05.08.2014

Klara berichtet über ihren Freiwilligendienst in Peru 2014/15

Neues aus Cusco

Über das Leben nachdenken, Toleranz lernen, an Schwierigkeiten wachsen: Ein Freiwilligendienst im Ausland ist eine fantastische Chance für junge Leute. Klara Kolhoff aus Hunteburg bei Osnabrück verbringt zurzeit ein Jahr in Peru. Über ihre Erlebnisse berichtet sie an dieser Stelle regelmäßig.

 

Juli 2015

Abschied und Rückreise

In meiner letzten Woche in Peru fühlte es sich sehr komisch an, noch dort im Kloster zu sein, aber zu wissen, dass man nächste Woche, übermorgen, morgen abreist …
Meine Kollegin Nancy und ich haben Abschiedsfotos mit den Krippenkindern gemacht. Als Dank- und Abschiedsaktion haben wir mit einigen Mitgliedern der Kirchengemeinde und mit den Krippenkindern und ihren Eltern eine Messe gefeiert. Das war sehr schön, wir haben alle meine liebsten peruanischen Kirchenlieder gesungen und sind nach der Messe alle in meinem Kloster nebenan zusammengekommen. Es gab dann noch „Arroz con leche con massa morra morada“, mein liebster peruanischer Nachtisch (Milchreis mit rotem Maisbrei). Und natürlich auch Kuchen und ein heißes Getränk.

Viele Eltern der Krippenkinder und auch Gemeindemitglieder haben mir dann noch etwas geschenkt. So musste ich mich nicht selbst mit „typisch peruanischen“ Schals, Taschen, Mützen, Handschuhen und Motivshirts eindecken. Mein Koffer war gut gefüllt wie auch mein Herz und meine Gedanken: mit ganz vielen schönen Erinnerungen und Momenten, Begegnungen und Freundschaften.

Als ich dann ins Flugzeug gestiegen und somit aus Peru wirklich abgereist bin, fühlte es sich sehr unwirklich an. Es war schön, dass ich mit zwei anderen Freiwilligen aus den Bistum Osnabrück zusammen zurückfliegen konnte, mit Beata und Clara. Als wir in Deutschland dann nach einem hauptsächlich in der Kälte verbrachten Jahr landeten, freuten wir uns auf den Sommer. In Frankfurt stellten wir aber fest, dass es regnete. Unsere Familien holten uns ab, und nach dem Abschiedsmarathon in Cusco folgten nun ganz viele Wiedersehensumarmungen und Begrüßungen.

In meiner Kirchengemeinde in Hunteburg konnte ich auch schon ein Geschenk aus Peru übergeben: die peruanischen Ordensschwestern hatten für meine Heimatgemeinde eine Priesterstola genäht und bestickt, die ich unserem Ruheständler, Pastor Reinhard Trimpe, direkt übergeben konnte. Hier in Hunteburg werde ich auch am Mittwoch 15. Juli, ab 19.30 Uhr im Pfarrheim ein bisschen mehr aus meinem Jahr in Peru erzählen. Alle Interessierten sind herzlich dazu eingeladen. Nähere Informationen finden sie unter: www.hl-dreifaltigkeit-hunteburg.de
 

 

Juni 2015
Nationaler Generalstreik

 

In diesem Tal im Süden Perus soll ein umstrittenes Kupferminenprojekt verwirklicht werden.

In den vergangenen Wochen hört man auch in der Region Cusco immer wieder das Wort paro: Streik. Mal streiken alle Bus-und Transportunternehmen, dann fällt an Schulen der Unterricht aus oder die gesamte Universität wird geschlossen. Während es in Cusco eher vereinzelte, symbolische, von Demonstrationen und Kundgebungen begleitete Aktionen sind, sieht dies in Arequipa, einer Großstadt und Region im Süden Perus, anders aus. In der Region Arequipa soll ein umstrittenes Kupferminenprojekt realisiert werden. Dagegen protestieren die Bevölkerung und vor allem die Bauern der wasserarmen Region massiv.

Protest an der Universität in Cusco. Auf dem gelben
Plakat heißt es: „Das Blut der Mutter Erde und unseres
Volkes sind der Reichtum (die Goldgrube) der multi-
nationalen (Konzerne). Das muss enden!! Keine weiteren
Megaminen!" Auf dem weißen Plakat steht: „Herr Präsident,
das Recht zu töten existiert nicht, sondern es existiert
das Recht auf Leben."

Das Tal, in dem das Projekt verwirklicht werden soll, habe ich im Februar zusammen mit meinem Vater besucht. Derzeit ist es komplett abgeriegelt. Der schon überreife Reis vertrocknet auf den Feldern und die Bauern können auch keine Kartoffeln pflanzen, da sie einfach nicht in das Tal rein und zu ihren Feldern kommen. Es kommt täglich zu Demonstrationen, Straßen werden blockiert, Demonstranten und Polizei treffen gewalttätig aufeinander. Inzwischen hat die Regierung im ganzen Süden Perus den Notstand ausgerufen und schickt das Militär. Es gab bei Ausschreitungen bereits mehrere Tote auf Seiten der Demonstranten. Und auch der überregionale Verkehr ist eingeschränkt, da inzwischen das infrastrukturell sehr wichtige Busterminal außer Betrieb ist.

Dass es auch in Cusco immer wieder zum Streik verschiedener Parteien kommt, ist eine Solidarisierung mit den Demonstranten in Arequipa. Nicht nur im Süden Perus, sondern im ganzen Land sind Minen oft mit vielen negativen Folgen verbunden: Die Sicherheit ist unzureichend, die Arbeitsbedingungen sind oftmals schlecht und die Umwelt, vor allem das kostbare Gut Wasser, werden verseucht. Außerdem profitieren in der Regel die multinationalen Konzerne, während die peruanische Bevölkerung mit den Problemen, zum Beispiel durch Chemikalien verseuchtes Wasser, allein zurückbleibt.

 

 

Mai 2015
Jeder wächst mit seinen Aufgaben

Wir haben ein Kind in der Krippe, dessen Mutter alleinerziehend ist, weil der Vater im Gefängnis sitzt. Jeden Mittwoch besuchen sie Papa. An vielen Tagen wird der Kleine, wenn die Mutter arbeitet, von seinem Onkel gebracht. Der Onkel ist erst zehn Jahre alt, und wenn er nachmittags Unterricht hat, bringt er den Jungen morgens zur Krippe. In Cusco wird an den meisten Schulen in zwei Schichten unterrichtet, vormittags oder nachmittags. Manchmal holt der Onkel ihn also noch in seiner eigenen Schuluniform ab.

Als er den Kleinen das letzte Mal abholte, war er fachmännischer als manche Eltern: Er stellte alle wichtigen Fragen: ob der Kleine aufgegessen hat, wie er sich benommen hat und an welchem Tag das Heft mit den Hausaufgaben wieder mitgebracht werden soll. Die Kinder ab zwei oder drei Jahren bekommen nämlich übers Wochenende kleine Aufgaben. So sollen sie zum Beispiel Papier kleinschneiden und in einen Kreis kleben, um die geometrischen Formen kennenzulernen.

Während es mich am Anfang ziemlich irritiert hat, dass der Dreijährige von einem Zehnjährigen gebracht wird (sie kommen wohl auch zusammen mit dem Bus), habe ich mich jetzt schon daran gewöhnt, mit dem Onkel der selbst noch ein Kind ist, Elterninfos auszutauschen.

 

 

April 2015
El Niño
 

Die Regenzeit, hier in Cusco, dauert in diesem Jahr besonders lange.

Die Regenzeit in Peru geht ungefähr von Mitte November bis Ende März. Doch obwohl wir bereits Mitte April haben, kommt es in Cusco immer noch fast täglich zu starken Regenfällen. Das liegt am Wetterphänomen „El Niño“ (span. „das Christkind“, beginnnt meist um Weihnachten). Während Kalifornien und Australien aufgrund des Wetterphänomens momentan unter Wassermangel und Dürre leiden, kommt es an den Hängen der Anden zu starken Regenfällen. In Cusco bedeutet dies meist nur, das viele Straßen innerhalb kurzer Zeit zu Flüssen werden und die zahlreichen Treppen zu kleinen Wasserfällen.

