09.08.2017

Seelsorger informierten sich auf Milchviehbetrieb

Konferenz im Kuhstall

Einen Blick in den Kuhstall warfen Seelsorger aus dem Dekanat Osnabrück-Süd. Sie besichtigten einen Milchviehbetrieb in Wellingholzhausen, der von zwei Landwirtsfamilien gemeinsam bewirtschaftet wird.


Foto: Regine Bruns
Die Teilnehmer der Pastoralkonferenz besuchten auch den Melkstand. Foto: Regine Bruns

 

40 Männer und Frauen drängen sich vor dem Stall. Jeder von ihnen muss erst einmal Überzieher über die Schuhe stülpen, bevor es zu den Tieren geht: Anlässlich  der Dekanatspastoralkonferenz steht die Führung durch einen Milchviehbetrieb auf dem Programm. Die Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten, die im Dekanat Osnabrück-Süd tätig sind, informieren sich in Wellingholzhausen. Die Hofbesichtigung hat die Katholische Landvolkhochschule (KLVHS) Oesede vermittelt.  

Bei der ersten Station geht ein langgezogenes „Oh“ durch die Gruppe: Zwei schwarz-weiße Kälbchen mit großen Augen und wackeligen dünnen Beinchen ziehen die Teilnehmer in ihren Bann. Wo bei den Laien das Kindchenschema wirkt, blickt Milchbauer Norbert Oberniehaus vom benachbarten Hof mit sachlichem Blick auf die Tiere. Er berichtet von Besamungstechniken, Aufzuchtbedingungen und DNA-Analysen, die kurz nach Geburt jedes Kälbchens vorgenommen werden. „So weiß der Bauer genau, was von dieser Kuh zu erwarten ist“, rechnet er mit Blick auf ein bereitliegendes Datenblatt vor. 

Kälber werden vom Muttertier getrennt

Nach spätestens sieben Tagen werde jedes Kalb von seinem Muttertier getrennt und in eine Einzelbox verbracht, berichtet er. Wie gemein, finden einige der Zuhörer. Doch die schnelle Trennung helfe gerade dabei, den Trennungsschmerz gering zu halten, erklärt Oberniehaus. 

Auch im Kuhstall gegenüber erfahren die hauptamtlichen Kirchenmitarbeiter einiges, das sie so noch nicht wussten, so zum Beispiel, dass Kühe bis zu vierzehn Stunden am Tag liegen und nicht gern in der Sonne stehen. „Würden wir jetzt die Tore öffnen, würden sie kurz rausgehen, aber schnell wieder zurück in den Stall kommen“, erklärt einer der Hofmitarbeiter. So wie viele Menschen hielten sich Kühe lieber im Schatten auf.

Im Melkstand geht es dann um die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Milchwirtschaft. „Gerade liegt der Milchpreis bei 38 Cent, das ist so hoch wie schon ewig nicht mehr“, berichtet Norbert Oberniehaus. Seine Familie führt den Betrieb gemeinsam mit der Bauernfamilie Niederniehaus. Als der Milchpreis im vergangenen Jahr auf bis zu 22 Cent pro Liter fiel, hätten viele Kollegen aufgeben müssen. „Bei uns bedeutet jeder Cent weniger 1200 Euro Verlust im Monat, während alle Fixkosten konstant bleiben.“ 

Auch deshalb hätten sich die benachbarten Bauernfamilien Niederniehaus und Oberniehaus zusammengetan. „Abgesehen davon besteht der ganz große Vorteil darin, dass wir durch die Fusion jedes zweite Wochenende freihaben und auch mal in Urlaub fahren können“, ergänzt Ehefrau Marion Niederniehaus.

Foto: Regine Bruns
Die Kälber werden nach sieben Tagen vom Muttertier getrennt.
Foto: Regine Bruns

Die bäuerliche Lebens- und Arbeitswelt sei den meisten Menschen fremd geworden, betont Andreas Brinker von der Katholischen Landvolkhochschule Oesede, der anschließend die Diskussion zur „Situation der Landwirtschaft“ leitet. Nur noch zwei Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland seien überhaupt in der Landwirtschaft tätig. Dennoch habe heute fast jeder eine Meinung dazu, wie artgerechte Tierhaltung aussehen solle.

„Der Bezug zum Nutztier ist in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr gegeben“, stellt Susanne Wiese-Willmaring von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) fest, die als Expertin eingeladen ist. Das Tier werde zunehmend als „Mitgeschöpf“ wahrgenommen, der Verzehr tierischer Produkte aus ethischen und ökologischen Gründen hinterfragt. „Die konventionelle Landwirtschaft wird öffentlich geächtet, obwohl die weit überwiegende Mehrzahl der Verbraucher die so produzierten Nahrungsmittel konsumiert.“ Zwischen Anspruch und Wirklichkeit lägen mitunter Welten, sagt Wiese-Willmaring.

In der Diskussion können sich die Teilnehmer auf die Grundsätze einigen, mehr saisonale und regionale Lebensmittel einzukaufen und weniger Fleisch zu konsumieren. Auf die Frage von Moderator Andreas Brinker, wie die Kirche sich in dieser ganzen Diskussion positionieren soll, gebe es keine einfache Antwort, zu komplex und vielschichtig sei die Materie, so die einhellige Meinung der Anwesenden.

Pacht nicht nur an Meistbietende vergeben 

Kirche könne aber einen Ort des Dialogs bieten, um die kontroversen Parteien miteinander an einen Tisch zu bringen, meint der Leiter der Katholischen Landvolkhochschule, Johannes Buß. Sein ganz konkreter Appell an die Kirchenvertreter lautet: „Die allermeisten Pfarrgemeinden verpachten Land und sollten sich genau anschauen, an wen sie die Pacht vergeben. Es kann nicht sein, dass es immer nur darum geht, wer am meisten Geld bietet. Hier müssen wir bessere Kriterien herausarbeiten.“ 

Regine Bruns