Syrischer Theaterregisseur dokumentiert Flüchtlingsgeschichten

Mit der Filmkamera durch Deutschland

Anis Hamdoun ist ein „Newcomer“ – ein Neuankömmling, der es unbedingt schaffen will. 2013 flieht der Theaterregisseur aus dem zerbomten Homs in Syrien, fasst Fuß in Osnabrück. Für einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Newcomers“ will er durch Deutschland reisen. Die Caritas unterstützt ihn dabei.

 

Ein eingespieltes Team: Maan Mouslli, Jana Haseloh, Mitglied der Newcomers-Projektgruppe von Exil, und Anis Hamdoun (von links). Im Hintergrund: Sara Höweler und Patrick Hinnenkamp, verantwortlich für den Ton. Fotos: Maik Reishaus für Exil e.V. – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge

Schwarze Augenklappe, Pferdeschwanz, Dreitagebart. Anis Hamdoun weiß, dass er verwegen aussieht und kokettiert damit. „Ja, natürlich bin ich ein Pirat, ein echter Pirat aus dem Mittelmeer“, antwortet er Kindern, die ihn auf der Straße ansprechen. Dann lacht er und rollt belustigt mit seinem gesunden Auge. Manchmal bleibt er auch ernst und erzählt, dass er einen Unfall hatte.

Das linke Auge verliert er durch einen Granatsplitter. Zwei Tage liegt er in einem Untergrundlazarett im Koma, bis es gelingt, den Schwerverletzten nach Damaskus zu schaffen. Ein guter Freund, dem ein Granatsplitter in die Schläfe fährt, überlebt den Raketenangriff nicht. 

Anis Hamdoun, 30 Jahre alt, hat nicht nur diesen Freund sterben sehen. Die traumatischen Kriegserlebnisse in seiner Heimat Syrien und die Trauer verwandelt er in Aktivität. Als er in Osnabrück ankommt, zieht es ihn schnell ans Theater. Er absolviert mehrere Praktika und dreht mit seinem Freund Maan Mouslli, der ebenfalls aus Syrien stammt, den Videoblog „Achso from Osnabrück“. Ein Fernsehformat auf Englisch und Arabisch für Flüchtlinge mit praktischen Tipps zur Wohnungs- und Jobsuche. „Achso from Osnabrück“ heißt der Blog, weil Hamdoun diesen deutschen Ausdruck so lustig findet.

Am Theater Osnabrück inszeniert er das selbst geschriebene Stück „The Trip“. Es beschreibt, was passiert, wenn das Leben durch eine Flucht aus den Fugen gerät. Vor allem aber ist es eine autobiografische Hommage an die Toten des Syrienkriegs, an die ermordeten Freunde.

Anis Hamdoun wächst in einer Theaterfamilie auf. Er studiert zunächst Chemie, verbringt aber die meiste Zeit am Theater, wo sein Großvater, einer der bekanntesten Theaterautoren und -wissenschaftler im arabischen Raum, ihn unterrichtet. Ab 2006 ist Hamdoun als Regieassistent tätig. Während der Arabischen Revolution gegen das Assad-Regime wird er politisch aktiv, organisiert Demonstrationen und hilft internationalen Journalisten bei der Berichterstattung über Homs. 2011 realisiert er ein eigenes regimekritisches Theaterprojekt.

Ein Jahr später, kaum genesen von seiner schweren Verletzung, ist sein bisheriges Leben vorbei. Gerade noch rechtzeitig entkommt der junge Mann Assads Geheimdienst. „Eine Rückkehr wäre mein sicheres Todesurteil“, sagt Anis Hamdoun. Ein Jahr harrt er in Ägypten aus. Schließlich gelingt ihm und seiner Frau die Flucht dank eines UNO-Kontingents: mit einem selbst bezahlten Flug von Kairo über Istanbul nach Hannover und weiter nach Osnabrück.

