16.03.2017

Projektarbeiten von Berufsschülern helfen Demenzkranken

Mit allen Sinnen erinnern

Auch die vermeintliche dröge Facharbeit kann das Leben anderer Menschen verbessern: Das beweisen die Schüler der Berufsbildenden Schulen Marienheim, deren Projektarbeiten jetzt Demenzkranken helfen, sich zu erinnern.

 

Mit sogenannten Themenkisten die Erinnerung aktivieren: Nina Kaßner, Maren Lübbe und Emily Stillwell erproben mit Ewald Behrendt (l.) und Günter Schoppa, ob ihre Ideen funktionieren. Foto: Stefan Buchholz

Mitte Januar dieses Jahres erreichte Emily Stillwell und zwei Mitschüler ein Brief von ihrer Lehrerin. Hildegard Wittke leitete den Schülern der Berufsbildenden Schulen im Marienheim eine Projektanfrage der St.-Elisabeth-Pflege GmbH weiter. Deren Geschäftsführer, Franz Paul, bitte darum, ob Schüler der Fachoberschulklasse 12 für die Demenzgruppen im Altersheim sogenannte Erinnerungskisten zusammenstellen könnten. „Herr Paul erwartet, dass Sie konkrete Vorschläge für den Inhalt der Kisten machen und Prototypen fertigen“, hieß es im Schreiben weiter.

Ganz offiziell wurde die Anfrage so nicht gestellt. Vielmehr ist sie Teil der sogenannten Projektarbeit. Die müssen alle Schüler der Fachoberschule (FOS) Gesundheit und Soziales in der Klasse 12 machen. „Sie sollen lernen, wie Projektmanagement funktioniert, weil das heute eine wichtige Kompetenz im Berufsleben ist“, erklärt Lehrerin Wittke den pädagogischen Hintergrund.

Die Arbeit am Projekt erstreckt sich fast auf das ganze letzte Schuljahr. Im ersten Part steht für die Schüler zunächst eine Facharbeit auf dem Stundeplan. Aus der vielfältigen Themenpalette, die den Gesundheitssektor ausmacht, kann ein Aspekt gewählt werden. „Manche entschieden sich diesmal für den Komplex der Organspende, andere untersuchten, inwieweit Menschen mit multiple Sklerose ihren Alltag nutzen“, schildert Hildegard Wittke. Oder wie bei Emily Stillwell und ihren Mitschülern: Sie untersuchten, welche Bedeutung die sogenannte Biografie-Arbeit für die Betreuung von Demenzkranken hat.

Auch der eher theoretische Part, in dem die Ergebnisse in der Facharbeit festgehalten werden, hat Praxisbezug, sagt Wittke. Die Schüler lernten so vorab, wissenschaftlich zu arbeiten. Denn: Nach dem erfolgreichen Abschluss an der FOS haben die Absolventen das Fachabitur in der Tasche und können studieren. „Da ist es dann von Vorteil zu wissen, wie man sich für ein Thema relevante Literatur beschaffen und sie richtig zitieren kann“, weiß Wittke aus Erfahrungen ehemaliger Schüler.

Für die Erinnerung sind auch der Tastsinn und das Riechen wichtig

In diesem Schuljahr gab es eine Premiere: Nach der Facharbeit erreichte die Schüler – je nach gewählter Thematik – die „fingierte“ Anfrage der St.-Elisabeth-Pflege. Die Idee dazu hatte Geschäftsführer Franz Paul. Denn auch die St.-Elisabeth-Pflege GmbH mit ihren drei Einrichtungen profitiert von der praxisorientierten Mitarbeit der Schüler.

Emily Stillwell und ihre Teamkollegen hatten nach einem Gespräch mit Franz Paul und Betreuern erste Vorstellungen, wie die Erinnerungskisten gestaltet werden müssten. „Als Themen haben wir uns die Bereiche Sport, Schule, Bauernhof und Jahreszeiten und -feste ausgesucht“, sagt Emily Stillwell. Für die Schul-Box beispielsweise besorgten sie eine Kreidetafel und kleine symbolische Schultüten sowie Schwamm und einen Rechenschieber. Mancher Tipp, was in die Kisten passen könnte, kam von den Großeltern, sagte Emilys Mitschülerin Nina Kaßner.

Bei der Vorstellung der Erinnerungskisten im Osnabrücker Paulusheim gab es für die Schüler Lob. Etwa dafür, dass sie auch beim Bestücken der Bauernhof-Box nicht nur die richtige, weil sichtbare und gut fassbare Größe der Tierfiguren berücksichtigten. Auch das Bilderbuch, in dem sich das Fell einer Kuh erfühlen lässt und die transparenten Tüten mit Heu und Stroh kamen gut an. „Für die Erinnerung an biografische Details des Lebens sind auch der Tastsinn oder das Riechen sehr wichtig“, befand Marion Plegge von der St.-Elisabeth-Pflege.

Es gehe darum, den erkrankten Menschen positive Gefühle zu geben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Es tut ihnen sehr gut, wenn Sie merken: Ich kann ja doch noch etwas“, erläutert Plegge.

Die Erinnerungsboxen werden – ebenso wie die von einer weiteren Schülergruppe erstellten Liederhefte mit Schlagern – nun Bestandteil der täglichen Betreuung der Demenzerkrankten. „Es ist für die Schüler sehr motivierend, wenn ihre Arbeitsergebnisse nicht für die Schublade entstehen, sondern einen direkten Praxisbezug haben und auch wirklich benötigt werden“, sagt Hildegard Wittke.

Stefan Buchholz