11.01.2018

Für die Welt von morgen

Nachhaltigkeit in der Schule lernen

Nachhaltigkeit wird auch im Lehrplan von Schulen immer wichtiger. Wie verhalte ich mich, damit Menschen in Zukunft unter guten Bedingungen leben können? So untersuchen Schüler eines Gymnasiums die Umweltbelastung bei der Lebensmittelproduktion.

„Und bitte dran denken: Damit alles dicht bleibt, die Kolbenöffnungen mit Vaseline einschmieren.“ Lars Otte setzt sich die Schutzbrille auf und wartet darauf, „Feuer frei“ für die kleinen Versuchsanlagen zu geben. Der Lehramtsstudent ist im kleinen Hochschullabor der Universität Osnabrück der Experte. „Heute geht es um die Wurst“, erklärt Otte, mit welchem Experiment es die Schüler des Gymnasiums Carolinum zu tun bekommen: Veggiewurst oder normale Mortadella – welche Wurst ist nachhaltiger produziert? 

Im neu angebotenen Seminarfach „GreenLab“ untersuchen die Schüler in Zusammenarbeit mit der Hochschule diverse Fertigprodukte vom Inhalt bis zur Umverpackung. Auch diskutieren sie, ob vegane Produkte wirklich nachhaltiger sind als ein Fleischprodukt. „Auf den ersten Blick ist es für die Schüler oft recht einfach zu entscheiden. Wenn dann aber zum Beispiel die Transportwege für Sojapflanzen, die die Basis vieler veganer Produkte darstellen, mit einbezogen werden, sieht die Rechnung schon wieder anders aus“, erläutert der Osnabrücker Chemiedidaktiker und Juniorprofessor Marko Beeken. Gefördert wird das Projekt von der Robert-Bosch-Stiftung.

Auch Transportwege müssen berücksichtigt werden

Zurück zur Wurst: Die Gymnasiasten sollen zunächst herausfinden, in welchem Produkt mehr Fett drinsteckt. Geschmacklich lassen sie sich nicht unterscheiden. Der Blick auf die Zutatenliste der Verpackung zeigt: Herkömmliche Wurst setzt tierische Fette ein, Veggiewurst  setzt als Geschmacksträger auf pflanzliche Stoffe. Mit Kolben, Glasröhren, Hitze und Aceton gelingt es den Schülern schließlich, eine eindeutige Aussage zu treffen: Das meiste Fett ist in der Mortadella. Und das stammt von Tieren. Und wie sieht es aus mit der geschmacksidentischen Veggiewurst? Ihr wurden Eier und Sonnenblumenöl zugesetzt. Ist sie deshalb nachhaltiger? Weil sie auf Futtermittelimporte verzichtet und sich um Massentierhaltung und Tierwohl nicht zu kümmern braucht? Ganz so einfach ist es nicht, erklärt Lehrerin Anja Meyer, die aufgrund des großen Interesses per Los entscheiden musste, wer am Seminarfach teilnehmen kann.  

Vor dem Experimentieren im Uni-Labor waren die Schüler im Supermarkt. Sie sollten einen Überblick über die wachsende Fülle der „Convenience-Artikel“ bekommen – jener Lebensmittel, die bereits vorverarbeitet sind und sich schneller zubereiten lassen. In welchem Verhältnis stehen die Fertigprodukte zu Ökologie und Nachhaltigkeit? Es folgte die wissenschaftliche Analyse beispielsweise anhand der Fettextraktion. „Hier haben wir anschließend darüber gesprochen, wie ökologisch und nachhaltig es ist, auf tierische Fette zu verzichten und stattdessen zum Beispiel Eier zu nehmen. Eine Frage, die auftauchte, ist: Wie sieht die Hühnerhaltung aus, aus der die Eier stammen“, berichtet Lehrerin Meyer. Daher geht es im Laufe des Seminarfaches auch zu landwirtschaftlichen Betrieben und zu Firmen, die konventionelle Wurst und Veggieprodukte herstellen.

Ein Projekt, das fürs Leben prägt 

Weitere Exkursionsziele sind der Besuch eines Klärwerkes mit Mikroplastikfilter und ein Tag am Meer. An der Nordseeküste sollen Umweltbelastungen untersucht werden. Auch ein Wochenendworkshop zur Frage „Was ist eigentlich Nachhaltigkeit – und wie lässt sie sich theologisch und philosophisch grundieren?“ ist geplant. Im Laufe der anderthalb Jahre müssen die Schüler das Thema an einem Beispiel fachlich erarbeiten und auf 15 Seiten das Thema Nachhaltigkeit beurteilen – ein Projekt, das fürs Leben prägt. 

Doch das ist Zukunftsmusik. Im Moment geht es um die Wurst. „Mir gefällt die Kombination verschiedener Fächer und das Beleuchten des Themas aus mehreren Perspektiven“, sagt Zoe Rehme, während das reine Fett in den Kolben blubbert. Andere loben den Praxisansatz des Seminarfaches – jenseits von Monothematik und 45-Minuten-Takt.

Stefan Buchholz