Im Norden Perus ist die Lage hingegen weitaus schlimmer. In manchen Gegenden regnet es wochenlang ununterbrochen. Die Ernte auf den Feldern wird durch den Regen vernichtet und der Boden kann das Wasser nicht mehr aufnehmen. So kommt es vielerorts zu den gefürchteten „Huaycos“, Erdrutschen, bei denen ganze Hänge ins Tal stürzen und alles mit sich reißen. Das beeinträchtigt nicht nur die Infrastruktur, da durch verschüttete oder weggerissene Straßen Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten sind. Es werden auch ganze Familien ausgelöscht oder – wenn sie „Glück“ haben und nicht zu Hause waren – obdachlos.

Neben dem Norden sind auch die südlichen Küstengebiete – eigentlich Wüsten – immer weiter von starken Regenfällen betroffen, ohne überhaupt auf Regen vorbereitet zu sein. Während am Anfang der Regenzeit alle sehnlichst auf den zu spät eintretenden Regen gewartet haben, so hoffen jetzt alle, es möge endlich aufhören zu regnen. Doch laut Wettervorherdagen könnte das El Niño-Phänomen in diesem Jahr bis Juni anhalten.

 

 

April 2015
Geburtstag
 

Die Schokoladentorte, ein Geschenk der Aikido-Freunde, wird
angeschnitten.

In der vergangenen Woche hatte ich Geburtstag. Die Schwestern sagten mir vorher, dass wir morgens eine kleine Messe in der Klosterkapelle feiern können. Ich durfte mir aussuchen, welcher Priester die Messe mit uns feiern sollte, und so fragten wir Padre Freddy. Am Abend vorher erstellten wir noch einen Liederzettel mit meinen liebsten peruanischen Kirchenliedern. Morgens feierten wir dann die Messe und es war sehr schön. Es waren die Schwestern und die Studentinnen, die im Kloster wohnen, da, und weil die Kapelle sehr klein ist, sind wir alle zusammengerückt. Der Gottesdienst war sehr persönlich, da wir beispielsweise reihum frei Fürbitten gesprochen haben und statt einer Predigt unter Leitung des Padre wie bei der Methode des Bibelteilens frei über die Lesungen und das Evangelium sprachen.

Dann gab es natürlich Kuchen zum Frühstück. Dem peruanischen Brauch, dem Geburtstagskind die halbe Torte ins Gesicht zu stoßen, entkam ich dank eines Plausches mit Schwester Rosa vor einigen Monaten: Wir finden das beide etwas albern und unhygienisch. Ab neun Uhr bekam ich dann von der Arbeit in der Krippe frei und konnte Hermana Rosa und einen Bekannten bei einer Spazierfahrt mit dem Auto aufs Land begleiten. Da der Vormittag recht sonnig war, war dies sehr schön.

Mit Nudeln in grüner Soße gab es mittags dann mein Lieblingsessen. Nachmittags wurde ich von einem Freund auf einen süßen Crépe eingeladen. Und am Abend haben wir dann die aus Deutschland angekommene Schokolade beim Uno-Spielen genossen. Am folgenden Tag war ich dann nach dem Aikido-Training mit einigen Freunden vom Sport essen und es gab noch einen Schokoladenkuchen mit der Aufschrift: „feliz cumpleanos Klara!“. Alle Feierlichkeiten waren sehr schön und was die Geschenke betrifft kann ich nur sagen: „Ich bin für den beginnenden Andenwinter bestens mit Strickwaren ausgerüstet!!“

 

 

April 2015
Eddy Anderson versteht mich nicht

Seit einigen Wochen haben wir einen neuen Jungen in der Nachmittagsbetreuung. Er ist drei Jahre alt und heißt Eddy. Bei ihm zu Hause wird Quetchua gesprochen, und so lernt er jetzt vormittags in seinem Kindergarten und nachmittags bei uns in der Krippe langsam Spanisch. Quetchua ist die ursprüngliche Sprache der Andenbewohner. Sie wurde im Inkareich vor der Eroberung durch die Spanier gesprochen. Heute wird sie vor allem noch in Bauernfamilien gesprochen, als Muttersprache und Alltagssprache.

Auch manche Erwachsene sprechen kaum oder gar nicht Spanisch. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Familien, in denen die Kinder kein Quetchua mehr lernen, weil die Eltern befürchten, dass ihre Kinder sonst benachteiligt werden oder im Spanischen einen Quetchua-Akzent haben. Es ist hier in Cusco aber auch möglich, Quetchua-Unterricht in der Schule oder an der Universität zu belegen, denn gerade bei der gebildeteren Bevölkerung steigt auch die kulturelle Wertschätzung dieser Sprache.

Meine Kollegin Nancy hat von ihren Großeltern Quetchua gelernt. So kann sie mit Kindern, die noch kein Spanisch sprechen, auf Quetchua reden. Aber weder ich noch die Ordensschwestern, die aus der Selva im Norden Perus stammen, haben Quetchua-Kenntnisse. Wenn Nancy also spätnachmittags Feierabend gemacht hat, verständigen wir uns „mit Händen und Füßen“ mit Eddy Anderson und bringen ihm Spanisch bei. Mit den anderen Kindern spielt er auch recht problemlos. Und als er gestern ging, verabschiedete er sich schon mit „hasta manana“ auf Spanisch.

 

 

April 2015
Oster-Special
 

Vor der Kirche liest der Padre das Evangelium des Palmsonntag.

Der Alltag in Cusco wurde in der Karwoche durch kirchliche Feste sowie die schul- und arbeitsfreien Feiertage vor Ostern (Gründonnerstag und Karfreitag) unterbrochen. Das Osterfest beschränkt sich auf den Ostersonntag, einen zweiten Feiertag gibt es in Peru nicht.

Palmsonntag:
Am Palmsonntag wurden in der Messe kleine Büschel aus Rosmarin, Blättern eines Baumes und einer Palmenpflanze verkauft. Die Palmen in dem kleinen Strauß waren zum Kreuz geformt. Zu Beginn der Messe haben sich alle vor der Kirche versammelt. Der Padre las das Evangelium, dann wurden alle Palmwedel mit Weihwasser gesegnet. Anschließend zogen wir – die Palmwedel schwenkend – in die Kirche ein. Dann begann die Messe. Mich erstaunte, dass sieben Bibeltexte fortlaufend mit verteilten Rollen gelesen wurden: Lesungen vom Letzten Abendmahl bis zur Kreuzigung. Das war wie bei einem Kinotrailer, der neugierig auf den gesamten Film machen soll.

Montag:
Am Montag in der Osterwoche wird in Cusco der „Senor de los temblores“ geehrt – also „Jesus als der Herr der Erdbeben“. Auf einer Plattform tragen mehrere Männer ein großes massives Kreuz durch die Altstadt. Die Leute stehen am Straßenrand, werfen aus ihren Fenstern kleine rote Blumen auf das Kreuz oder folgen ihm. Begleitet wird die Prozession von vielen Musikkapellen und einem riesigen Polizeiaufgebot, das für Ordnung sorgt. An der Plaza san franziskus und Plaza de armas erfolgen dann Segnungen durch den Bischof beziehungsweise den Senor de los temblores. Währenddessen läuten nicht nur die Kirchenglocken, auch die Sirenen von Polizeiwagen und Krankenwagen schrillen über die überfüllten Plätze. Es heißt, für die katholischen Cusquener sei die Prozession des Senor de los temblores das wichtigste Fest im Jahr. Alle Angestellten des öffentlichen Dienstes haben ab Mittag frei, um zu Beginn der Festlichkeiten um 13.30 Uhr in der Kathedrale sein zu können. Und zum Segen am Ende der Prozession abends auf der Plaza vor der Kathedrale kommt die halbe Stadt. Auf dem Rückweg nach Hause gegen neun war auch ich mitten in der Menge. Kinder, Senioren, Familien, Jugendliche – alle waren zum Segen auf der Plaza.

Dienstag
Ein Kreuzweg durch unser Viertel: Wir waren etwa 20 Personen, viele hatten Kerzen mitgebracht. Vorneweg gingen Messdiener mit Kreuz und Kerzen. Ein Jugendlicher spielte Gitarre, und so zogen wir singend und betend durch das Viertel. An einigen der großen Wohnblöcke hatten Anwohner kleine Altäre aufgebaut, an anderen Stellen, beispielsweise auf einem Parkplatz, haben wir eine Kreuzwegstation gebetet. Die Texte wurden abwechselnd von Messdienern und Gemeindemitgliedern gelesen, die Gebete wurden mit Vorbeter von allen gesprochen. Während wir im Dunkeln mit Kerzen durch das Viertel zogen, segnete der Padre auch Häuser und Straßen mit Weihwasser. An vielen Stationen schlossen sich uns Anwohner oder Passanten mit Einkaufstüte in der Hand an. Jedes Jahr gehen Gemeindemitglieder in der Semana Santa an mehreren Tagen kreuzwegbetend durch das Viertel, immer sind verschiedene Straßenabschnitte dran.
 

