26.07.2017

Privatoffenbarungen

Man darf, aber muss nicht

Man nennt es: Privatoffenbarung, die Visionen, die durch die Jahrhunderte immer wieder Menschen hatten. Manchmal erschien ihnen Christus, oft Maria. Was ist davon zu halten? Und muss man das glauben?


Foto: wikimedia/Piotr Frydecki
Aus aller Herren Länder pilgern Menschen nach Medjugorje, die glauben, dass Maria dort erschienen ist. Foto:  wikimedia/Piotr Frydecki


Manche halten es für eine große spirituelle Kraft, andere halten es für bloße Einbildung: die Erfahrung, dass jemandem – oder mehreren gleichzeitig – Christus oder die Gottesmutter Maria erscheint. Manchmal entstehen Wallfahrten an den Orten der Erscheinung: viele nur regional bedeutsam, einige mit einer millionenfachen Anziehungskraft. Aber was sind die Privatoffenbarungen eigentlich? Sind sie echt? Muss man an sie glauben? Ein weites Feld:


1. Was ist Offenbarung?

Unter dem Begriff „Offenbarung“ versteht man in der Kirche eine Selbstmitteilung Gottes. Diese Selbstmitteilung wird im Alten Testament oft als spür- oder sehbare Erscheinung erzählt – etwa die Gotteserscheinung im „brennenden Dornbusch“. Im Neuen Testament sind die Erscheinungen des Auferstandenen vergleichbar, als Letztes davon das „Damaskuserlebnis“ des Paulus.

Oft geschieht die Offenbarung Gottes aber auch unsichtbar „im Herzen“, so bei den Evangelisten oder den anderen biblischen Autoren. Deshalb nennt man sie „Offenbarungsschriften“, Texte, in denen sich Gott den Menschen mitteilt. Nach dem Glauben der Kirche ist diese Offenbarung mit dem Tod der letzten Apostel abgeschlossen. Alles weitere ist Auslegung, Interpretation und hat sich an der Offenbarung in der Heiligen Schrift messen zu lassen.

 

2. Wieso „privat“?

„Privat“ bedeutet nicht, dass jemand diese Gottes-, oder häufiger die Marienerscheinung „privat“, also für sich persönlich bekommen hat, denn manchmal erreicht die Erscheinung mehrere Menschen gleichzeitig (wie etwa in Fatima). „Privat“ bedeutet in diesem Fall: nicht amtlich verbindlich. Der Freiburger Dogmatiker Joseph Schumacher schreibt: „Die Kirche könnte eine Privatoffenbarung gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie wollte, denn ihre Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der göttlichen Offenbarung.“

 

3. Der Grad der Verbindlichkeit

Führt eine Privatoffenbarung zum „öffentlichen Kult“, pilgern also verstärkt Menschen dorthin, stellt sich die Frage, ob sie anerkannt wird. „Anerkannt“ heißt in diesem Fall aber nicht, dass die Kirche die Erscheinung offiziell für „wahr“ erklärt. Ob wahr oder nicht, das lässt sich nicht endgültig klären. Um was es bei der Anerkennung vielmehr geht, formulierte Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben „Verbum Domini“ so: „Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt im wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken.“ Gestattet, aber nicht verpflichtet; in kluger Weise, nicht fanatisch. Sekundär, nicht primär.

 

4. Gibt es das häufig?

Bereits im Jahr 41 soll Maria dem heiligen Jakobus auf einer Säule erschienen sein, während er in Spanien missionierte. Auch das Mittelalter hindurch blieb der typische Visionär männlich, erwachsen, zumeist Kleriker.

Erst relativ spät setzte sich das moderne Erscheinungsbild durch: Mädchen aus dem einfachen Volk sind die Auserwählten, oft Hirten, der Ort einsam gelegen. Beispiele sind das Alpendorf La Salette 1846, das Pyrenäendorf Lourdes 1858 oder das saarländische Marpingen 1876. Experten sehen die Erscheinungen in zeitlichem Zusammenhang mit wirtschaftlichen und politischen Krisen: Hungersnöten, Cholera, Missernten. Eine Häufung gebe es in den 1860er und 1870er Jahren, im Ersten Weltkrieg oder dem Krisenjahr 1933.

Europaweit geht ihre Zahl in die Hunderte mit Spitzen in Italien und Frankreich. Anerkannt wurden nur wenige, zuletzt 1930 die Visionen der drei Hirtenkinder von Fatima; bald darauf die belgischen Erscheinungen von Banneux. Seitdem ist keiner weiteren Erscheinung die offizielle Genehmigung zuteilgeworden; die Prüfung von Medjugorje läuft zur Zeit noch.

 

5. Eine Bewertung ...

... dieser Erscheinungen ist schwierig. Papst Franziskus ist eher jesuitisch-skeptisch. Maria sei doch „keine Oberpostbeamtin, die uns täglich Botschaften schickt“, sagte er im November 2013. Der Freiburger Dogmatiker Schumacher schreibt, Kritik daran sei immer möglich, „wenn sie mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Missachtung vorgetragen wird“.

Von Susanne Haverkamp (mit kna)