Flüchtlinge zeigen im Windthorst-Jubiläumsjahr ein politisches Tanztheater

Mehr Fragen als Antworten

Wie war das auf der Flucht? Und wie ergeht es uns jetzt – hier in Deutschland? Davon wollen Flüchtlinge bei einem Theaterstück in Lingen erzählen: mit Tanz, mit Musik, mit Dialog. Dabei bekommen die Zuschauer mehr Fragen als Antworten mit nach Hause. 

 

Bewegt und bewegend: Seit Januar studieren Flüchtlinge aus Westafrika und Syrien ein Tanztheater ein. Im Ludwig-Windthorst-Haus werden sie ihre Arbeit zum ersten Mal zeigen. Foto: Roman Starke

Nedal Dabas tanzt wie eine Ballerina durch den Saal. Ganz entrückt, graziös, ein Lächeln auf den Lippen. Um die Syrerin herum stehen drei junge Männer von der Cote d‘Ivoire (Elfenbeinküste). Rudernd führen sie ihre Arme vor und zurück – als würden sie sich mit einem Boot durch schwere See kämpfen. „Une autre fois, ein weiteres Mal“, feuert Julia Windisch sie an.

Soll diese pantomimische Szene an eine beschwerliche Flucht über das Meer erinnern? An die Hoffnungen und Träume danach? Windisch, Dozentin im Theaterpädagogischen Zentrum (TPZ) in Lingen, legt sich nicht fest. Es gibt keine fertige Interpretation, jeder Zuschauer kann darin selbst ein Motiv entdecken.

Und davon gibt es viele. Seit Januar proben acht bis zehn Flüchtlinge und Deutsche für ein politisches Tanztheater – eine Kooperation zwischen dem Ludwig-Windthorst-Haus, der gleichnamigen Stiftung und dem TPZ. Am 14. März ist die Inszenierung zum ersten Mal zu sehen (siehe auch „Zur Sache“). „flucht.punkte“ hießt die etwa halbstündige Aufführung. Aber die Zuschauer erwartet keine absehbare Handlung. Sondern assoziative Bilder, die mit Musik und Dialog bewegt und bewegend auf die Bühne gebracht werden. Sie erzählen von der Flucht, von der Ankunft, von der Integration – und wie schwer dieses neue andere Leben in Deutschland ist. Antworten erhält das Publikum dabei weniger – mehr noch werden Fragen am Ende offenbleiben.

„Wir denken nicht an morgen“

Julia Windisch führt Regie bei diesem ungewöhnlichen Tanztheater. Und sie achtet auf Details. „Plus lentement, un moment de silence – langsamer, ein Moment der Stille“, ruft sie den Darstellern zu. Und zeigt den jungen Männern, wie sie erschöpft zusammenfallen sollen: einmal, zweimal, dreimal.

Und einmal, zweimal, dreimal machen Rodrigue, Karamo und Arouna es ihr nach. Ohne das Gesicht zu verziehen, hoch motiviert und engagiert. Alle drei erzählen, wie gut ihnen die Arbeit in dieser Gruppe gefällt. In den vergangenen Wochen sind sie fast zu einer Familie zusammengewachsen. Die meisten leben seit sechs bis acht Monaten in Deutschland. Das bedeutet banges Warten. Wird mein Antrag auf Asyl anerkannt? Darf ich bleiben? Kann ich mir eine sichere Zukunft aufbauen? Diese Zeit, in der sie nicht viel machen dürfen, zermürbt. Die wöchentlichen Proben holen die Flüchtlinge aus dieser unklaren Situation heraus und geben ihnen eine Beschäftigung. „Das hat mir geholfen, ins Leben zurückzukehren“, sagt Nedal Dabas. Weil sie Spaß haben, weil sie lachen – weil sie von sich erzählen können.

Bei einer Aufführung soll es nicht bleiben, die Gruppe möchte das Stück öfter aufführen. Ob dann noch alle Teilnehmer dabei sein können, ist ungewiss. Eine Szene führt das mit fast schmerzlicher Ironie vor Augen. Übertrieben fröhlich singen die Akteure ein deutsches Volkslied. „Uns geht’s gut, wir haben keine Sorgen, uns geht’s gut, wir denken nicht an morgen, uns geht’s gut, wir trinken abends Tee, und wenn wir morgens früh aufstehen, Kathreiners Malzkaffee.“ Nur – so simpel und gut ist es eben für viele Flüchtlinge nicht.

Petra Diek-Münchow

 

 

 

Zur Sache

Das Tanztheater „flucht.punkte“ wird zum ersten Mal am Montag, 14. März, ab 18 Uhr im Lingener Ludwig-Windthorst-Haus aufgeführt. Es ist ein Teil des Festaktes, mit dem die katholische Akademie an den 125. Todestag des Parlamentariers Ludwig Windthorst erinnert.

Dazu wird auch der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff erwartet. Er spricht dabei über das Thema „Religion gehört zu Deutschland“. Anmeldung unter Telefon 05 91/6 10 21 12. Infos zu weiteren Aufführungen bei Amira Racho per E-Mail: racho@lwh.de