Wie ein Auslandsjahr Menschen verändert

Nachher ist vieles anders

Wie verändern sich Menschen, wenn sie ein Jahr im Ausland sind? Die Freiwilligen der Jesuitenmission erfahren das bei ihrer Arbeit in sozialen Projekten. Sie kehren verändert zurück. Dorothee Krings und Andreas Krebs haben Freiwillige vor und nach ihrem Auslandsjahr interviewt und fotografiert. 

 
Mirjam Lang vor ihrem Jahr in Simbabwe
Foto: Herder Verlag

Mirjam Lang (Jahrgang 1993, Abiturientin aus Alzenau) war in Simbabwe. Sie arbeitete in einem Frauenprojekt für Berufsförderung und in einer Vorschule in Makumbi. 

 

Vorher: Vor ihrer Abreise nach Simbabwe erhofft sich Mirjam Lang, dass ihre Reise rückblickend sinnvoll gewesen sein wird, vor allem, dass sie selbst dort etwas bewegen kann. Für sie bedeutet, etwas Gutes zu tun, zu helfen und sich dadurch auch selbst zu bereichern. Durch ihre Hilfe möchte sie ein gutes Gefühl haben und Dankbarkeit erfahren.

Armut definiert Lang vor ihrer Abreise vor allem als Mangel an materiellen Dingen. „Ich musste zum Beispiel in den vergangenen Monaten das Benzin für mein Auto selbst zahlen, da habe ich ganz schön zusammenkratzen müssen“, sagt sie. Trotzdem ist sie sich darüber bewusst, dass diese Art von Armut nicht zu vergleichen ist mit den Dingen, auf die andere Menschen auf der Welt verzichten müssen. „Da ist mir klar geworden, dass ich nur ahnen kann, was Armut bedeutet.“

Auch wenn es ihr schwer fällt, aus sich herauszugehen und über sich zu reden, möchte sie in dem Auslandsjahr mehr über sich erfahren: „Ich glaube, dass ich da selbstbewusster werde. Ich hoffe auch, dass ich nach dem Jahr wissen werde, was ich später mal machen will.“ Trotz einiger Zweifel freut sich die Abiturientin, Schule und Leute hinter sich zu lassen und Neues zu erleben. 

 

Glauben bedeutet für mich: „Meine Eltern haben mich christlich aufgezogen, aber ich gehe nicht mehr regelmäßig in die Kirche, das bringt mir nicht so viel. Ich glaube schon, dass es Gott gibt und baue da auch drauf, mein Glauben gibt mir Kraft. Aber Glaube ist für mich nicht Kirche.“

Glück ist: „Wenn ich mich wohlfühle, wenn ich zufrieden bin, dann bin ich glücklich.“

 

Mirjam Lang nach ihrer Rückkehr
Foto: Herder Verlag

Nachher: Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland sieht Mirjam Lang das Auslandsjahr auf jeden Fall als Bereicherung. Ihr Wunsch, den Menschen in Sim-babwe helfen zu können, hat sich nur teilweise erfüllt; trotzdem ist sie zufrieden. Ein anderes Bild von den Weißen bei den Leuten zurücklassen, das hofft Lang in einem Jahr geschafft zu haben. 

„Ich hatte mir das zur Aufgabe gemacht, mit den Leuten in Kontakt zu kommen, viel Interesse an ihrem Leben zu zeigen, auf dem Feld zu helfen – das hat die Leute berührt“, sagt Lang. Ihr Verständnis von Armut hat sich während des Jahres deutlich erweitert. Eine Freundin vor Ort war schwerkrank, doch hier konnte auch Lang nicht helfen, es fehlten die medizinischen Mittel vor Ort.

Armut bedeutet für sie nicht mehr nur, weniger materielle Dinge oder Geld zu besitzen.
„Armut ist auch, wenn Menschen einsam sind“, sagt sie nun. Besonders geschockt hat Lang das Leben in den Townships: Menschen, die nichts zu essen haben, oder Lehrer, die seit fünf Jahren ohne Gehalt arbeiten. Dazu eine Regierung, die den Menschen nicht hilft, sondern gegen sie arbeitet. „Da habe ich mich sehr hilflos gefühlt. Das war ein richtig schlimmer Moment“, erinnert sich Lang. Gerade diese Erlebnisse haben sie mit „einem weiteren Blick heimkommen“ lassen. 

