Wie drücken Gesten den Glauben aus? Ein Fotoprojekt im Forum am Dom

Mit leeren Händen vor Gott

Ein Bild sagt oft mehr als viele Worte. Das macht sich die Fotokünstlerin Valérie Wagner zunutze: Die 50-Jährige versteht es, Menschen in Szene zu setzen und so Geschichten zu erzählen. „Ohne Worte“ heißt auch ihr aktuelles Kunstprojekt, das nun in Osnabrück zu sehen ist.

 

Weltweit verbreitete Gebetshaltung: Die Hände sind wie eine Schale geöffnet, um den Geist Gottes aufzunehmen. Foto: Valérie Wagner

Sie sind gefaltet, sie segnen, zünden eine Kerze an, halten das Gesangbuch: Hände nehmen in der Liturgie eines Gottesdienstes verschiedene Haltungen ein. Sie sind Ausdruck eines persönlichen Glaubens und geben Außenstehenden manchmal Rätsel auf. Es war dieser Gedanke, der Valérie Wagner inspirierte.

In zwei Workshops mit Teilnehmern verschiedener christlicher Konfessionen machte sie sich auf die Suche nach persönlichen und authentischen Ausdrucksformen des Glaubens. Als reformierte Protestantin stand sie dabei den Ritualen anderer Konfessionen ganz unbefangen gegenüber. „Mir ging es nicht um richtig oder falsch, sondern um den individuellen Ausdruck.“

Erzählen will die Künstlerin immer von Menschen. Und sie erzählt die Geschichten mit den Mitteln der Fotokunst. Zum Beispiel von Frauen und Männern, die sich mitten im Lärm der Großstadt bewusst für eine andere Lebensform entschieden haben. Für die 3. Triennale der Photographie in Hamburg 2005 hat sie mit dem Kunstprojekt „Diesseits“ plakativ 17 Nonnen und Mönche – darunter Franziskaner, Dominikaner, Karmelitinnen – großflächig in dreiteiligen Schwarz-Weiß-Bildern in Szene gesetzt.

Die Idee dazu kam ihr, als sie um die Jahrtausendwende ein paar Tage im Benediktinerkloster Nütschau bei Bad Oldesloe verbrachte. Auch damals schon hat sie ihren Blick auf das Wesentliche konzentriert: Von Kirchtürmen und Bürofassaden sahen die Passanten auf die Augen, Hände und Füße der Ordensschwestern und Mönche.

Augen erzählen viel von Menschen, sagt Valérie Wagner. Und Hände: „Hände machen uns zu Handelnden in der Welt. Sind die Nägel abgekaut, ist die Haut voller Schwielen? So wird der Mensch spürbar. “ Für die Fotografin zogen die Ordensleute auch ihre Schuhe aus, um mit bloßen Füßen auf dem Großstadtasphalt zu posieren.

Einen anderen Blick auf Details vermittelt das Kunstprojekt „Der Heilige Strohsack“. Für vier Wochen hatte sie dazu 2013 das Pfarrhaus in der evangelischen Gemeinde Körchow in Mecklenburg zu einem Künstleratelier umfunktioniert. „Was ist euch heilig?“, hat sie die Menschen in Körchow gefragt, und immer mehr klopften dann mit ihren „heiligen Gegenständen“ an ihre Tür: mit Familienfotos, Psalmversen, mit alten Puppen oder Sand von Rügen. Unscheinbare Dinge, die plötzlich wertvoll werden, wenn man die Geschichten kennt, die mit ihnen verbunden sind.
 

Hände erzählen viel über einen Menschen und
machen ihn zu einem Handelnden in der Welt,
sagt Valérie Wagner. Foto: Monika Sendker

„Mit meinen Bildern für Irritationen sorgen"

Das Unsichtbare sichtbar machen, das ist ihr Anliegen. „Mit der  Kamera entdecke ich das Besondere im Alltäglichen und das Verborgene hinter dem Offensichtlichen“, sagt Valérie Wagner. Sie will keine schönen Fotos machen, sondern neue Perspektiven und Sichtweisen entwickeln und damit berühren und bewegen.

Ihr Talent hat die gebürtige Detmolderin im Studium entdeckt. 1986 kam sie nach Hamburg und studierte zunächst Musik- und Literaturwissenschaft, anschließend dann drei Jahre Freie Kunst und Stagemanagement in London. Seit 1992 arbeitet sie als freischaffende Fotokünstlerin. „Ich möchte die Schubladen der Menschen im Kopf durcheinanderbringen, mit meinen Bildern für Irritationen sorgen“, beschreibt die Hamburgerin ihre Motivation.

Sie kann viele Einzelausstellungen im In- und Ausland vorweisen, und dabei sind die religiösen nur die eine Hälfte ihrer Arbeit. „Aber ich bin ein spiritueller Mensch“, sagt sie. „Mich interessiert, was die Menschen im Innersten zusammenhält. Was bewegt sie im Herzen? Was trägt sie hinter ihren Äußerlichkeiten? Ich möchte Bilder finden, wofür Worte fehlen.“

Für das Projekt „Ohne Worte“ hat sie die Teilnehmer nach Gesten gefragt, die sie mit ihrem Glauben verbinden. 20 großformatige Schwarz-Weiß-Bilder hat sie zusammengestellt zu der Ausstellung, die schon in Hamburg, St. Peter Ording, Damp, Kiel und zuletzt in Berlin zu sehen war. 32 Aufnahmen sind in dem dazu erschienenen Katalog veröffentlicht. Für den Titel steht – ganz untypisch – ein Bild mit hängenden Händen. „Da ist kein Brimborium: Der Mensch steht mit leeren Händen vor Gott. Das ist sehr ausdrucksstark“, findet die Künstlerin.

Monika Sendker

 

Die Fotoausstellung „Ohne Worte“ ist vom 17. Februar bis 21. März in Osnabrück im Forum am Dom, Domhof 12, zu sehen. Eine öffentliche Führung durch die Ausstellung findet am Freitag, 19. Februar, ab 18 Uhr statt.  Außerdem gibt es einen musikalisch-poetischen Abend mit Sibylle Kühn und Johanna Maria Weglage (Saxophon) am Donnerstag, 10. März, um 19.30 Uhr. Das Forum am Dom ist geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.