Katholische Schulen – Alternative statt Konkurrenz zu staatlichen Einrichtungen

Nicht besser, sondern anders

Braucht Deutschland katholische Schulen? Wenn ja, wozu? Und was unterscheidet sie von anderen Einrichtungen? Auf einer Tagung im emsländischen Lingen haben Experten Antworten gesucht.

 

Schüler in ihrer Lebenswelt sehen und wertschätzen – eine große Chance für katholische Schulen. Foto: fotolia

Für Pater Manfred Kollig ist klar: „Damit die Kirche in der Welt lebt.“ Darum müsse es katholische Schulen geben. Der Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bistum Münster weiß, wovon er spricht: 16 Jahre lang war er Schulseelsorger, kennt das Schulleben und warnt vor Wunschvorstellungen: „Zunächst einmal ist eine katholische Schule wie jede andere Schule auch ein weltlicher Ort. Und sie wird nicht dadurch katholisch, wenn ich hinter allem Jesus entdecke“, riet er Schulträgern und Schulleitern in Lingen, keine Kunstwelt zu schaffen, die Schüler zur Unehrlichkeit zwinge. Denn: „Katholische Schule hat nur dann Sinn, wenn sie Schule in der Welt ist. Oft sind wir aber nicht in der Welt“, kritisierte er falsche Vorstellungen und zu hohe Ideale. Wenn die Ankündigung eines Schulgottesdienstes für Schüler zum Beispiel keine Einladung sei, sondern eine Bedrohung darstelle, gebe es andere Wege, mit den Schülern Gott in der Welt zu entdecken.

Katholische Schulen erfreuen sich großer Beliebtheit. In der extremen Diaspora in Ostdeutschland steigt sogar ihr Anteil. Oft gibt es Wartelisten, die Anmeldezahlen steigen. Für Pater Klaus Mertes ist das eine große Herausforderung, auch für die Kirche: Sie habe hier die Chance, Jugendliche in Familienkrisen und Eltern in Erziehungskrisen zu begleiten, so der Direktor des Kollegs St. Blasien. „Es gibt kein gesellschaftliches, kulturelles und soziales Problem, das nicht einmal ganz konkret in der Schule auf den Tisch kommt.“

Viele Schulen wurden in der ersten Häfte des 20. Jahrhunderts gegründet – häufig von Ordensgemeinschaften. Aus staatlicher Sicht waren die Schulen damals sehr nützlich, da der Staat die höhere Bildung in der Fläche nicht wohnortnah anbieten konnte. Das ist heute anders: Das öffentliche Schulsystem und die verbesserte Infrastruktur bieten fast jedem jungen Menschen ein differenziertes wohnortnahes Bildungsangebot. Da die Schülerzahlen sinken, würde mancher Politiker heute schon gern auf die Konkurrenz der Angebotsschule verzichten, erklärt Mitveranstalter Winfried Verburg von der Osnabrücker Schulstiftung.

Sich hier zu profilieren, Alternative statt Konkurrenz zu sein, ist heute mehr denn je Aufgabe der freien Schulen. Dass hier aber Nachholbedarf bestehe, betonte Heinz-Elmar Tenorth, Professor em. für Erziehungswissenschaften aus Berlin: Denn die aktuelle Praxis zeige wenige Merkmale nicht nur eine moderne, sondern auch eine katholische Schule zu sein, verwies er auf Studien.

Vorreiter in Sachen Inklusion ist das Kardinal-von-Galen-Haus in Dinklage

Doch es gibt sie, diese Leuchttürme. Katholische Schulen, die Experimente wagen, Profil zeigen. So sind viele Oberschulen im Bistum Osnabrück derzeit dabei, verstärkt Flüchtlinge aufzunehmen und zu unterrichten. In Verhandlungen mit den Kommunen haben die Verantwortlichen erreicht, dass die Quote nichtkatholischer Kinder in einigen Einrichtungen erhöht werden konnte. Einer ähnlichen Herausforderung stellt sich seit diesem Schuljahr die Marienschule in Offenbach: Als erste weiterführende katholische Schule Deutschlands nimmt die Mädchenschule auch jüdische und muslimische Schülerinnen auf. Dabei gehe es darum, im alltäglichen Miteinander die religiöse Identität der anderen kennenzulernen und zu achten, so die Verantwortlichen.

Vorreiter in Sachen Inklusion ist das Kardinal-von-Galen-Haus in Dinklage im Landkreis Vechta: Als erste Schule in Niedersachsen hat die Förderschule eine erste Klasse eingerichtet, in der zwölf Grundschüler ohne Förderbedarf und sechs Schüler mit Förderbedarf gemeinsam lernen. Pausengestaltung, gemeinsame Mittagsfreizeiten und Schulfeiern sorgen dafür, dass alle Schüler Inklusion erleben und davon profitieren. Dazu trägt auch das Konzept der Partnerklassen bei. Jede inklusive Klasse bildet ein Team mit bis zu zwei Klassen, die ausschließlich aus Schülern mit Förderbedarf bestehen. Fächer wie Sport, Musik und Religion können innerhalb des Teams klassenübergreifend unterrichtet werden.

Auch das Canisius-Kolleg in Berlin, ein Gymnasium in Trägerschaft des Jesuitenordens, möchte mehr als nur Schule sein. In den Jugendgruppen der „Ignatianischen Schülergemeinschaft“ können die Schüler am Nachmittag das in der Schule Gelernte umzusetzen, ihre Talente entwickeln und sich engagieren, um so Schritt für Schritt zu lernen, für sich selbst und für andere Verantwortung zu übernehmen.

Bei allem Engagement rät Pater Manfred Kollig aber auch dazu, realistisch zu bleiben und  Grenzen anzuerkennen: „Es geht nicht immer alles.“ Noch wichtiger als messbare Ergebnisse sei im Zweifel der Geist, der die Schule ausmache, „wie Menschen hier miteinander umgehen. Unsere Schule muss ein Ort sein, wo ich vertrauen kann, mich gut aufgehoben fühle, so sein kann wie ich bin“, sagte er: Lehrer könnten zwar eine Leistung mit „mangelhaft“ bewerten, nicht aber den Menschen, der dahinterstehe: „Wie lassen wir unsere Schüler das spüren?“

Astrid Fleute

 

 

Zur Sache

Derzeit sind rund sieben Prozent der Schulen in Deutschland „Schulen in freier Trägerschaft“. Träger sind Stiftungen, Bistümer oder Gesellschaften, einige Schulen werden noch von Ordensgemeinschaften getragen. Die Einrichtungen haben in der Regel den Status von „Ersatzschulen“, das heißt sie nehmen die gleichen Aufgaben wie staatliche Schulen wahr. Ersatzschulen sind gegenüber staatlichen Schulen gleichwertig, aber nicht gleichartig. Hier haben die Einrichtungen einen gewissen Gestaltungsfreiraum. Katholische Schulen bilden die größte Gruppe unter den Schulen in freier Trägerschaft.