Durch die Auslandserfahrung ist sie im Umgang mit anderen sensibler geworden, ist innerlich viel ruhiger und weiß besser, was sie will. Einen wichtigen Entschluss hat sie schon gefasst: „Nicht so viel über die Zukunft nachzudenken, sondern jetzt einfach hier zu sein.“

Glauben bedeutet für mich: „Glauben ist mir ziemlich wichtig geworden, obwohl ich es während des Jahres schwierig fand, mich damit auseinanderzusetzen. Ich hatte auch Schwierigkeiten, die Armut mit meinem Glauben zu vereinbaren. Aber ich war jetzt noch mal in Taizé und habe gemerkt, dass mir mein Glaube wichtig geworden ist.“

Glück ist: „Glück ist, in Deutschland geboren und total behütet aufgewachsen zu sein. Eine coole Familie und Freunde zu haben, eigentlich ein sorgenloses Leben führen zu können.“

 

 

Christian Fussel (Jahrgang 1989, Kaufmann für Bürokommunikation aus Bonn) war als pädagogischer Mitarbeiter in einer Blindenschule in Guadalajara, Mexiko. 

 

Christian Fussel vor seinem Jahr in Mexiko
Foto: Herder Verlag

Vorher: Christian Fussel sieht sich als selbstkritisch und sehr darauf bedacht, sich zu analysieren und zu verstehen. Als große Schwäche sieht er seine Ungeduld, immer alles sofort regeln und erledigen zu müssen. 

Er hofft, in dem Freiwilligenjahr neue Seiten an sich zu entdecken und daraus richtige Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. „Ich freue mich, dass ich das jetzt mal kompromisslos leben und mich selbst testen darf. Dafür möchte ich die ganze Energie und Stärke auspacken, die im Büro nicht gefragt ist. Ich hoffe, dass ich mein Herz in die neue Arbeit geben darf“, sagt Fussel vor seiner Abreise.

Für ihn ist es selbst ein großer Schritt, das Auslandsjahr seiner beruflichen Karriere oder einem Studium vorzuziehen und seinen festen Job zu kündigen. Trotzdem hat er bei seiner Entscheidung ein gutes Gefühl.

 

Armut ist: „Wenn man so weit ist, sich selbst aufzugeben. Das habe ich in Mexiko schon an den Gesichtern gesehen, wenn Menschen den Glauben daran verloren haben, ihr Leben noch ändern zu können.“

Gutes tun, bedeutet: „Neues wagen, auch wenn es Kleinigkeiten sind, und das dann kompromisslos zu Ende bringen.“

 

 

Christian Fussel nach seinem Auslandsaufenthalt
Foto: Herder Verlag

Nachher: Sein Ziel, in dem Freiwilligenjahr möglichst viel über sich selbst zu erfahren, hat Christian Fussel erreicht. Seine Talente, die er bei seinem Bürojob nicht ausleben konnte, hat er bei seiner Arbeit mit behinderten Kindern in Mexiko gut ausgenutzt.

Bei seiner Arbeit hat er auch die sozialen Probleme der Familien kennengelernt. Bestürzt war er über die Geldprobleme, häusliche Gewalt, Alkoholprobleme oder Konflikte zwischen verschiedenen Familiengenerationen, die oft in einem einzigen Raum leben müssen. „Das hat man auch manchen Kindern angemerkt, da musste man erst mal Vertrauen aufbauen“, erzählt Fussel. 

Eine seiner größten Schwächen, die Ungeduld, musste Fussel dafür ablegen. „Anfangs war ich noch orientierungslos und ein bisschen unruhig. Dann habe ich ein Vertrauen in mich selbst gefunden. Ich habe mich nicht mehr so verrückt gemacht, weil ich erlebt habe, dass man die meisten Dinge im Leben ohnehin nicht in der Hand hat“, sagt er. Gerade durch die kleinen Dinge im Alltag – wenn der Gastank zum Wasserheizen leer war, musste kalt geduscht werden – hat Fussel eine innere Zufriedenheit entwickelt. Zurück in Deutschland sei ihm dadurch nicht automatisch alles egal, aber er könne sich nun mit Dingen abfinden, die erst mal nicht zu ändern sind.

Beruflich hat der gelernte Kaufmann nach dem Jahr eine komplett neue Entscheidung getroffen. In seiner Heimatstadt möchte er das Abitur nachmachen und anschließend Psychologie studieren. „Das hat mich schon immer interessiert und nun kann ich all’ die Überlegungen hinter mir lassen, dass ich mit 24 eigentlich schon dies und das erreicht haben müsste“, sagt er. Der Moment, als er gekündigt habe, einfach ins Blaue hinein, sei schwer gewesen. „Wenn ich jetzt zurückschaue, war das gut so.“

Armut ist: „Ein schwieriger Begriff. Es gibt ja Menschen, die in wenigem viel erkennen. Aber ich möchte Armut nicht verharmlosen. Für mich bedeutet Armut, niemanden zu haben, der für einen da ist.“ 

Gutes tun, bedeutet: „Füreinander da zu sein.“

 

Die Fotos und Interviews sind in einem Buch erschienen: Klaus Väthröder, Dorothee Krings, Andreas Krebs: Mission possible – Als Freiwillige ein Jahr die Welt verbessern. Herder, 216 Seiten, 24,99 Euro

Von Lisa Mathofer