Die Kirchen sind liebevoll und aufwendig geschmückt.

Gründonnerstag
Am Gründonnerstag kamen einige Padres zum Essen ins Kloster. Einige Katholiken pflegen hier die Tradition, am Gründonnerstag zwölf Gänge zu essen, wir brachten es nur auf vier. Um 18 Uhr fand dann die Messe mit der Verehrung des Allerheiligsten statt. Anschließend sind wir von einer Kirche zur nächsten gegangen und haben immer eine Weile gewacht und gebetet. Wir waren in neun Kirchen, und die Monstranz war immer sehr liebevoll in Szene gesetzt, mit Kerzen, Blumen, Stoffbahnen. Am aufwendigsten war die Gestaltung in der Kirche la meced: mit mehreren kleinen Wasserfällen.
 

Jesus bricht unter dem Kreuz zusammen.

Karfreitag
Kurz vor Mitternacht waren wir am Gründonnerstag zurück im Kloster und ich legte mich eine Stunde ins Bett, bevor es um ein Uhr nachts wieder rüber zur Kirche ging. Nach einigen Gebeten liefen wir um 1.30 Uhr morgens los. Unterwegs Richtung Zentrum, trafen wir Mitglieder der Kirchengemeinde der Recoleta, die ein massives Kreuz mit sich führten. So zogen wir mit dem Kreuz singend und betend durch die Straßen. Immer mehr Gläubige schlossen sich an. Schließlich ging es hoch über die Stadt hinaus, durch die alte Inkafestung Saxsaywahman bis hin zum Christo blanco, der Jesusstatue über den Dächern Cuscos. Dort endete in der Morgendämmerung der Kreuzweg und es folgte eine weitere Tradition: Viele Gläubige lassen sich von einem Geistlichen mit einer Art Strick dreimal auf den Rücken schlagen – um Jesu Leid mitzutragen und für Sünden zu büßen. Als ich dann mit den Gemeindemitgliedern auf dem rückweg war, ging die Sonne auf. Ein schöner Anblick. Um sechs Uhr morgens kam ich zu Hause an und legte mich noch etwas hin.
 

Das Kreuz wird aufgerichtet.

Nachmittags gab es am Karfreitag eine Feier zur Kreuzverehrung. Leider war es nicht so schön wie zu Hause in Hunteburg, ohne Blumen für das Kreuz und ohne „Beuget die knie. Erhebet euch“. Aber nach der Feier haben einige der Franziskanerbrüder mit Jugendlichen den Kreuzweg Christi nachgespielt. Dabei sind wir durch einige Straßen um die Kirche gezogen, die Anwohner hatten Altäre für die Kreuzwegstationen aufgebaut. Das war schon ein sehr beeindruckender und bewegender Kreuzweg. Zu sehen, wie der Jesusdarsteller unter dem Kreuz zusammenbricht, die Römer ihn schlagen oder Maria verzweifelt schreit, war weitaus intensiver, als die Geschichte nur zu hören. Und als am Ende das Kreuz mit Jesus auf dem Kirchplatz aufgerichtet wurde, waren die Verzweiflung und die Trauer des Karfreitag sehr lebendig.

Osternacht
Am Mittwoch hatte ich uns Kerzen für die Osternacht besorgt. Der Gottesdienst begann um 19 Uhr. Nachdem draußen am Feuer die Kerzen angezündet wurden, zogen wir in die dunkle Kirche ein. Zu Anfang wurden Psalmen von einem Sänger gesungen. Dann wurden sieben Lekturen aus dem Alten und Neuen Testament gelesen, mit Gebeten und Gesängen dazwischen. Die Messe dauerte gut zweieinhalb Stunden und war sehr schön. Der Padre hielt eine gute Predigt und machte nochmal besonders darauf aufmerksam, dass es die Frauen waren, die als erste von der Auferstehung erfuhren und berichteten und dass die Frauen heute zu sehr aus der Kirche ausgeschlossen sind. Er forderte auch dazu auf, uns selbst die Osterbotschaft deutlich zu machen, sie im Herzen zu tragen und zu verkünden.

 

 

März 2015
Deutsches Cusco

Das „One Earth Orchestra"

Vor einigen Tagen war ich im Nordamerikanischen Kulturzentrum bei einem Konzert des „One Earth Orchestra“. Dieses Orchester wird von einem Deutschen geleitet und umfasst Musiker aus Deutschland, Serbien, Ungarn und Chile. Der Auftritt hier in Cusco stellt das Ende einer Tour durch Lateinamerika dar, bei der die Musiker mit verschiedenen Gruppen einheimischer Musiker spielten. Das „One Earth Orchstra“ spielte ein beeindruckendes Trommelstück der Lakota-Indianer Nordamerikas, verschiedene jüdische und osteuropäische und ein chilenisches Stück. Es war sehr schön, mal wieder in einem kleinen Konzertsaal zu sitzen und einfach die gute Musik zu genießen. Mit einigen Streichern, Holzbläsern und einem Akkordeon war die Musik so gar nicht peruanisch.
 

Musiker der Q'eros

Trotzdem gab es natürlich einen kulturellen Austausch: In Cusco traten vor dem Orchester zuerst Musiker der Q‘eros auf, die eine Art Flöten spielten und dazu auf Quetchua sangen. Dann trat das deutsche Orchester auf, gefolgt von der amerikanischen Musikerin Holly Wissler, die mit den Q‘eros zusammen ein 18-saitiges gitarrenähnliches Instrument spielte. Und am Ende spielten alle zusammen ein Stück und schafften es, mit den so verschiedenen Instrumenten ein harmonisches Stück gemeinsam zu spielen.

Nachdem ich bei dem Konzert also schon einmal ein etwas deutsches Gefühl hatte, wurde mir dann am Wochenende gesagt, dass mein „presidente“ ja gerade in Peru ist. Ich muss zugeben, dass ich erst nicht ganz wusste, wen sie meinen. Nach etwas Recherchieren im Internet stellte ich dann fest, dass Bundespräsident Joachim Gauck auf Peru-Reise war, er besuchte auch Cusco, sozusagen auf meinen Spuren: Er schaute sich viele der Inkastätten an, die mir hier auch schon gezeigt wurden.

 

 

März 2015
„Armübungen" mit Ball

Physiotherapie für das gebrochene Handgelenk

Im Februar hatten wir Freiwilligen, die über das Bistum Osnabrück in Peru sind, unser Zwischenseminar. Am Valentinstag habe ich noch einmal einen Teil der Drähte aus dem Handgelenk entfernt bekommen, dann hatte ich von meinem Unfallchirurgen das Okay, am Montag nach Lima zu reisen. Ich hatte noch eine stabilisierende Schiene für das Handgelenk. Als ich durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen gegangen bin, piepte es. Es war mein Arm. Da ich dachte, alles Metall sei entfernt, schob ich es auf die Klammern, die den Verband zusammenhalten. Das Zwischenseminar war in der Nähe Limas, der Hauptstadt Perus. Dort war tatsächlich sommerliches Wetter, denn bei mir in Cusco bedeutet Sommer nur, dass es viel regnet. Sonst ist es fast genauso kalt wie das ganze Jahr, vor allem in den Nächten lässt einen die Höhenlage schnell frieren.

Die Woche Zwischenseminar war schön, neben inhaltlichen Aspekten freute es mich auch, die anderen sechs Freiwilligen wiederzusehen. Und das Bildungshaus, in dem wir waren, hatte einen sehr schönen Garten mit Rasenflächen, über den ich mich als Dorfkind besonders freute. Nach meiner Rückkehr nach Cusco (nachdem es in Lima fast 30°C waren, landeten wir in Cusco bei 15°C und Regen), hatte ich eine Kontrolle bei meinem Unfallchirurgen. Ich fragte ihn aus Witz, warum mein Arm denn am Flughafen gepiept habe,  ob er was drin vergessen hat, und erfuhr, dass noch immer ein kleines Stück Metall drin ist. Erst im Juni wird das entfernt werden. Mein Chirurg sagte mir dann aber auch, die Knochen und die Wunden, wo die Nägel im Arm waren, würden gut heilen. Ich bräuchte jetzt auch keinen Verband mehr. Und worüber ich mich total freute: Nach über zwei Monaten einarmigem Duschen mit einer Plastiktüte über dem linken Arm, durfte ich jetzt wieder normal duschen!

