15.06.2017

Flüchtlinge auf Arbeitssuche

Mit so hohen Hürden nicht gerechnet

Arbeit ist wichtig für die Integration. Aber es wird noch einige Zeit dauern, bis aus Flüchtlingen Kollegen werden. Der Marathon der Arbeitssuche hat gerade erst begonnen. Besuch bei zwei syrischen Neuankömmlingen – in einer Apotheke und in einer Werkstatt für Metalltechnik.

Reem Koukeh berät eine Kundin in der Mönkemarkt-Apotheke
in Osnabrück. Fotos: Anja Sabel

Sorgfältig tippt Reem Koukeh den Namen des Medikaments in den Computer. Sie nimmt sich Zeit, schaut lieber zweimal aufs Rezept. Und bevor die Packung über den Tisch geht, erklärt sie der Kundin genau die Dosierung. Reem Koukeh, 38 Jahre alt, ist in ihrem Element. Das merkt man der freundlich-zurückhaltenden Frau mit dem farblich zur Kleidung passenden Kopftuch nicht sofort an. Nur wer sie eine Weile beobachtet, merkt, wie viel Spaß ihr die Arbeit macht. Sie berät sicher und in gut verständlichem Deutsch, und wenn sie sich mit den Kolleginnen unterhält, huscht oft ein Lächeln über ihr Gesicht.

Reem Koukeh aus Syrien, seit 15 Jahren Apothekerin, ist in Deutschland wieder Pharmaziepraktikantin – aber froh, dass sie diese Chance bekommen hat. Die Osnabrücker Mönkemarkt-Apotheke stellte sie vor einem knappen Jahr ein. Das Praktikum ebnet ihr den Weg, die Approbation, also die Zulassung zum Apothekerberuf, wiederzuerlangen.

Dass die Hürden so hoch sind, damit hat die Mutter einer kleinen Tochter nicht gerechnet. Nach ihrer Flucht Ende 2013 aus dem zerstörten Großraum von Damaskus paukte sie Deutsch „wie verrückt“. Die Mühe hat sich gelohnt. Aber um wieder als Apothekerin arbeiten zu können, muss sie nachweisen, dass sie auch Inhalte komplexer Texte und Fachdiskussionen versteht. Außerdem muss sie belegen, dass ihr Studium dem deutschen gleichwertig ist.

Das ist zwar der Fall, dennoch gibt es große Unterschiede. Reem Koukeh muss sich zum Beispiel mit dem Krankenkassensystem vertraut machen und wissen, dass es aufgrund der konkurrierenden Pharmaindustrie viele verschiedene Anbieter für ein Medikament gibt. In ihrer Freizeit lernt sie für das dritte Staatsexamen, denn das deutsche Pharmaziestudium schreibt Pflichtfächer vor, die es im Ausland so nicht immer gibt, etwa Seminare im Bereich Recht.

An manchen Tagen, bekennt Reem Koukeh, sei sie so erschöpft gewesen, dass sie ans Aufgeben gedacht habe. „Ich fange ja nicht bei Null an, sondern darunter“, sagt sie. Eine eigene Apotheke in Syrien, eine Wohnung, ein Auto:  „Wir hätten unsere Heimat nie freiwillig verlassen, der Krieg ließ uns keine andere Wahl.“ Ihr Bruder, der schon lange in Deutschland lebt, bürgte für die Familie der Schwester, deshalb konnte sie mit Visum per Flugzeug einreisen.

„Haben Sie Lust, eine syrische Apothekerin kennenzulernen?“

Eine fremde Sprache, ein fremdes Land, fremde Menschen – und traumatisiert von den Kriegserlebnissen: Reem Koukehs Tochter tat sich am schwersten mit all dem Neuen. „Sie weigerte sich, Deutsch zu lernen und sprach im Kindergarten nicht. Das hat mir große Sorgen gemacht“, sagt die Mutter. Jetzt, in der ersten Klasse, sei es besser geworden.
Bei der Arbeitssuche hatte Reem Koukeh Glück. Ein Bekannter spazierte einfach in die Apotheke und fragte: „Haben Sie Lust, eine syrische Apothekerin kennenzulernen?“ Die Leiterin, Kathrin Frankenberg, wollte. Und stellte Reem Koukeh als Pharmaziepraktikantin ein. „Darüber habe ich gar nicht lange nachgedacht“, sagt Frankenberg. „Meine Eltern sind in der Gastronomie tätig und haben in den 90er Jahren auch Kriegsflüchtlinge beschäftigt.“

