„Fasten im Alltag": über freigesetzte Energie, Fastenkoller und die innere Freiheit

Mit Vergnügen verzichten

Schwester Judith Terheyden ist Expertin, wenn es um den zeitweisen Verzicht auf feste Nahrung geht. Seit über 20 Jahren bietet die Thuiner Franziskanerin „Fasten im Alltag“ an. Ihre Kurse in Bremen sind ausgebucht. Was macht Fasten so beliebt?

 

Fastenmahlzeit: eine leichte Tomatensuppe und ein Getränk. Geeignet
sind Wasser, Tees ohne Aromastoffe und verdünnte Fruchtsäfte.
Foto: Jörg Sabel

Fasten scheint das neue Wohlfühlprogramm zu sein, es liegt im Trend. Was hat die Kirche mehr zu bieten als Wellness?

Wer bewusst fastet, nimmt Körper, Geist und Seele besser wahr, er schärft die Sinne – auch für Veränderungen. So bieten unsere einwöchigen Fastenkurse nicht nur die Möglichkeit, den Körper zu entschlacken, sondern sich neu Gedanken zu machen, wie man mit sich selbst ins Reine kommen kann. Die Teilnehmer treffen sich freiwillig am späten Nachmittag, tauschen sich aus, sprechen über Probleme wie schmerzende Gelenke oder Kopfschmerzen. Das hilft ihnen und stärkt sie, wenn sie der „Fastenkoller“ packt. Wir machen auch meditative eutonische Übungen in kleinen Schritten. Das heißt, wir erspüren jeden Körperbereich, der sich durch das Entgiften bemerkbar macht. Außerdem spiele ich leise Musik und lese christliche Texte oder ein Gebet, das von Stille und vom Angenommensein handelt.

Wie reagiert der Körper auf den Verzicht auf feste Nahrung? Und welche Tipps geben Sie bei Problemen?

Bleiben wir mal bei den Kopfschmerzen. Man muss wissen: Solange der Darm nicht ganz geleert ist, hat brummt der Kopf. Das bessert sich aber. Wenn jemand Magenprobleme hat und nicht mit Tee in den Tag starten kann, sondern eine Grundlage braucht, empfehle ich Haferschleim oder Joghurt – alles, was man nicht kauen muss. Sobald wir kauen, regen wir die Verdauung an. Wenn die Schleimhäute entgiften, hat der Fastende auch das Gefühl, aus dem Mund zu riechen. Dann kann er besser in eine Scheibe Zitrone beißen statt Kaugummi zu kauen. Der Kauprozess signalisiert dem Magen: „Jetzt kriegst du was.“ Dann knurrt er. Allgemein rate ich schon am Informationsabend, nicht breitzutreten, dass man fastet. Sonst wird man verunsichert. Die einen sagen: „Das könnte ich nicht.“ Die anderen: „Ich habe im Fernsehen gesehen, dass das gar nicht gesund ist.“ Wenn jemand chronisch krank ist und Tabletten nimmt, verlange ich eine Bescheinigung, dass der behandelnde Arzt jederzeit erreichbar ist. 

Fasten Sie auch selbst?

Nicht so streng, weil ich ein starkes Medikament nehmen muss. Aber wir fasten im Konvent, haben zwei Reistage in der Woche und essen kein Fleisch.

Wie gelingt das „Fasten im Alltag“, ohne dass ich geschwächt vom Bürostuhl falle?

Sie fallen nicht vom Stuhl! Wenn der Darm leer ist – und das habe nicht nur ich so erfahren – kann man sogar mehr leisten. Denn die Energie, die nicht zur Verdauung gebraucht wird, steht zusätzlich zur Verfügung. Zum Beispiel hat sich eine Teilnehmerin, 70 Jahre alt, selbst überrascht. Ihr Haus hat drei Etagen. Normalerweise fängt sie schon auf der zweiten Etage an, nach Luft zu schnappen. Während des Fastenkurses musste sie mit dem Schornsteinfeger auf den Dachboden. Oben angekommen, war sie erstaunt. Nicht ein einziges Mal hatte sie sich zwischendurch ausgeruht.
 

Mit Literatur stimmt sich Schwester Judith
Terheyden auf die Fastenkurse ein. Foto:
Anja Sabel

Und was passiert beim Fasten mit Geist und Seele?

Spiritualität wird freigesetzt; die Einheit von Leib, Geist und Seele ist deutlich spürbar. In meinen Kursen ergibt sich so manches geistliche Gespräch. Und einige Teilnehmer, die nach der Arbeit zum Fastenkurs kommen, gehen anschließend gleich noch um 18 Uhr zum Gottesdienst und erleben die Kirche als Ruheort. 

Außer auf Nahrung zu verzichten – ist die Fastenzeit nicht auch so etwas wie ein „Trainingslager der Menschlichkeit“?

Wir sind im Jahr der Barmherzigkeit, da werde ich das tatsächlich auch zum Thema machen. Zum Beispiel gibt es Leute, die sich unglaublich schwertun mit den Flüchtlingen. Vielleicht denken sie mal darüber nach: Wie war es bei mir? Musste ich auch schon meinen Wohnort verlassen oder wurde vertrieben? Und wenn es nur ein Lächeln ist, das ich auf der Straße oder im Bus weitergebe und Fremden signalisiere: „Ihr seid unter Menschen, die euch akzeptieren!“

Noch mal ganz direkt gefragt: Wieso macht es Sinn, eine Zeitlang auf Dinge zu verzichten, die mir angenehm sind?

Wenn ich abends vor dem Fernseher bewusst auf die Tafel Schokolade verzichte oder das Glas Wein, entdecke ich die eigene Freiheit wieder. Diese Freiheit gibt mir Spielraum für etwas anderes, zum Beispiel, um der Frage nachzugehen, wie es um meine Beziehung zu Gott steht. Es ist jedem Einzelnen überlassen, was er sich vornimmt, zu tun. Da gibt es Tausende Möglichkeiten. Wichtig ist nur zu erkennen: Ich brauche bestimmte Dinge nicht, um zum Wesentlichen zu kommen. Und das Wesentliche ist die Leib-Geist-Seele-Einheit.

Interview: Anja Sabel