Außerdem habe ich jetzt mit Physiotherapie begonnen. Meine Physiotherapeutin ist sehr nett und kommt dann auch zu mir ins Kloster, aber es tut auch einfach immer ziemlich weh und ich kann kaum Fortschritte sehen. Einige der Übungen mache ich mit Kinderspielzeug, das Stapeln von Bechern oder das Spielen mit einem Ball. Beim Ballspielen helfen mir auch schon die Krippenkinder etwas. Ich kann ja noch nicht arbeiten, aber immer, wenn sie mich sehen, fragen sie schon, ob sie mir bei meinen „Armübungen“ helfen sollen, sie mir also einen Ball zuwerfen, den ich beidhändig fangen und zurückwerfen soll.

 

 

Februar 2015
Ausflug nach Bolivien

Auf einer Wanderung entdeckt: eine Mariengrotte im Fels

Als mein Vater mich in Peru besuchte, hatte ich den gebrochenen Arm zwar immer noch verbunden, aber mein Unfallchirurg erlaubte mir, Cusco für ein paar Tage zu verlassen. Und da ich meine kompletten Ferien nicht nur mit Arztterminen oder in meinem Zimmer verbringen wollte, kam mir das sehr gelegen. So fuhren wir unter anderem für einige Tage nach Copacabana, das liegt am bolivianischen Ufer des Titicacasees. Bei einer kleinen Wanderung auf einer nahen Halbinsel entdeckte ich in einem Eukalyptuswäldchen eine Mariengrotte im Fels.

Der Infotafel war zu entnehmen, dass die Marienfigur im Jahr 1905 „für eine erhabene Dame Copacabanas“ aus Frankreich hierhergebracht wurde – in die Anden Boliviens, ans Ufer des Titicacasees. Es handelt sich um eine Lourder Marienfigur. Und so steht sie heute in Bolivien, auf 3854 Metern Höhe. Leider war das Tor im Zaun um die Grotte mit einem Schloss gesichert. Ich wunderte mich dann schon, wer in der Grotte frisch Kerzen angezündet hat, dann entdeckte ich die Familie, die auf der anderen Seite der Grotte picknickte. Sie waren aus Puno gekommen, rund drei Autostunden entfernt, von der peruanischen Seeseite, und machten einen Ausflug zu dieser Marienstatue. Sie hatten auch die Kerzen aufgestellt – typisch peruanisch: zum Aufstellen von Kerzen wurde der Zaun kurzerhand überwunden.

 

 

Januar 2015
Warum die Rolle Toilettenpapier immer in der Tasche steckt 

Was ist in Peru anders als zu Hause und war für mich gewöhnungsbedürftig? Über diese Frage denke ich öfter nach, seitdem mein Vater zu Besuch ist. Zum Beispiel wirft man das Toilettenpapier NIE in die Toilette, denn die Abwasserleitungen sind so beschaffen, dass sie kein Papier aufnehmen können. Deshalb steht immer ein Mülleimer neben der Toilette. Hätte mich vorher jemand informiert, hätte das eine Überschwemmung meines Badezimmers verhindert.

Das Toilettenpapier heißt hier „papel hycienico“, was seine Verwendung viel besser beschreibt. Das habe ich endgültig verstanden, als in der Kirche gegenüber eine Taufe stattfinden sollte und eine Frau im schicken Hosenanzug ein Handy, ein Portemonnaie und eine angefangene Rolle Toilettenpapier in der Hand hielt. Das Papier ist eben immer dabei: zum Naseputzen, fürs Bad, um Kindern den Mund oder die Hände abzuwischen. Auch ich habe jetzt meine Rolle „papel hygienico“ immer in der Handtasche dabei. In Deutschland werde ich mir das dann wohl abgewöhnen müssen, ich sehe schon die Blicke vor mir, würde ich im Restaurant zum Naseputzen eine Rolle Toilettenpapier hervorkramen ...

Dann sagt man hier zu allen Frauen, egal welchen Alters, sehr gerne Mamie oder Mamita, was eigentlich Mutter bedeutet. Am Anfang hat mich das ziemlich gestört, inzwischen habe ich mich auch daran gewöhnt. Als ich am Anfang sagte, ich sei doch gar keine Mutter, hieß es nur, man sagt es eben so, und auf die meisten Frauen treffe es ja auch zu. Dann wiederum sagen gerade ältere Frauen gerne „hija“ oder eben „hijo“ (Tochter und Sohn) auch zu Fremden. Meine Kollegin in der Kindertagesstätte sagt das auch manchmal zu den Krippenkindern, ich aber nicht, weil es sich für ich komisch anfühlt.

Aufgefallen ist mir auch, dass an allen größeren Kreuzungen tagsüber ein bis zwei Verkehrspolizisten stehen. Sie regeln zusätzlich zu den Ampeln den Verkehr und passen auf, dass die Linksabbieger keine Fußgänger überfahren. Dabei sieht man in diesem Job deutlich mehr Frauen als Männer. Ein Taxifahrer erzählte mir mal, es gebe mehr Verkehrspolizistinnen, weil sich gezeigt habe, dass sie nicht so bestechlich seien wie ihre männlichen Kollegen. Ob das die Wahrheit ist, weiß ich aber nicht.

Außerdem gibt es hier auch sehr viele Mütter mit kleinen Kindern. Und da ist das Stillen der Kinder in der Öffentlichkeit ganz normal, im Bus, auf der Straße oder auch mal in der Messe in der ersten Bank. Die Kinder werden außerdem fast alle in bunten Tüchern auf dem Rücken getragen, auch wenn sie schon größer sind. Und das eben nicht nur auf dem Land, sondern auch hier in Cusco. Das eine oder andere Krippenkind wird morgens in einem solchen Tuch gebracht; Kinderwagen sieht man in Cusco nur sehr selten. Das liegt wohl auch daran, dass viele Bordsteine sehr hoch sind, gerade in der Altstadt die Gassen oft sehr eng sind und auch viel Bus gefahren wird. Das ist mit Tragetuch einfach viel praktischer.

 

 

Januar 2015
Jesus trägt auch Rosa
 

Keine Puppenkleidung, sondern Jäckchen und Mützchen für das Jesus-
kind. Viele Leute kleiden die Jesusfigur jedes Jahr neu ein.

Am dritten Advent machte ich mit den beiden Ordensschwestern meines Hauses einen Ausflug nach Ollyantaytambo, rund eineinhalb Stunden von Cusco entfernt. Unter anderem haben wir in Pastors Garten Capulie, eine kirschenähnliche Frucht, gepflückt. Dabei bin ich leider von einer Mauer gestürzt, habe mir das Handgelenk ausgekugelt, Elle und Speiche sowie meine Nase gebrochen und noch einige Prellungen und blaue Flecken (blaues Auge) davongetragen. Ich war einige Tage im Krankenhaus und wurde auch am linken Arm operiert. Heiligabend kam ich dann für eine ambulante Operation meiner Nase erneut ins Krankenhaus.

Nach der Blutentnahme frühmorgens blieb noch Zeit bis zur Operation, und so begleitete mich ein Freund zur Plaza de armas, dem Hauptplatz von Cusco. Dort findet an Heiligabend immer ein großer Weihnachtsmarkt statt. Für die Krippen gibt es Moos, kleine Pflanzen und vieles mehr zu kaufen.

Und außerdem habe ich ganz viele Stände mit Puppenkleidung gesehen. Mützchen, Schühchen, Bettchen, Kleidchen. Auf meine Frage, warum so viel Puppenkleidung verkauft wird, bekam ich zur Antwort, das sei das keine Puppenkleidung, sondern für das “nino jesús“ (Jesuskind) bestimmt. Dem Jesuskind in der Krippe wird Kleidung angezogen, die mit Goldfaden bestickt ist oder eben aus rosa Tüll besteht. Die meisten Leute kleiden das Jesuskind jedes Jahr neu ein.

In den Tagen rund um Weihnachten bringen die Leute ihr Jesuskind in einem Körbchen oder einer kleinen Krippe auch mit in die Kirche. Vorn stehen dann Jesuskinder aller Größen und in allen Farben. Am Ende des Gottesdienstes werden die Figuren dann gesegnet, und so nehmen die Kirchgänger den Segen Gottes mit ihrem Jesuskind nach Hause.

