18.05.2017

Gottesdienst für Ältere

Krankensalbung mit Schneeballeffekt

Eine Pfarreiengemeinschaft in Ostfriesland hat die älteren Gemeindemitglieder zum Gottesdienst mit Krankensalbung eingeladen. Einige reagierten zunächst erstaunt, andere erzählten die Idee begeistert weiter. Ihre Erwartung? Vor allem ein bisschen Trost.

Pfarrer Andreas Robben spendet die Krankensalbung. Foto: Werner Jürgens

Nach dem Evangelium laden die Seelsorger ein, nach vorne zu kommen. Viele Gläubige aus den Gemeinden Leer, Loga, Moormerland und Weener kommen vor den Altar, um sich segnen zu lassen. Drei Priester legen den meist älteren Menschen die Hände auf, beten für sie und segnen sie mit Öl. Wer will, kann sich die Stirn und die inneren Handflächen salben lassen. Nach dem Gottesdienst beim Tee im Pfarrheim geht es vielen um die eine Frage: Hat die Krankensalbung etwas bewirkt?

Noch immer wird die Krankensalbung in der katholischen Kirche häufig mit dem Ende des Lebens in Verbindung gebracht, weil sie früher in erster Linie Sterbenden gespendet wurde (siehe „Stichwort“). Dabei ist sie eigentlich ein „Sakrament des Lebens, das mehrmals empfangen werden kann“, sagt Elke Sieksmeyer. Deshalb hat die Gemeindereferentin in der St.-Marien-Kirche in Leer eine Krankensalbung organisiert. Und die stößt auf große Resonanz. Am Ende sind über 100 Gemeindemitglieder dabei und feiern Gottesdienst.

Speziell den besonders gezeichneten Schwerkranken ist nach der Messe anzumerken, dass sie diesen außergewöhnlichen Moment der Nähe Gottes für sich erst einmal verarbeiten müssen. Hauptsächlich hätten sie und ihre Familie auf „ein bisschen Trost“ gehofft, erklärt eine Angehörige, und dieser Wunsch habe sich „absolut erfüllt“. Eine andere Frau zeigt sich ausgesprochen rüstig und positiv gestimmt. Sie ist alleinstehend und nach dem Tod ihres Mannes an Krebs erkrankt. „Die Ärzte meinten, ich bräuchte einen Rollator“, erzählt sie. „Ich wollte aber keinen haben.“ Inzwischen habe sie es „mit Disziplin und Willenskraft“ geschafft, zumindest kleinere Strecken ohne Hilfsmittel zurückzulegen. Auf die Frage, ob und inwiefern der Glaube an Gott und ein Angebot wie die Krankensalbung sie dabei unterstützen können, antwortet sie spontan: „Ich denke schon, dass das hilft.“

Anmeldeliste durch Mund-zu-Mund-Propaganda immer länger geworden

Zu Beginn des Gottesdienstes erläutert Pfarrer Andreas Robben noch einmal den Sinn der Krankensalbung und ihren Ablauf. „Schwere Krankheiten reißen die Menschen oft mitten heraus aus dem Leben, und manche denken in solchen Situationen, Gott würde ihre Gebete nicht mehr erhören“, sagt der Geistliche. „Die Krankensalbung ist ein Zeichen und Ausdruck dafür, dass Gott uns eben nicht vergessen hat. Sie will uns helfen, unser Leben mit allen Brüchen anzunehmen. Heilung, Stärkung und Bewältigung schwieriger Situationen sind frohe Botschaft dieses Sakramentes, in dem Gott als Freund der Kranken und Jesu heilendes Wirken vergegenwärtigt werden.“ Um dem enormen Andrang gerecht zu werden, sind neben Pfarrer Robben auch Pastor Martin Stührenberg und Pater Dominic Vadakarakalayil im Einsatz.

„Gerechnet hatten wir mit vielleicht 30 bis 40 Leuten“, sagt Gemeindereferentin Sieksmeyer, die sich in ihrer Arbeit unter anderem auch um die Senioren kümmert. Nachdem gezielt die rund 800 über 75 Jahre alten Gemeindemitglieder angeschrieben worden waren, meldeten sich vereinzelt kritische Stimmen, warum man ausgerechnet sie eingeladen habe. Dem generellen Zuspruch tat dies indes keinen Abbruch. Jedenfalls wurde die Anmeldeliste stetig länger. „Das hat über Mund-zu-Mund-Propaganda irgendwann einen Schneeballeffekt entwickelt“, erinnert sich Sieksmeyer.

Über den Caritas-Ausschuss der Pfarreiengemeinschaft bietet sie regelmäßig Projekte an. „Für dieses Jahr haben wir uns die Krankensalbung ausgesucht und wollten ausprobieren, ob und wie das bei uns läuft“, berichtet die Gemeindereferentin, die zu Beginn zunächst etwas Überzeugungsarbeit leisten musste. Jetzt kann sie sich bestätigt fühlen, einen Nerv getroffen zu haben.

Werner Jürgens

 

Krankensalbung, nicht letzte Ölung

Viele Gemeinden laden regelmäßig zum Gottesdienst mit Krankensalbung ein. Dabei werden die Gläubigen von einem Priester mit Oliven- und Rosenöl gesegnet, das der Bischof in einem Gottesdienst (Chrisammesse) in der Karwoche geweiht hat. Ältere Gläubige verbinden mit der Krankensalbung oft die Erinnerung an die „letzte Ölung“, weil das Sakrament früher zur Sterbestunde gespendet wurde. Heute kann es aber mehrmals empfangen werden, nicht nur in Todesgefahr. Mit dem Sakrament bezieht sich die katholische Kirche auf ein Wort aus dem Jakobusbrief: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen …“ (pe)