Das Gotteslob für Sehbehinderte

Nicht sehen und doch mitsingen

2014 erschien das neue Gotteslob in Braille-Schrift und Großdruck für Menschen mit Sehbehinderung und Blinde, aber auch als Hörbuch und als digitale Datei für Smartphone oder Tablet. Wie kommen die Angebote an?

Mithilfe der Punktschrift können blinde Menschen lesen - auch das Gotteslob. Foto: panthermedia

Annette Pavkovic setzt sich, faltet ihren weißen Langstock zusammen und legt ihn hinter sich auf die Kirchenbank. Wie nahezu jeden Sonntag besucht die 37-Jährige, die seit ihrer Geburt blind ist, den Gottesdienst in ihrer Kirche in München. Ihre Umhängetasche mit dem tragbaren Braille-Notizgerät wandert auf ihren Schoß. Nach Einschalten des mobilen Datenspeichers mit Blindenschrifttastatur öffnet sie die Gotteslobdatei. 

„Sehenden zeigt der Liedanzeiger die Nummer an“, sagt sie lächelnd. „Mein Liedanzeiger sind die Sitznachbarn, die mir freundlich die Ziffern zuflüstern.“ Über die Suchfunktion tippt sie diese ein und kann schließlich auf der Braillezeile wie auf einem kleinen Bildschirm mit ihren Zeigefingern die Strophen in Punktschrift lesen und mitsingen. 

„Das geht ganz flott – auch über andere Wiedergabegeräte wie Smartphone oder Tablet“, betont die Lehrerin an einer Blindenschule. Seit 2015 fungiert Annette Pavkovic als ehrenamtliche Geschäftsführerin des Blindenschriftverlages Paderborn. Der hat als Teil des Deutschen Katholischen Blindenwerks (DKBW) den Stammteil des Gesangbuchs in verschiedenen Versionen nach dem Bedarf von Sehgeschädigten und Blinden aufgelegt. Zurzeit arbeitet das Team an den Anhängen der Bistümer, die nach und nach herauskommen.

„Wir haben in einer Liturgiewerkstatt alle Varianten auf ihre Praxistauglichkeit getestet“, berichtet Gerlinde Gregori von der DKBW-Erwachsenenbildung. Die 62-Jährige verlor vor 19 Jahren das Augenlicht. „Der größte Vorteil ist die Vielfalt. Jeder kann das finden, womit er am besten zurechtkommt.“ Sei es für den Gottesdienst, zur Vertiefung zu Hause oder zum Singen im Chor. 

Neben der Datei als reine Text- sowie als kombinierte Text- und Notenausgabe gibt es eine gedruckte elfbändige Punktschriftausgabe im handlichen Quadratformat sowie eine kombinierte Text- und Notenausgabe in acht DIN-A-4-Bänden – für Kirchenmusiker auch als Loseblattsammlung. Abgerundet wird das Angebot durch den Gotteslob-Großdruck in 14-Punkt-Schrift für stark Sehbehinderte sowie das sogenannte Daisy-Hörbuch zum Abspielen auf speziellen Playern mit künstlicher Stimme. 

 

Viele Senioren werden schleichend sehbehindert

Bislang wurden 500 Ausgaben bestellt. Am besten verkauft sich die Blindenschrifttextausgabe. Rund ein Viertel der Kunden entschied sich für die digitale Lösung. „Das ist für die kurze Zeit auf dem Markt und gemessen an der Schnittmenge – blind oder sehbehindert plus praktizierender Katholik – ein Erfolg“, meint Annette Pavkovic.

Nach Schätzungen sind etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland sehbehindert oder blind, davon rund 80 Prozent älter als 60 Jahre. „Die Dunkelziffer ist hoch“, bemerkt Margrita Appelhans, Blindenseelsorgerin im Bistum Hildesheim. Die Anzahl der Sehschädigungen im Alter wie Grüner Star nimmt aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung zu – gleichzeitig gibt es seltener Augenkrankheiten im Kindesalter, weil die heute besser behandelt werden können.

Für Senioren, die das Schicksal meist schleichend ereilt, ist Mobilität das größte Problem – insbesondere, wenn sie niemanden haben, der sie begleitet. „Die Einrichtung von Bring- und Abholdiensten stellt eine wichtige Hilfe dar, nicht nur auf dem Weg zur Kirche, sondern auch zu Aktivitäten in der Gemeinde“, ermuntert Appelhans, die mit fünf Jahren erblindete.

 

Etwas mehr Achtsamkeit wäre sehr hilfreich

Generell rät sie zu mehr Achtsamkeit. Vor allem, wenn auffällt, dass jemand, der sonst immer zum Gottesdienst kam, plötzlich wegbleibt. „Ältere Sehbehinderte schämen sich oft ihres Leidens und wollen, dass niemand etwas merkt.“ Dabei reiche es manchmal schon, eine Kirchenbank gut auszuleuchten oder Pfarrbrief und Flyer in lesbarer Schrift (Arial) und angemessener  Schriftgröße (12 Punkt) zu drucken. Einige blieben beim Kommuniongang sitzen, weil sie sich nicht mehr „ins Getümmel“ trauten. „Hier kann eine kleine Geste, den Arm anzubieten, große Wirkung zeitigen.“

Als nützlichen Service erachtet die Gemeindereferentin die Bekanntgabe der Lieder vorab – per E-Mail, auf der Homepage oder per Telefon im Pfarrbüro. So wüssten Nutzer der acht Textbände, welche Bücher sie sonntags mitnehmen müssten. Und Großdruckleser bräuchten nicht mehr den zwei Kilo schweren Band zu tragen, da sie die nötigen Seiten kopieren könnten. Appelhans: „All das hilft und signalisiert: Wir laden jeden herzlich ein.“

 

Kontakte:

Den Katalog des Blindenschriftverlages finden Sie zum Download hier. Das Deutsche Katholische Blindenwerk erreichen Ratsuchende unter Telefon 02 28/96 78 79 60 oder hier. Die Deutsche Katholische Blindenbücherei verleiht Bücher, Hörbücher und andere Medien. Der Versand ist kostenlos. Telefon: 02 28/55 94 90 oder hier.

Von Heike Sieg-Hövelmann