 

 

Dezember 2014
Busfahren in Cusco
 

Helfer in den Bussen schreien lauthals, welche Haltestellen auf der Route liegen.

Wenn ich innerhalb der Stadt unterwegs bin, gehe ich meist zu Fuß. Wenn ich dafür aber keine Zeit habe, nehme ich einen Bus. Die Haltestellen sind durch blaue Schilder mit dem Wort „Paradero“ gekennzeichnet, viele haben auch ein Wartehäuschen und eine Bank. Aber es hängen keine Fahrpläne aus. Es gibt einfach keine richtigen Abfahrtszeiten, sondern man geht einfach zur Bushaltestelle wenn man irgendwo hinfahren möchte. Dann wartet man eben, bis Busse vorbeikommen.

Der öffentliche Nahverkehr im Bereich der Busse ist nicht staatlich oder kommunal, sondern es gibt ganz viele kleine Unternehmen mit mehreren Bussen, die dann die Route dieses Unternehmens abfahren. Die Unternehmen heißen „Batman“, „San Jeronimo“ oder „Chaska“, ihre Busse versuchen sie auch so auffällig zu gestalten, dass man sie schnell wiedererkennt. In den Bussen gibt es jeweils einen Fahrer und einen Helfer. Dieser schreit an den Bushaltestellen, welche Haltestellen auf der Route dieses Busses liegen. Bei den meisten Bussen stehen auch einige Haltestellen der Route außen am Bus, damit man sich grob orientieren kann.

Anfangs war es für mich wahnsinnig schwer, zu verstehen, welcher Bus zu meinem Ziel fährt. Heute kann ich immer noch nicht alles verstehen, was die Busbegleiter schreien, aber ich lande nur noch sehr selten im „falschen“ Bus. Ich kann jetzt anhand der Haltestellen besser auf die Route schließen und weiß auch, welche „Unternehmen“ zu meinem Sport, zur Post, in die Stadt oder zu Freunden fahren. Und da ich an der Avenue de la Cultura, eine der Hauptverkehrsachsen, wohne, ist es auch meist kein Problem wieder nach Hause zu kommen.

Während der Fahrt wird vom Busbegleiter immer der Name der nächsten Haltestelle geschrien. Wenn man da dann aussteigen möchte, ruft man „Bajar“ (aussteigen) oder „Bajo“ (ich steige aus). Von den Aussteigenden sammelt der Begleiter dann das Fahrtgeld ein. Und das Busfahren ist im Vergleich zu Deutschland auch sehr günstig, 70 Centimos kostet eine Fahrt innerhalb der Stadt, rund 22 Cent. Die meisten Leute haben auch kein eigenes Auto oder einen Führerschein, es ist viel praktischer und preiswerter, einfach Bus oder Taxi zu fahren. Und weil es so viele verschiedene Busunternehmen gibt, fahren auch oft Busse und man kommt auch (fast) überall hin.

 

 

November 2014
Kein richtiges Weihnachtsgefühl!!!!
 

Die Weihnachtszeit rückt näher. In der Kinderkrippe wurde schon
gebastelt.

Hier in Cusco ist es mit den Jahreszeiten nicht so wie in Deutschland. Seit ich hier bin, hat sich das Wetter noch nicht merklich verändert. In letzter Zeit regnet es ab und zu, das hat es anfangs nie, aber die Regenzeit rückt eben näher. Man unterscheidet nicht Sommer und Winter, sondern Trockenzeit und Regenzeit. Wir sind momentan in der Übergangszeit, ab Ende November soll es dann fast täglich regnen, und das mehrere Monate lang.

Weil es eben die Jahreszeiten nicht so gibt wie zu Hause, merke ich nicht, wie die Zeit vergeht. So habe ich in diesem Jahr vom Herbst gar nichts mitbekommen. Keine bunten Blätter, keine Kastanien, kein Laub harken, keine Waldspaziergänge. Und so war ich am vergangenen Sonntag richtig überrascht, dass schon Christkönig ist, Weihnachten also näher rückt. In der Krippe haben wir angefangen, weihnachtlich zu dekorieren, und ich habe einen typischen Weihnachtsbaum gebastelt.

Durch das Basteln wurde mir zwar bewusst, dass bald Weihnachten ist, aber vermutlich, wird es für mich in diesem Jahr nicht wirklich WEIHNACHTEN sein. Es fehlt das erst kalte stürmische Wetter, dann vielleicht sogar eine verschneite Landschaft. Und auch, dass es immer früher dunkel wird, dass man auch schon mal im Kerzenschein sitzt. Hier wird es einfach das ganze Jahr über kurz nach 18 Uhr dunkel. Es fehlt, dass ich beim Üben für das Krippenspiel helfe, dass wir Plätzchen backen und Weihnachtskarten basteln. Es ist einfach anders. Und bis jetzt ist hier auch in den Straßen und so noch keine weihnachtliche Veränderung sichtbar, ich bin gespannt, ob sich das noch ändert.

Und außerdem bin ich schon ungemein gespannt, wie hier ein typisches Weihnachten und eben auch der Advent als Vorbereitungszeit ist. Was ich schon kennengelernt habe, ist Panetón, eine Art süßes Brot mit Rosinen und Trockenfrüchten (ein bisschen wie Weihnachtsstuten), das man hier zu Weihnachten isst und das auch jetzt schon verkauft und verzehrt wird. Ich werde sicher noch weitere Weihnachtsbräuche kennenlernen, die neu für mich sind.

 

 

November 2014
Museumsbesuch und Volleyball

Ein kleiner Imbiss auf dem Ausflug nach Calca

Am Sonntag haben wir nach dem Mittagessen einen kleinen Ausflug gemacht. Wir – das waren Roxana, Schwester Cloty, Schwester Rosa, der Nachbar Walter mit Führerschein, seine Frau und seine kleine Tochter Andrea. Wir wollten nach Calca fahren. Auf dem Weg dorthin sind noch Walters Bruder Oswaldo mit Frau und Kleinkind sowie ein Neffe der Brüder zugestiegen. Dementsprechend war der Bulli schon echt voll. Dennoch haben wir Clara, die Freiwillige aus Calca, auch noch spontan abgeholt.

Es ging dann zunächst in ein Museum in der Nähe von Calca. Das Museum hat mich und Clara wirklich überrascht. Es thematisiert verschiedene alte Kulturen, die auf peruanischem Boden existiert haben. Über jede Kultur informieren Ausstellungsgegenstände; außerdem gibt es Räume, in denen eine typische zeremonielle Szene aus der jeweiligen Kultur in „Originalgröße“ aufgebaut ist. Wir fühlten uns wie in einem deutschen Museum. Nicht so „typisch deutsch“ war allerdings, dass während unserer Führung der Strom ausfiel und wir einige Zeit warten mussten, bis es weiterging.
 

Volleyballspiel auf dem Rasen vor dem Museum

Nach dem Museumsbesuch haben wir noch einige Runden Volleyball auf der Wiese vor dem Museum gespielt. Das hat wirklich Spaß gemacht. Aber es war auch so, dass wir beiden Freiwilligen jeweils die Schlechteste in unserem Team waren. Bei den Peruanern ist Volleyball eine Art Volkssport, schon die Krippenkinder wollen, dass man ihnen Bälle zum Üben zuwirft.

Auf den Rückweg haben wir die Leute, die auf dem Hinweg zugestiegen waren, nach und nach wieder abgesetzt. Weil es außerhalb Cuscos günstiger ist, haben wir dann für die Meerschweinchen bei uns im Haus noch Gras gekauft, das wurde auf dem Autodach und im Kofferraum verstaut. Gegen acht Uhr kamen wir dann müde aber glücklich wieder in Cusco an.

 

 

Oktober 2014
Erstkommunion

100 Kinder feierten Erstkommunion – da wurde es in der kleinen Kirche eng.

Am vergangenen Samstag war die Erstkommunion der Gruppe, die von Schwester Rosa darauf vorbereitet wurde. Ich hatte davon im Vorfeld schon einiges mitbekommen, weil wir hier im Haus die weißen Gewänder für die Kinder gewaschen, die Anprobe beaufsichtigt, die Kommunionkerzen verziert und Kopfschmuck für die Mädchen gebastelt hatten. Auch die Gesangsproben fanden hier statt. 

