06.01.2016

Erfahrungen aus Berlin und dem Jemen

Muslime werden Christen

Die Taufe des Johannes ist Vorbild für das grundlegende christliche Sakrament. Von ihm ließ Jesus sich taufen. Seine Jünger wiederum tauften andere „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Das ist mehr als ein Ritual. Taufe ist riskant und hat Folgen.

Rund 500 kleine und große Muslime ließen sich in Berlin bereits taufen. Foto: epd-bild

In der evangelisch-lutherischen Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz wird fast jeden Sonntag getauft. Vor allem bisherige Muslime aus Afghanistan und dem Iran. Rund 500 sind es mittlerweile, so viele, dass die Steglitzer Gemeinde sich von ihrer Zehlendorfer Schwestergemeinde, mit der sie einst wegen Gläubigenmangels fusionierte, wieder trennen wird. Pfarrer Gottfried Martens sieht darin „ein Wunder des Heiligen Geistes“. Weniger spirituell erklärt er es mit Mund-zu-Mund-Propaganda: Einer der Bekehrten ist vom Gemeindeleben und seinem neuen christlichen Glauben so überzeugt, dass er einen Freund mitbringt. „Ab einer gewissen Zahl entwickelt das eine Eigendynamik.“

Für jene, die am Christentum interessiert sind, bietet die Gemeinde Taufkurse an, an deren Ende Prüfungen stehen. „Da checken wir dann schon genau, wen wir taufen und wen nicht“, berichtet Martens in einem Interview. Zudem blieben über 90 Prozent der neuen Gemeindeglieder dabei, auch wenn ihr Asylantrag angenommen ist. „Hätten sie sich aus glaubensfremden Motiven taufen lassen, könnten sie ja einfach verschwinden. Das machen sie aber nicht.“

 

Warum lassen Muslime sich taufen?

Einen der Gründe, warum vor allem Iraner in seine Gemeinde kommen, sieht Pfarrer Martens in dem hohen Bildungsniveau, so dass die Menschen mit Blick auf andere Religionen offener  und informierter seien. Außerdem mache die Leidensfrömmigkeit vieler Schiiten sie aufgeschlossen für die Botschaft vom Kreuzestod Christi. Und schließlich ließen die schlechten Erfahrungen mit dem tatsächlich gelebten Islam sie enttäuscht nach einer Alternative suchen.

Doch die Erfahrungen der Berliner Gemeinde berühren einen Punkt, der umstritten ist: Sollen Christen unter den Flüchtlingen missionieren? Die Evangelische Kirche im Rheinland etwa stellt im Diskussionspapier „Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“ die gezielte Bekehrung von Muslimen infrage. Der sogenannte Missionsbefehl Jesu, „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19) habe „weniger den Charakter des Befehls, die Welt zu missionieren und alle zu Christen zu machen, vielmehr geht es um die explizite Erlaubnis, die gute Botschaft auch unter den Völkern bekannt machen zu dürfen“. Christen und Muslime sollten zwar in einen Dialog treten, doch eine „strategische Islammission oder eine Begegnung mit Muslimen in Konversionsabsicht“ sei „entschieden abzulehnen“.

Vielleicht ist es eher eine Frage des Stils. So sagt Joachim Lenz, Direktor der Berliner Stadtmission, die Notunterkünfte für Asylsuchende betreibt: „Wir versuchen, Menschen so anzusehen, wie Gott sie ansieht, als geliebte Geschöpfe. Wir sagen nicht, da kommen ganz viele Missionierungsobjekte zu uns. Wir empfangen sie, indem wir ihnen ein warmes Bett geben, etwas zu essen und indem wir versuchen, ihnen erste deutsche Worte beizubringen. Und wir hoffen durchaus, dass sie uns fragen, warum wir das machen“, erklärt der Theologe.

Auch Pfarrer Martens will christliche Hilfe nie davon abhängig machen, ob sich ein muslimischer Flüchtling für die biblische Botschaft interessiert. „Sie schätzen das Christentum ja auch, weil es eine Religion ohne Zwang ist. Was überzeugt, ist der Lebensstil, sind Freude und Hoffnung, die Christen ausstrahlen.“ Das spürte auch Said, als er aus dem kriegszerstörten Jemen nach Europa kam.

 

Das Beispiel von Said aus dem Jemen

Said stammt, so berichtet er  kürzlich auf einem Kongress in Schwäbisch Gmünd, aus einer traditionellen muslimischen Familie. „Schon als Achtjähriger suchte ich Gott: Ich hatte Angst vor ihm, aber auch Hunger nach ihm.“ Eine Tante schickte ihn auf eine Islamschule, die wie viele auf der arabischen Halbinsel zur konservativ-wahhabitischen Tradition gehörte. „Als Muslim wollte ich dem Propheten Mohammed folgen, war aber enttäuscht von den Lehrern, weil sie uns ständig sagten, dass wir Christen, Juden, Europäer, Amerikaner und die schiitischen Ketzer hassen sollten.“ Hinzu kam Saids Ungewissheit, ob er in den Himmel käme. „Ich wollte Märtyrer werden, weil ich Angst vor Gott hatte, nicht weil ich töten wollte“, beschreibt er seine schlimmsten Fantasien.

Dann lernte Said Menschen kennen, die ihn in die Niederlade einluden. Erstmals erlebte er ein freies Land und täuschte die Behörden, um länger bleiben zu können. Er traf auch Christen, spürte Hass aufsteigen, der ihm als Kind beigebracht worden war. Und war irritiert, weil diese „Ungläubigen“ ihm freundlich begegneten. Sie gaben ihm eine Bibel, die er nach einigem Zögern tatsächlich aufschlug. Denn noch immer suchte Said nach Gott – auch in der örtlichen Moscheegemeinde, deren Imam die Welt in muslimisch-ungläubig einteilte. Der evangelische Pfarrer, dessen Gottesdienste Said mitunter besuchte, war anders. „Der sagte Gutes auch über Muslime und erbat Gottes Segen für sie.“ Irgendwann war Said reif: „Ich übergab mein Leben Jesus“, formuliert er in der für evangelikale Christen typischen Weise.

Und das hatte Konsequenzen. „Jesus sagte mir: ‚Geh zur Behörde und sag ihnen, dass du sie belogen hast.‘ Das tat weh; ich habe mich lange gewehrt.“ Als er dann doch gestand, bei der Einreise falsche Angaben gemacht zu haben, kam es, wie es kommen musste. Said wurde abgeschoben. In seiner alten Heimat schloss er sich einer christlichen Gemeinde an, überlebte ein halbes Jahr im Gefängnis, konnte auf Einladung niederländischer Freunde in Europa studieren. „Ich danke den Christen, die mir geholfen haben, dass ich bei meiner Suche nach Gott nicht den falschen Weg gelaufen und schlimmstenfalls am 13. November in Paris als Attentäter gelandet bin.“

Von Roland Juchem