Inzwischen sprechen der kontaktfreudige Theatermann und seine Frau, eine Literaturwissenschaftlerin, Deutsch fast fließend. Hamdoun ist überzeugt: „Wenn man alles macht, um die Sprache zu lernen, sich zu integrieren, dann kann man hier alles erreichen.“ Dass Neuankömmlinge besonders viel lernen und hart arbeiten müssen, ist ihm bewusst. Über Monate hinweg habe er Zwölf-Stunden-Tage gehabt, mit Intensivdeutschkursen und Theaterproben für „The Trip“.

Gespräche mit Pegida-Vertretern schrecken ihn nicht
 

Auf dem Regiestuhl fühlt er sich wohl: Anis Hamdoun hat
bereits ein Theaterstück in Osnabrück inszeniert.

Nun folgt das nächste ehrgeizige Projekt: Gemeinsam mit dem Fotografen, Radiojournalisten und Dokumentarfilmer Maan Mouslli plant er einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Newcomers“ – eine Bestandsaufnahme über die Menschen, die Hamdoun eben nicht mehr bedürftig „Flüchtlinge“, sondern konstruktiv-anpackend „Neuankömmlinge“ nennen will. Auf einer Entdeckungsreise durch Deutschland werden die Filmemacher auf zahlreiche andere Flüchtlinge treffen, die wie sie selbst neu in einem Land sind, das zwischen Hilfsbereitschaft und Angst, Willkommenskultur und offener Ablehnung gegenüber den „Neuen“ steht. „Wir haben viel Leid gesehen. Vielleicht haben andere Menschen in Europa Ähnliches erlebt. Für uns ist das eine Geschichte, die man erzählen muss“, sagt Hamdoun, der auch vor Gesprächen mit Pegida-Vertretern nicht zurückschreckt.

Das Besondere an der Dokumentation: Sie knüpft auch an deutsche Flüchtlingsschicksale an, denn im 19. Jahrhundert wanderten viele Deutsche nach Amerika aus, nach dem Zweiten Weltkrieg waren zahlreiche Deutsche auf der Flucht. Bekannte Deutsche wie Thomas Mann, Hannah Arendt, Bertolt Brecht oder Hilde Domin verfassten Artikel, Gedichte und Briefe über ihre Erfahrungen im Exil. Gibt es Parallelen zwischen ihnen und den Geflohenen, die bei uns leben? Und können sie beitragen zu mehr Akzeptanz und einem besseren Verständnis? Das wollen Hamdoun und Mouslli herausfinden.

Sara Höweler vom Verein Exil, Projektmanagerin und Produzentin, findet, schon im Filmtitel „Newcomers“ stecke eine Botschaft. In Kanada hätten sich Flüchtlinge selber als „Newcomers“, also Neuankömmlinge bezeichnet und würden auch so genannt. „Das ist eine ganz andere Art von Willkommenskultur“, sagt Höweler. „Flüchtling“ sei zum Wort des Jahres 2015 gewählt worden. Ihr Vorschlag: „Wie wäre es mit ,Newcomer‘ als Wort des Jahres 2016?“

Wenn Anis Hamdoun und seiner Familie die deutsche Staatsbürgerschaft angetragen würde – er würde sie annehmen. Schließlich habe er diese Sprache nicht mühsam gelernt, um sie wieder zu vergessen, sagt er lachend. Was sind seine Träume? Wieder blitzt sein Humor auf: „Ich setze mir immer Fünf-Jahres-Ziele. Jetzt bin ich 30, vielleicht schaffe ich es, mit 35 künstlerisch richtig erfolgreich zu sein.“ Dieser Wunsch klingt realistisch.

Anja Sabel

 

 

Zur Sache

Der Caritasverband für die Diözese Osnabrück unterstützt das Dokumentarfilmprojekt von Anis Hamdoun und Maan Mouslli. Er übernimmt die Trägerschaft und stellt das Fahrzeug für die Deutschlandtour. Der fertige Film soll in möglichst vielen deutschen Städten gezeigt und kostenlos an allgemeinbildende Schulen verteilt werden. Um den Film finanzieren zu können, sind etwa 400 000 Euro nötig. Deshalb wird über ein Caritaskonto zudem eine Art Crowdfunding organisiert. „Den Ansatz, Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, selber zu Wort kommen zu lassen, halten wir für gut“, sagt der stellvertretende Caritasdirektor Günter Sandfort.

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