Unsicher war Reem Koukeh, ob sie mit Kopftuch arbeiten darf. Doch dann traf sie in einer anderen Apotheke auf eine türkische Mitarbeiterin mit Kopftuch. „Das hat mich hoffen lassen“, sagt sie. Dennoch: Einige Kunden stören sich am Tuch, „sie sagen mir direkt, dass sie von einer anderen Kollegin bedient werden wollen“.

Nach ihrer Prüfung wird Reem Koukeh wieder Bewerbungen schreiben müssen. „Wir haben keine Apothekerstelle frei“, sagt Kathrin Frankenberg, ist sich aber sicher: „Mit ihrem Abschluss hat sie woanders gute Chancen.“ Und erzählt munter weiter: „Manchmal fragen Kunden, die kaum Deutsch verstehen, direkt nach Frau Koukeh. Bestimmte Fachbegriffe schreibt sie uns sogar auf Arabisch auf, bevor sie in den Urlaub geht.“

Ali Thabet macht zurzeit eine Umschulung zur Fachkraft für
Metalltechnik.

Um Flüchtlinge auszubilden und in den Arbeitsmarkt zu bringen, gründen Handelskammern, Handwerkskammern und Unternehmen, Arbeitsagentur und Bildungsministerium zahlreiche Initiativen und Zusammenschlüsse. Dass die Integrationsmaschine dennoch nur langsam in Gang kommt, liegt vorwiegend an mangelnden Sprachkenntnissen, fehlenden Nachweisen über Schulabschlüsse und Berufe sowie einer unzureichenden Qualifizierung. So wird die Arbeitssuche zum Marathon. Im Schnitt dauert es fünf Jahre, bis aus den Neuankömmlingen Kollegen werden. Dagmar Riemann vom Förderzentrum des Jobcenters Osnabrück spricht sogar von bis zu sieben Jahren. Doch es geht auch deutlich schneller wie bei Ali Thabet, den sie als Jobcoach betreut. Der 41-Jährige Vater von vier Kindern legt Ende Juni seine Gesellenprüfung zur Fachkraft für Metalltechnik ab.

Als die Familie 2014 in Deutschland ankam,  hatte sie eine Odyssee hinter sich: Flucht aus dem kriegszerstörten Syrien nach Libyen, von dort drei Tage mit dem Boot über das Mittelmeer nach Italien, mit dem Zug nach Deutschland. Über diese Zeit spricht Thabet nicht viel. „Wir leben jetzt hier in Frieden, das ist das Wichtigste, sagt er leise. Eine Tochter geht zum Gymnasium, eines der Kinder besucht die Drei-Religionen-Schule in Osnabrück. Und er selbst wollte unbedingt arbeiten.

„Einige Sätze formuliert er besser als so mancher deutsche Arbeitskollege“

Im Januar 2016 kam Ali Thabet ins Förderzentrum. Er habe als Schlosser und in einer Kfz-Werkstatt gearbeitet, berichtet er. Schriftliche Nachweise gibt es nicht. Aber er ist handwerklich geschickt, hat mehrere Tests bestanden: Metall bohren, schweißen, technische Zeichnungen anfertigen, mathematische Berechnungen anstellen. Und so startete nur drei Monate nach dem ersten Gespräch mit Jobcoach Dagmar Riemann seine Umschulung im Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Ausbildungsleiter Michael Knoop ist sehr zufrieden mit ihm. Mehrmals fällt das Wort „Lichtblick“. Auch seine Deutschkenntnisse machen täglich Fortschritte. „Einige Sätze formuliert er schon besser als so mancher Arbeitskollege“, sagt Knoop anerkennend. „Wenn er die Prüfung besteht, bin ich mir sicher, dass er bald eine Stelle findet.“

Ali Thabet ist da noch skeptisch – auch was sein Deutsch betrifft. Was er aber schnell erkannt hat: Sprachkurse sind notwendig, aber richtig gut lernt man eine neue Sprache erst in Alltagsgesprächen.

Anja Sabel