Pater aus Kolumbien ist „Seelsorger auf Zeit" in Twistringen

Philosophie fürs Leben

Normalerweise unterrichtet Salesianerpater und Philosophielehrer Martin Alonso Pongutá Hurtado Abiturklassen in Bogotá. Die Ferien nutzte er diesmal für einen Ortswechsel: Zwei Monate lang ist er Gemeindeseelsorger auf Zeit in Twistringen.

 

Pater Martin vor der Twistringer St.-Anna-Kirche.
Zwei Monate lang ist der Kolumbianer dort zu
Gast. Foto: Anja Todt

Viele junge Menschen – und endlich mal wieder ein paar Worte Spanisch sprechen: Die Hochzeit eines ehemaligen Gruppenleiters und seiner chilenischen Frau in der Twistringer St.-Anna-Kirche war ganz nach dem Geschmack von Salesianerpater Martin Alonso Pongutá Hurtado. Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Oft vermisst er Kinder und Jugendliche in den Gottesdiensten. In Kolumbien, seiner Heimat, ist er anderes gewohnt. Was ihm als „Gemeindeseelsorger auf Zeit“ sonst noch auffällt: „Die Deutschen nehmen ihren Glauben sehr ernst, sie sind innerlich begeistert“, sagt der 69-Jährige. Aber diese Zurückhaltung ist ihm sympatisch, und deshalb packte er Anfang Juni seine Koffer: Sein Orden erlaubte ihm, für zwei Monate ins Bistum Osnabrück zu gehen und dort in einer Gemeinde mitzuhelfen. Pater Martin entschied sich erneut für Twistringen, wo er vor vier Jahren schon einmal zu Gast war.

Ein Mitbruder weckte sein Interesse an Deutschland

Der Salesianer ist kein Unbekannter im Bistum. Die ersten Kontakte knüpfte er in den 70er Jahren, als er in Rom Theologie und Philosophie studierte. Ein Mitbruder weckte sein Interesse an Deutschland. Und wo lernt man eine Sprache am besten? Natürlich im Land selbst. Pater Martin kann sich noch gut erinnern, wie kompliziert es war, seine erste Anlaufstelle, Gut Hange in Freren, zu erreichen: Weil er sich nicht durchfragen konnte, hatte er die Adresse auf einem Zettel notiert. Weitere Stationen waren unter anderem Lingen, Papenburg, Esterwegen, Aurich, Twist und Schapen.

Inzwischen ist Deutsch kein Problem mehr. Pater Martin freut sich, wieder in Twistringen zu sein. Er feiert Gottesdienste, hört Beichte und bereitet sich gerade auf eine goldene Hochzeit vor. Doch einiges hat sich seit dem letzten Besuch verändert: Twistringen, Marhorst, Harpstedt und Bassum sind keine einzelnen Gemeinden mehr, sondern bilden nun eine flächenmäßig riesige Pfarrei mit entsprechend weiten Wegen. Auch Pater Martin weiß Neues zu berichten: Vor vier Jahren unterrichtete er noch Philosophiestudenten am Priesterseminar seines Ordens. Das Seminar wurde nach Medellín verlegt; er blieb in Bogotá und wechselte als Lehrer an die älteste Schule der Salesianer. Vor gut 120 Jahren kamen die ersten Salesianer Don Boscos nach Kolumbien, die Schule trägt den Namen Colegio Salesiano de Leon XIII. und hat 1600 Schüler.

Wichtigste Werke Blondels ins Spanische übersetzt

Neben dem pastoralen Dienst, sagt Pater Martin, sei ihm die Philosophie immer ein Herzensanliegen gewesen. So unterrichtet er auch in diesem Jahr wieder 176 Schüler in Philosophie. „Wie Johannes der Täufer versuche ich, den Jugendlichen die Wege Gottes zu ebnen.“ Seine Doktorarbeit schrieb Pater Martin über Maurice Blondel. Die wichtigsten Werke des französischen Philosophen hat er ins Spanische übersetzt. Einige Schriften möchte er nun gern drucken lassen und hofft auf finanzielle Zuschüsse. Die Schriften sollen jungen Menschen helfen, ihren Weg zu finden – eine Philosophie fürs Leben sozusagen.

Er selbst wusste sehr früh, was er wollte und begann als Jugendlicher sein Noviziat. Pater Martin wuchs mit zehn Geschwistern in einem Dorf auf, das von Jesuiten gegründet wurde. „Wir hatten gute Priester, die für uns Vorbilder waren“, erzählt er. „Die Glaubensverkündigung bei den einfachen Menschen – das hat mich geprägt.“ Sein ältester Bruder besuchte ein von Salesianern geleitetes Internat, und so lernte auch Pater Martin den Orden kennen. Er ist auch seinem Vater dankbar, der ihn und seine Geschwister immer wieder darin bestärkte, ihre Lebensträume zu verwirklichen. Darauf setzt Pater Martin auch an seiner Schule in Bogotá. Auf seine Weise. Und deshalb wird er pünktlich am 1. August wieder bei seiner Abiturklasse sein.

Anja Todt

 

Kontakt zu Pater Martin (bis Ende Juli) per E-Mail: pater.martin@gemeindeverbund.de
 

 

 

Hintergrund

- 95,7 Prozent der rund 46 Millionen Kolumbianer sind Christen.

- Die Arbeit der Salesianer Don Boscos in Kolumbien begann 1892. Heute sind 344 Salesianer in zwei Salesianerprovinzen tätig. Sie wirken in 47 Einrichtungen an 27 verschiedenen Standorten. Beispiele: Das Projekt von Amagá bei Medellín ist ein spezifisches Angebot für Kinder, die in den Kohleminen arbeiten. Die Möglichkeit, einen Beruf zu lernen, haben Kinder und Jugendliche im Ausbildungszentrum „Juan Bosco Obrero“. Das Ziel: Ausbildung statt Armut. Traumatisierten ehemaligen Kindersoldaten wiederum helfen die Salesianer Don Boscos mit dem Programm „Puertas abiertas – offene Türen“ für Kinder und Jugendliche, die ihrer Kindheit beraubt wurden. 

- Die ganze kolumbianische Gesellschaft leidet unter den Gewalttaten der Guerilla-gruppen, von denen sowohl Geistliche als auch Gläubige betroffen sind. Deshalb hat die Regierung die Kirche und das Internationale Rote Kreuz als einzige kompetente Institutionen ermächtigt, direkt mit der revolutionären Volksarmee Kolumbiens, der Farc, in Dialog zu treten. Die Kirche hat sich wiederholt – oft erfolglos – als Vermittlerin angeboten und dabei ihre Rolle als dritte Partei, die keine politischen Interessen verfolgte, zum Ausdruck gebracht.