09.06.2017

Fahrradkurse für Flüchtlingsfrauen

Mit etwas Übung fest im Sattel

Flüchtlingsfrauen aus Afghanistan oder Syrien haben oft noch nie auf einem Fahrrad gesessen. Das wollen sie jetzt ändern. Die Pfarreiengemeinschaft Geeste und die Katholische Erwachsenenbildung helfen ihnen.

Das klappt schon ganz gut: Flüchtlingsfrauen lernen Radfahren. | Foto: Sebastian Hamel

Die Wadenbeine von Eslambibi Tajik sind mit blauen Flecken übersät, doch ihr Wille ist stärker als der Schmerz: Die Afghanin nimmt an einem Fahrradtraining in Groß Hesepe teil. „Na klar, ich kann das auch! – Integration praktisch auf zwei Rädern“, heißt das Angebot der Katholischen Erwachsenenbildung Emsland Mitte (KEB) und der Pfarreiengemeinschaft Geeste. Der Kurs richtet sich an Frauen jeden Alters und jeder Kultur, die das Radfahren in ihren Heimatländern nie gelernt haben. Und so schwingen sie sich an zehn Nachmittagen in Folge auf den Sattel und treten in die Pedale.

„Ich wusste überhaupt nicht, wie es sich anfühlt, einen Lenker festzuhalten“, sagt Karida Jafari, die aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. In ihrer Heimat ist es verpönt, wenn Frauen mit dem Rad unterwegs sind. Ähnliches wissen ihre Mitstreiterinnen aus Afghanistan zu berichten, wo die patriarchalen Strukturen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen enorm einschränken.

Entsprechend wichtig ist ein behutsamer Start beim Umgang mit den unbekannten Vehikeln. Mit der zertifizierten Radfahrlehrerin Theresia Debeerst-Debevere steht den Frauen eine erfahrene und einfühlsame Kursleiterin zur Seite. Das Programm beginnt zunächst mit einigen theoretischen Hinweisen und ersten Gleichgewichts- und Koordinationsübungen. Die Frauen können für den Einstieg auf Roller und Miniräder zurückgreifen, die die KEB angeschafft hat. Die Hasetal-Touristik stellt darüber hinaus größere Damenräder kostenlos zur Verfügung.

„Es ist mir richtig peinlich, das nicht zu können"

Neben der Angst vor Stürzen gibt es erst eine gewisse Skepsis unter den Frauen: „In zehn Tagen das Radfahren lernen? Das kann ich nicht glauben.“ Doch mit jeder neuen Einheit machen sich weitere Fortschritte bemerkbar, und der Wunsch nach Unabhängigkeit und Mobilität spornt die Radfahrschülerinnen an. Eslambibi Tajik etwa hat zwei kleine Kinder, die bereits flink auf ihren Rädern umhersausen – zu Fuß ist es da mühsam, Schritt zu halten. Offen gibt sie zu: „Alle fahren hier mit dem Rad. Da ist es mir richtig peinlich, das nicht zu können.“

Erfreut verfolgt auch Annegret Marien, Gemeindereferentin in Groß Hesepe, das Geschehen. Auch sonst engagieren sich viele für Flüchtlinge in der Gemeinde, das reicht vom Sprachkurs über einen Offenen Treff bis hin zu Grillabenden oder Zoobesuchen. „Wir wollten aber noch konkret etwas machen, um die Integration zu fördern“, sagt Annegret Marien. Bei der Aktion „Platt inne Kärke“ kamen bereits im Frühjahr vergangenen Jahres zahlreiche Spenden zusammen, die ein Startkapital für das Projekt bildeten. Mit der KEB und weiteren Unterstützern gelang das Vorhaben schließlich.

Runde um Runde drehen die Frauen auf dem Parkplatz der Kirche St. Nikolaus. Bisweilen noch etwas wackelig, aber eine sich anbahnende Souveränität ist deutlich spürbar – und der Erfolg gibt allen Beteiligten recht. Am vorletzten Kurstag erzählt Eslambibi Tajik stolz: „Ich habe es heute zum ersten Mal bis zum Kindergarten und zurück geschafft – das sind immerhin zwei Kilometer.“

Sebastian Hamel

Die Veranstalter möchten die Teilnehmerinnen gern mit eigenen Rädern ausstatten. Wer ein Gefährt spenden will: Annegret Marien, Telefon 0 59 37/18 83