Nachdem ich am Freitag noch um halb sechs Uhr morgens mit Rosa auf dem Markt war, um Blumen für den Blumenschmuck zu kaufen, war es dann am Samstag endlich soweit. Alle 100 Kinder der Nachbarschule zwischen zehn und elf Jahren waren zuvor mit Gewand, Kordel, Kerze, Liederzetteln, Medaille und die Mädchen mit Kopfschmuck ausgestattet worden. Dass die Kinder alle einheitlich gekleidet waren, fand ich sehr schön. So waren alle gleich festlich gekleidet und niemand teurer oder schöner als der andere angezogen. Alle Mädchen hatten auch sehr sorgfältig hergerichtete Frisuren.

Die Kinder gingen dann gemeinsam von der Schule in die kleine Kirche. Mir wurde die Aufgabe, Fotos für die Schwestern zu machen, übertragen. Schon als ich hörte, die 100 Kinder hätten in der kleinen Kirche gegenüber vom Kloster Erstkommunion, fragte ich mich schon, wie da denn alle Familien reinpassen sollen. Es mussten dann tatsächlich auch sehr viele Leute stehen, aber die meisten haben sich irgendwie noch in die Bänke quetschen können.
 

Betende Erstkommunionkinder

In der Messe wurde dann von der Osterkerze aus eine Kerze angezündet und der Pater hat das Licht an die Kinder in den ersten Reihen weitergegeben, die haben es dann an die anderen Erstkommunionkinder weiterverteilt. Das war sehr schön. Beim Friedensgruß haben sich die Kinder auch alle sehr herzlich umarmt, dann wurde es wieder ernster, weil ihre erste Kommunion bevorstand. Dafür wurden die Kerzen wieder entzündet und jeweils ein Kind kniete vorne vor Pater Juan und bekam die Mundkommunion (wie es in Peru allgemein üblich ist). Im Hintergrund drängten sich dabei die Fotografen und Eltern, um den Moment festzuhalten.

Allgemein waren die Kinder in sehr feierlicher Stimmung, haben laut gesungen und schweigend zugehört. Viele der Eltern hingegen haben ihr Kind, als es nach vorne ging, dann auch mal beim Namen gerufen, damit es in die Kamera sieht. Und was den Pater etwas verärgerte, war, dass trotz seiner Aufforderung, sie abzuschalten, einige Handys klingelten. Am Ende wurde dann von jedem Kind noch ein Bild vorm Altar gemacht und dann ging die Feier mit ein bisschen Feuerwerk und Kuchen vor der Kirche weiter, ehe die Familien zum Weiterfeiern nach Hause gegangen sind. Und für uns heißt es hier jetzt wieder Tuniken waschen. Es hat auch schon die nächste Schule angefragt, ob Schwester Rosa die Kinder vorbereiten kann. Bald geht also das Basteln wieder los.

 

 

Oktober 2014
Wie bei einem Quiz werden Fragen zum Evangelium gestellt

In Cusco gibt es viele kleine Kirchen: Gottesdienst mit einem Franziskanerpater

Jeden Sonntag stehen wir um halb sieben auf und machen uns dann um kurz vor sieben auf den Weg zu einer kleinen Kirche ein paar Straßen weiter. Direkt neben unserem Kloster ist zwar auch eine kleine Kirche – dorthin gehen die Schwestern in der Woche abends zur Messe. Aber sonntags gehen wir in eine andere Kirche, weil die Schwestern dort den Gottesdienst musikalisch begleiten, zusammen mit einigen Kindern.

Meistens feiert ein Franziskanerpater die Messe mit uns. Ein paar Dinge sind mir aufgefallen, die anders sind als ich es von zu Hause kenne. Erst einmal waren am vergangenen Sonntag zum Beginn der Messe außer uns nur zwei Frauen da, die noch die Blumen aufstellten, und der Pater. Er wartete ein paar Minuten und fing dann einfach an. Die Leute kamen im Laufe des Gottesdienstes, und am Ende waren es rund 50. Es gibt auch immer einen Zettel mit den beiden Lesungen, dem Evangelium, den Fürbitten und ein paar anderen Texten. Das erleichtert es mir sehr, auch sprachlich mitzukommen, worum es gerade geht.

Padre Bedigno und Padre Moises, die abwechselnd sonntags den Gottesdienst halten, predigen immer frei. Vor allem einer der beiden läuft dabei durch den Kirchgang und stellt Fragen über das Evangelium. Und wie in einem Quiz rufen die Kirchgänger dann, was sie denken, und er reagiert auf das, was vorgeschlagen wird. Manchmal spricht er auch Einzelne gezielt an und fragt sie. Diese Interaktion hat mich anfangs doch erstaunt, ich finde es jetzt sehr schön, so sind die Leute mehr einbezogen (ich werde zum Glück noch nicht angesprochen, weil beide Pater mich kennen und wissen, dass ich sprachlich noch nicht alles so verstehe).

Was hier auch anders ist, als ich es kenne, ist das Verlesen der Fürbitten. Weil die Fürbitten ja alle auf dem Zettel mit den Messtexten stehen, hat sie jeder vorliegen. Und so lesen verschiedene Leute spontan aus der Gemeinde heraus die Fürbitten, jeder eine. Am Ende des Gottesdienstes folgt in der Regel noch die Segnung, dafür drängen die Leute nach vorne. Dazu werden hier immer ein paar Blumen mit möglichst vollen kleinen Blüten aus einer Vase genommen, mit den Blüten voran ins Wasser getaucht, und damit wird dann gesegnet. Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich: „Was macht der denn jetzt??“, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, es funktioniert schließlich ganz gut.

Oft gibt es nach der Messe dann als kleines Frühstück ein Stück trockenen Kuchen und einen Becher mit einem heißen Getränk. Ich finde es sehr schön, dass in es hier so viele kleine Kirchen gibt. Cusco ist mit 430 000 Einwohnern ja eine sehr große Stadt, aber weil es genug Pater und Priester gibt, können noch in vielen kleinen Kirchen Messen stattfinden. Dadurch ist dann auch der Gemeindezusammenhalt stärker, man kennt sich eben wie auf dem Dorf, obwohl man in einer so großen Stadt ist.

 

 

 

September/Oktober 2014
Ausflug nach Sicuani
 

Großer Markttag in Sicuani, rund 120 Kilometer südlich von Cusco

Vor kurzem hatte Kristina, eine der anderen Freiwilligen, die über das Bistum Osnabrück in Peru eine FDA-Stelle haben, Geburtstag. Sie wohnt, wie Beata, eine weitere Freiwillige auch, in Sicuani. Kristina arbeitet in einem Internat für Kinder mit Behinderungen, die meisten der Kinder sind taub. Beatas Stelle ist in einem kleinen Mädcheninternat. Sie hilft Kindern bei den Hausaufgaben und unterrichtet außerdem Englisch in einer Schule in Sicuani. Sicuani ist eine kleine Stadt rund 120 Kilometer von Cusco entfernt, Richtung Süden. Dort wollten wir vier Freiwilligen uns alle am Wochenende treffen; Clara reiste dazu aus Calca an.

Ich bin am Freitagnachmittag von Cusco nach Sicuani gefahren. In Cusco gibt es Straßen oder Hinterhöfe, von denen dann Busse verschiedener Unternehmen in die Orte der Umgebung abfahren. Die Busse nach Sicuani fahren von einem Hof in der Nähe vom Kloster. Schon auf dem Weg dahin habe ich mich gefreut, mal aus Cusco rauszukommen, und mich packte die Reiselust. Am Terminal hatte ich Glück, ein Bus war fast voll und fuhr nach wenigen Minuten ab. Die Fahrt nach Sicuani dauerte rund drei Stunden, dafür habe ich sieben Soles gezahlt, was rund zwei Euro entspricht. Es gibt noch eine andere Abfahrtsstelle, die Busse dort sind etwas schneller, aber auch teurer.

Auf der Fahrt sind immer wieder kurz Verkäufer zugestiegen, die Brot, Eis, Zeitung oder Süßes angeboten haben. In den Dörfern, in denen der Bus hielt, wurde auch am Busfenster noch etwas angeboten. Ich merkte, dass ich nicht in einem Touristenbus saß, außer mir waren nur Peruaner an Bord: Studenten, Frauen in der typischen Kleidung, Arbeiter, Eltern mit Kindern und Geschäftsleute. Ich fand es sehr schön, einfach aus dem Fenster in die Landschaft zu schauen. Nach einiger Zeit entdeckte ich auch ein kleines Wäldchen und Kuhherden. Darüber habe ich mich gefreut. Bis dahin hatte ich gar nicht gemerkt, dass ich Kühe oder Bäume in Cusco irgendwie vermisse, aber ich bin eben doch ein Landkind ...

