Autistischer Jugendlicher erklärt sein Leben in Fantasyromanen

Raus aus dem Ghetto

Tausenden Menschen hat Raphael Müller mit seiner Autobiografie einen Einblick in seinen Kopf und damit eine ganz andere Welt gegeben. Der 16-jährige Autist sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen und nimmt viele Dinge des Lebens ganz anders wahr. Jetzt sind neue Fantasybücher von ihm im Handel.

 

Mit seinen Büchern wirbt Raphael Müller um mehr Verständnis für Autisten. Dabei erfährt er viel Zustimmung. Band 3 der „Asa-und Gasa“-Geschichten ist Anfang Februar erschienen. Foto: epd-bild

Rund 17 000 Mal hat sich sein Buch „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ verkauft. Auch die Nachfolgebücher des Aichachers beschäftigen sich mit Inklusion, also dem gemeinsamen Leben und Lernen von behinderten und nicht behinderten Menschen – und sind doch ganz anders.

Denn mit den „Asa und Gasa“-Romanen will der junge Autor Kindern und Jugendlichen das Thema Autismus näherbringen. Asa und Gasa sind Zwerge aus einer Parallelwelt, die sich nur an wenigen Stellen mit der Welt der Menschen überschneidet. Zufällig treffen sie an einem solchen Ort – einem alten Kleiderschrank – auf den 11-jährigen Tim, freunden sich mit ihm an und nehmen ihn an viele fantastische Orte mit. Als sich im Land der Zahlen die Kommunikation schwierig gestaltet, kommt Tims Klassenkamerad Daniel ins Spiel: ein junger Autist, der Zahlen als Persönlichkeiten und Farben wahrnimmt und sich in der Sprache der Zahlen mitteilen kann.

Raphael hat seine Botschaft in eine bunte Fantasy-Geschichte verpackt, in der er seine außergewöhnliche Wahrnehmung von der Welt vermittelt. Mit der Veröffentlichung gehe sein Kindheitstraum in Erfüllung, erklärt er. Entstanden ist der erste Band bereits vor einigen Jahren. Grundlage war eine der ersten Deutsch-Schulaufgaben, die Raphael im Alter von acht Jahren am Gymnasium schrieb. In einer Reizwortgeschichte sollten die Worte „Zwerg“, „Kleiderschrank“ und „Taschentuch“ untergebracht werden.

Für den hochbegabten Jungen war dies die Initialzündung, um sein Lebensthema für junge Leser aufzubereiten: „Inklusion steckt noch in den Kinderschuhen, wir sind erst dann am Ziel, wenn es keine Vokabel mehr dafür braucht, weil sie ganz selbstverständlich gelebt wird. Unverkrampft und unverkopft, gewinnbringend für beide Seiten“, findet Raphael, der sich nur per Computertastatur ausdrücken kann und auch nur, wenn ihm beim Schreiben jemand die Hand stützt.

Keine missionarischen Bücher

Auf diese Weise hat er – meist mit Hilfe seiner Mutter Ulrike – inzwischen Hunderte Gedichte, Aufsätze und Buchseiten geschrieben. Im Februar erscheint der dritte Band der Abenteuer von Asa und Gasa. Die Reaktionen, die er auf seine bisherigen Publikationen bekommen habe, bezeichnet Raphael als Geschenk. „Mich erreichen ganz viele Dankesbriefe, aber auch Hilfeschreie von anderen Autisten“, berichtet er. Wenn deren Umfeld durch seine Geschichten mehr Verständnis aufbringe und auch nur ein paar Menschen damit geholfen werde, dann habe sich die Mühe gelohnt.

Dazu sollen nun auch die Zwergen-Geschichten beitragen, die aus Raphaels Sicht nicht ausschließlich auf Kinder ausgerichtet sind. Auch Erwachsene könnten einiges aus den Büchern mitnehmen, etwa über Autisten, deren Umweltwahrnehmung oder gestütztes Schreiben. Die Geschichte, die Motive und die Sprache sorgen aber dafür, dass die Bücher eher für Jüngere oder für das gemeinsame Lesen von Eltern und Kindern geeignet sind.

Neben dem Kampf dagegen, dass Behinderte von Regelschulen und der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen werden, bestimmt ein zweites Motiv Raphaels Werke: sein Glaube. In den „Asa und Gasa“-Romanen ist er zentraler Bestandteil der Figur Daniel, der Tim dazu ermuntert, sich mit Gott auseinanderzusetzen. Missionarisch sollen Raphaels Bücher aber nicht sein: „Ich mag das Wort missionarisch nicht, ich möchte niemandem etwas überstülpen“, erklärt der Schriftsteller. Ihm selbst sei der Glaube sehr wichtig, aber er wünsche sich, „dass jeder meine Bücher lesen kann unabhängig von einer Konfession“.

Daniel Wenisch