schulservern liegen“, sagt der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix. „Und im SMS-Text bittet die Schule lediglich um Rückruf.“ Der Schule seine Handynummer zu geben, ist natürlich freiwillig.

„Gegen Schwänzen helfen Kurznachrichten sicher nicht“, sagt Ilka Hoffmann von der Lehrergewerkschaft GEW kritisch. „Hinter notorischem Schwänzen stecken komplexe Probleme, die man so weder erkennen noch angehen kann.“ Mit Erziehung überforderte Familien in Notlagen wüssten nach der SMS immer ja noch nicht, wie sie ihr Kind vom Schwänzen abhalten.

Miriam Bunjes