Als der Bus in Sicuani ankam, dämmerte es schon. Ich habe dann vor dem Busbahnhof auf Beata gewartet, bei der ich übernachten konnte. Daran, wie ich dort angesehen oder auf dem Weg beispielsweise von Kindern angesprochen wurde, habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr in Cusco bin, sondern in einer kleinen Stadt, in die sich selten ein Tourist verirrt. In Sicuani habe ich auch erstmals das Wort „gringa“ gehört. Es wird in Lateinamerika zu den Weißen gesagt.
 

Ein Mototaxi in Sicuani

Weil Beata am Ortsrand wohnt und wir nicht so weit laufen wollten, sind wir mit einem Mototaxi gefahren. Das wollte ich schon immer mal machen, aber in Cusco gibt es keine Mototaxis. Es handelt sich dabei um kleine Gefährte auf Basis eines Motorrads. Bei manchen sieht man auch noch deutlich das Motorrad, an das hinten angebaut wurde.

Die Nacht in Sicuani hat sich noch kälter angefühlt als in Cusco, ich habe gefroren, obwohl ich unter den Wolldecken eine Leggings aus Wolle und einen Wollpulli anhatte. Allgemein ist es nachts in Sicuani noch kälter als in Cusco, weil es noch höher in den Anden liegt. Aber es war wohl auch eine besonders kalte Nacht, weil es an den vergangenen drei Tagen in Sicuani geregnet hatte. Und die Häuser hier sind eben generell ohne Heizung, deshalb muss man sich einfach warm anziehen.

Im Kloster in Cusco ist es im Haus auch immer ziemlich kalt; weil die Wände so dick sind, kann die Sonne die Räume auch tagsüber nicht aufheizen. Im Moment ist hier ja noch Trockenzeit, ab Ende Oktober ungefähr beginnt die Regenzeit. Es regnet dann mehrere Monate und ich hoffe, dass es dann nicht noch kälter wird. Ich freue mich aber darauf dass dann wohl alle grau-braunen Berge und die gesamte Landschaft grün und in kräftigen Farben aufblühen werden.

Als Beata und ich am nächsten Morgen durch Sicuani zu Kristina gingen – sie wohnt am entgegengesetzten Ortsrand –, schien wieder die Sonne. Es war viel auf den Straßen los, weil samstags der große Markttag ist. Aus Calca traf mittags die vierte Freiwillige, Clara, ein, und wir haben vor dem Essen noch einen schönen Spaziergang gemacht. Es war das erste Mal seit unserer gemeinsamen Sprachkurszeit in Cusco, dass wir wieder alle zusammen waren. Das war sehr schön und vermittelte auch ein kleines Heimatgefühl. Am Abend bin ich dann nach Cusco zurückgefahren. Für die Rückfahrt brauchte ich wieder Geduld, der Bus fuhr diesmal über drei Stunden, aber ich glaube, ich werde hier auch etwas gelassener. Ich lerne, die lange Fahrtzeit mehr als geschenkte Pause anzusehen und nicht als „verlorene Zeit“, die an anderer Stelle fehlt.

 

 

 

September 2014
Die Arbeit mit den Kindern – anstrengend, aber schön

Im Innenhof des Klosters können die Kinder spielen.

 

 

Seit dem Ende meines Sprachkurses, vor vier Wochen, arbeite ich jetzt auch in der Kinderkrippe. Die Kinder sind zwischen knapp zwei und vier Jahren alt. Weil sich der monatliche Beitrag, den die Eltern zahlen, danach richtet, was sie zahlen können, lernen und spielen Kinder aus verschiedenen Einkommensverhältnissen und Familiensituationen hier zusammen. Die alleinerziehende Studentin zahlt dann eben einen geringeren Beitrag als das Ehepaar, bei dem beide gut verdienen.

Die ersten Kleinen werden morgens ab halb acht gebracht, dann empfange ich sie. Manch ein Kind schläft dann erst einmal weiter. Ansonsten haben sie ihr Frühstück mit und ich helfe ihnen: Äpfel schälen, Jogurtbecher öffnen, Mandarinen pelle. Um neun Uhr kommt dann Nancy, die Erzieherin. Es ist ganz gut, dann zu zweit zu sein, weil bis halb zehn in der Regel alle Kinder da sind, die vormittags kommen. Bei zwölf bis 16 Kindern kann man sich dann besser um die Einzelnen kümmern. Während die Erzieherin mit den Älteren die englischen Farben oder ähnliches spielerisch lernt, kann ich die Jüngeren beaufsichtigen, wickeln, beim Toilettengang helfen. Inzwischen weiß ich auch meistens sofort, was die Kinder möchten, wenn sie mich ansprechen. Bei den Kleinen, die noch nicht sprechen, muss ich oft noch raten, ob sie jetzt essen, trinken oder ihr Spielzeug möchten. Aber mit den Älteren kann ich recht problemlos kommunizieren.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen, so gegen 13 Uhr, werden die ersten Kinder wieder abgeholt. Einige andere machen dann Mittagsschlaf und so wird es ruhiger. Ich mache dann meine Mittagspause. Gegen 16 Uhr gehe ich wieder nach unten. Die meisten Kinder, die vormittags betreut werden, sind dann weg. Einige Kinder die nur am Nachmittag kommen, wurden gebracht, aber es ist insgesamt ruhiger als am Vormittag. Die Erzieherin geht dann nach Hause und ich betreue die Kinder allein, bis gegen 18.30 Uhr das letzte Kind – manchmal ist es schon eingeschlafen – von den Eltern abgeholt wird.

Die Kleinsten werden gefüttert.

Bei Freiwilligendiensten, ob im In- oder im Ausland, besteht immer die Gefahr des Extremen: einerseits der Freiwillige, der als billige Arbeitskraft regelrecht ausgebeutet wird, andererseits der Freiwillige, der sich fragt, ob er überhaupt gebraucht wird. Auf meiner Stelle habe ich das Gefühl, tatsächlich helfen zu können, ohne dass ich ausgenutzt werde oder am Ende der Arbeitswoche vollkommen fertig bin (wobei das Wochenende schon auch schön ist).

In der vergangenen Woche war ich an zwei Tagen mit rund 13 Kindern mehrere Stunden allein, weil die Erzieherin wegen einer Familienfeier frei hatte. Es war ganz schön anstrengend, allen Bedürfnissen gerecht zu werden: mit den Älteren malen und singen, den Jüngeren beim Essen helfen, die Windeln wechseln und schauen, ob sie müde sind und Mittagsschlaf machen sollten. Aber jetzt weiß ich, dass ich der Erzieherin tatsächlich eine Hilfe bin.

In meiner Stellenbeschreibung hieß es, dass bevorzugt die Kinder von jungen Eltern aufgenommen werden, damit die Eltern eine Chance zur Aus- und Weiterbildung haben. Dennoch bin ich manchmal erstaunt, wie jung manche der Mütter und Väter sind, die ihre Kinder bringen oder abholen. Eine Mutter ist beispielsweise genauso alt wie ich – 18 Jahre. Ihre Tochter ist drei Jahre alt. Der Vater eines anderen Kindes sieht dermaßen jung aus, dass er in Deutschland beim Kauf von Alkohol wohl den Ausweis zeigen müsste. Alles in allem macht mir meine Arbeit mit den Kindern Spaß. Mit der Erzieherin komme ich sehr gut klar, da mir ihr Umgang mit den Kindern gefällt und sie mir gegenüber auch verständnisvoll ist und mich dennoch wie eine Kollegin behandelt.

 

 

August 2014
Die Erde wackelt, und wir bekommen eine neue Schwester

 

Puppenpatin für „Schwester Klara", die wegen ihrer blauen Augen und
blonden Haare so genannt wird.

Am vorletzten Sonntag erlebte ich mein zweites spürbares Erdbeben. Es war am Abend, gegen 18 Uhr, und ich lag lesend auf dem Bett in meinem Zimmer, als es auf einmal wackelte. Ich bin dann aufgesprungen, habe meine Zimmertür aufgemacht und mich in den Türrahmen gestellt – wie ich es bei der „Sendung mit der Maus“ gelernt habe. Die anderen Bewohnerinnen des Klosters saßen in einer Sitzecke auf der anderen Seite des Flurs. Ich rief ihnen zu: „Das ist ein Erdbeben, oder?“ Sie schauten von ihrer Arbeit auf, nicht, weil es immer noch wackelte, sondern weil ich da so aufgeregt stand. Dann haben sie mir eher amüsiert als beängstigt meine Feststellung bestätigt: „Si, si.“ Dass die Erde gelegentlich bebt, gehört wohl zu den Dingen, an die ich mich noch gewöhnen muss. Ich habe mir dann mein Buch geholt und mich zu den anderen gesellt.

Schwester Rosa hatte von einem Pater eine Dekopuppe geschenkt bekommen. Dafür nähte sie gerade an der Nähmaschine eine Ordenstracht der Franziskanerinnen. Die Haube mit Schleier war schon fertig. Schwester Cloty holte dann ihr Handy, damit wir im Radio hören konnten, was das für ein Beben war und ob es andere Teile des Landes schwerer getroffen hat. Später sind wir in die Küche gegangen und ich habe zusammen mit Roxana, einem der Mädchen, das hier lebt, Milchreis gekocht. Währenddessen knüpfte Rosa eine Schnur für die Ordenstracht der Puppe. Wegen ihrer blonden Haare und der blauen Augen heißt die Puppe nun „Hermana Klara“ (zu deutsch: Schwester Klara). Sie steht jetzt oben im Flur unter dem Kreuz. Immer wenn Besuch da ist, wird erzählt, dass wir eine neue Schwester haben, die aber leider nicht so gesprächig ist und auch nicht alleine runterkommen will ...  Ich habe mich gefreut, dass ich „Patin“ dieser Puppe bin, denn die Puppe bleibt im Kloster, auch wenn ich dann nicht mehr in Cusco bin.

 

 

August 2014
Ein Kloster – für ein Jahr mein Zuhause

Die Stadt Cusco ist für ein Jahr das Zuhause von Klara.

Für mein Jahr in Cusco wohne ich in einem kleinen Kloster. Hier leben zwei Ordensschwestern, die mit Mitte 20 und 42 Jahren recht jung sind. Außerdem wohnen hier noch drei Mädchen, die mit den Schwestern verwandt sind und in Cusco zur Schule beziehungsweise zur Universität gehen. Das Kloster ist sehr lebendig, es kommen oft Freunde, Nachbarn oder Bekannte der Schwestern zu Besuch oder zum Essen.

Im Moment habe ich in der Woche noch jeden Tag vormittags einen Spanischsprachkurs in der Stadt. Deshalb arbeite ich noch nicht und wache dann vom Klingeln an der Tür unten im Haus auf oder von den Geräuschen der Kleinkinder, die in die Krippe kommen. Viele der Kinder kommen schon sehr früh und viele bleiben auch bis zum späten Nachmittag, da ihre Eltern beide berufstätig sind oder eben ein Elternteil alleinerziehend und berufstätig ist.

So langsam lerne ich den Alltag kennen und die Abläufe im Haus. Dazu gehört zum Beispiel, den Bioabfall aus der Küche zu den Meerschweinchen zu bringen. Auf Peruanisch heißen sie „Cuys“ und sind eine Art Nationalgericht. Ich lerne aber auch die Stadt, die für ein Jahr meine Heimat ist, immer besser kennen. Cusco, was in der Sprache der Inka, Quechua, „Nabel der Welt“ bedeutet, ist wegen seiner Geschichte als Hauptstadt des Inkareiches eine Stadt mit vielen interessanten und faszinierenden Orten. Aber eben auch eine Stadt, die heute, wie die Einheimischen schmunzelnd feststellen, eine Hauptstadt der Touristenwelt ist. Deshalb ist es manchmal schwer zu unterscheiden, was wirklich als Tradition und Identität bei den Menschen hier verankert ist und was auch sehr mit dem Tourismus zusammenhängt.
 

Markt in Cusco

Darum bin ich sehr froh, dass ich vor allem durch meine Wohngemeinschaft Cusco nicht (nur) als Tourist kennenlerne. Als ich beispielsweise Samstagmorgen mit der Schwester und den Mädchen auf dem Markt war, um Lebensmittel für uns und die Krippenkinder einzukaufen, waren nur Einheimische da. Das Marktgelände ist ziemlich groß und die Stände sind teilweise überdacht. Es gibt alles zu kaufen, von lebenden Tieren über Obst und Gemüse bis zu Milchprodukten, Getreide, Brot oder Blumen.

Schwester Cloty hat an einem Stand die Blätter, die wir am Abend zuvor im kleinen Garten gepflückt haben, gegen Gewürze eingetauscht. An den anderen Ständen wurde verhandelt, und da es so viele Stände gab, konnten auch die Preise gut verglichen werden. Viele der Verkäufer sind tatsächlich auch Bauern aus der Umgebung um Cusco, die ihre Erzeugnisse dann in Cusco auf dem Markt verkaufen. Die  Äpfel, die wir gekauft haben, waren aus Chile. Das hat mich zunächst überrascht, aber Cusco ist eben eine große Stadt, in die auch vieles importiert wird.

 

 

Juli 2014
Ein Dorf fliegt nach Peru

Vor meiner Abreise habe ich gemerkt, dass ich nicht alleine nach Peru fliege. Klar, in das Flugzeug einsteigen, das mache nur ich. Aber es gibt ganz viele Leute, die mich trotzdem begleiten. Die an mich denken, sich bei meiner Familie nach mir erkundigen und die sozusagen mit mir aufgeregt waren. Wenn ich in den letzten Tagen vor meiner Abreise im Dorf unterwegs war, ein letztes Mal Zeitungen austragen oder noch ein paar Besorgungen machen, wurde ich gefragt, wie weit ich mit Packen bin, wann genau ich fliege oder wer mich zum Flughafen bringt. Manch einer steckte mir noch etwas Geld zu und meinte, ich solle „da“ einen Kaffee trinken gehen und an sie und Hunteburg denken.

Und gefühlt habe ich auch dem halben Dorf gesagt, dass ich mal eine Postkarte schicken werde: dem Bruder einer Freundin, der in letzter Sekunde noch mein Laptop repariert hat, der Apotheke, die den ungewöhnlichen Impfstoff organisiert hat, der Arztpraxis, in der ich gegen vieles geimpft wurde. Oder der Buchhandlung im Nachbarort, die noch schnell meinen Lieblingsroman als Taschenbuch bestellt hat – sie alle stehen auf der „Postkartenliste“. Pastor Reinhard Trimpe, der mir den Reisesegen gab, bat mich, ihm doch mal per E-Mail zu erzählen, was ich so mache und wie’s mir geht, damit er das den älteren Leuten sagen kann, die er besucht. Es ist schön, zu wissen, dass so viele an mich denken und mir das Beste wünschen. Mal sehen, vielleicht landet ja auch die eine oder andere Postkarte aus dem schönen Hunteburg hier bei mir in Cusco!

 

Zwei junge Leute bloggen für den Kibo über ihren Freiwilligendienst im Ausland. Hier erfahren Sie mehr über die Motivation der beiden.

Kommentare

Hola, Klara ich beglückwünsche Dich zu Deinem Entschluß, nach Peru zu gehen!!! Unsere Tochter Ramona ist den gleichen Weg 2002/2003 gegangen - und hat es nie bereut. Außer, dass sie die spanische und (teils) die Gebärdensprache erlernt hat, hat sie unendlich viel für ihr späteres Leben mitgenommen. Sie war in Sicuani im Casa de Nazaret. Sicher war der Abschied in Frankfurt auch für uns nicht leicht - dafür haben wir in 2003 aber unvergessliche Tage in PERU (mit unserer Tochter als Reiseleiterin und Dolmetscherin) erlebt. Ich wünsche Dir eine schöne, erlebnisreiche Zeit in Peru - und halte bitte, bitte durch!! (auch wenn es manchmal schwerfällt) Du wirst am Ende der Zeit reichlich dafür belohnt. Das kann Dir niemand mehr nehmen. Schönen Gruß aus Bersenbrück Reinhard Schröder (schroeder@schroederbuero.de) Vielleicht hören wir ja mal voneinander.

Hola Klara, hier schreibt noch eine Perú-Be-Geist-erte. 2003 war ich auch in Cusco, gewohnt habe ich aber bei den Misioneras de San Vicente de Paul de Hildesheim in Pisac. Sicher wirst du mal auf den Inka-Markt kommen. Ein tolles Erlebnis sind auch sonntags die Gottesdienste in Quetschua. Ich freue mich auf deine Einträge. Buena seurte, muchas ganas de vivir en el Perú y que Dios la bendiga todos tus caminos. Saludos deste Sulingen, Claudia Rolke