Fastenserie

"Schön, dass ich die Zeit habe"

Kranke zu besuchen, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Denn wo Familien kleiner werden und weit verstreut leben, bleiben immer mehr Menschen selbst im Krankenhaus allein. Im St. Joseph-Stift in Bremen springt dann die „Christliche Krankenhaushilfe“ein.

Maren Hintsch von der Christlichen Krankenhaushilfe
hilft einer schwachen Patientin beim Frühstück.
Foto: St-Joseph-Stift

Morgens halb neun an einem grauen Februartag. Maren Hintsch sitzt am Tisch neben einer alten Dame im Rollstuhl. „Soll ich das Brötchen noch kleiner schneiden?“ Kaum merklich nickt die Kranke. Maren Hintsch spießt ein Stück Brötchen auf die Gabel. „Nehmen sie mal selbst.“ Langsam bewegt die alte Dame die Gabel zum Mund und kaut lange. „Vielleicht einen Schluck Tee?“ Hintsch gibt der Patientin die Schnabeltasse in die Hand. „Ein Stückchen Brot schaffen Sie auch noch, Frau Schönfeldt“ (alle Patientennamen geändert). Gut zwanzig Minuten geht das so, bis Frau Schönfeldt flüstert. „Ich bin satt.“ Maren Hintsch räumt das Frühstücksgeschirr zur Seite. Die Physiotherapeutin kommt herein. „Wir nehmen Sie jetzt mit zum Frühsport.“

Die erste Aufgabe ist für Maren Hintsch damit vorbei: Frühstücksdienst. „Wir werden dafür extra ausgebildet“, erzählt die 73-Jährige, die seit fünf Jahren zur „Christlichen Krankenhaushilfe“ gehört. Einmal in der Woche, immer dienstagsvormittags von acht bis zwölf geht sie ins St. Joseph-Stift. Meist sind sie zu dritt in der Schicht. „Dann ist die Arbeit gut zu schaffen.“

Die anderen beiden trifft sie im „Dienstzimmer“. Birgit Schlötke und Anke Weinberg sitzen schon an dem kleinen Tisch, auf dem Zettel verteilt liegen. „Die Stationsschwestern nennen uns Patienten, die wir besuchen sollen“, erzählt Anke Weinberg. Pro Station ein Zettel, oft mit mehreren Patienten. „Mit manchen reden wir nur, manchmal versuchen wir, sie aus dem Bett zu bekommen und mit ihnen zu laufen.“ Bei schönen Wetter kann es auch mal in den Garten gehen. Oder in die Krankenhauskapelle. Oder zum Rauchen vors Haus. Die drei Helferinnen teilen die Zettel untereinander auf, noch einen schnellen Kaffee und los geht es „auf Station“.

 

„Zum Friseur? Klar, kriegen wir hin!“

Anke Weinberg geht zuerst ins „Bauchzentrum“. Im Bett sitzt eine extrem abgemagerte Dame, in ihre Nase führt ein schmaler Schlauch mit Sauerstoff. „Kann ich etwas für Sie tun, Frau Jansen?“ Die Patientin winkt erst ab, aber dann fällt ihr etwas ein. „Schauen Sie mich mal an“, sagt sie, „wie sehe ich aus?“ „Gut“, tröstet Anke Weinberg. „Ach, lügen Sie nicht, schauen Sie mal meine Haare an! Ich habe eine ganz große Bitte: Können Sie mich wohl zum Friseur bringen?“ „Klar, das kriegen wir hin!“ Und nach ein paar organisatorischen Klärungen: „Ich hole Sie dann um halb zwölf ab.“

Auf der „Inneren“ steht der Name eines Mannes auf dem Zettel. „Die Schwester sagt, er ist desorientiert; das kann gutgehen, aber auch voll daneben.“ Als Anke Weinberg das Zimmer betritt, sitzt Herr Gerdes auf dem Bett und grummelt vor sich hin. „Guten Morgen! Na, Sie sehen aber nicht fröhlich aus.“ „Wenn man vom Tod redet, kann man nicht fröhlich sein!“ „Kann ich denn irgendetwas tun, dass es Ihnen etwas besser geht?“ „Sie könnten meine Frau anrufen.“ „Haben Sie kein Telefon hier, kein Handy?“ „Nein!“ „Und Ihre Frau, kommt die Sie besuchen.“ „Nicht mehr!“ 

Anke Weinberg greift ausnahmsweise zum CKH-Telefon, wählt die Nummer, die Herr Gerdes ihr sagt, und reicht das Gerät weiter. „Ich werde heute Abend beerdigt“, ist der erste Satz. Am Ende des kurzen Gesprächs nimmt Weinberg noch mal das Telefon und beruhigt die Ehefrau. Medizinische Auskünfte kann sie aber nicht geben. „Da müssten Sie im Stationszimmer anrufen.“

Im nächsten Raum liegen zwei sehr alte, sehr kranke Frauen. Beide dämmern vor sich hin. Als Frau Weinberg eintritt, wacht die eine auf. Sie stöhnt leise. „Möchten Sie vielleicht einen Schluck Wasser?“ Anke Weinberg hebt vorsichtig den Kopf mitsamt dem Kissen an und hält die Schnabeltasse. Die alte Frau seufzt zufrieden. An ihrem Bett steht ein Foto: „Der Moritz“, flüstert die Frau.„Ach, das waren schöne Jahre.“ Dann sagt sie nichts mehr und nimmt nur hin und wieder einen kleinen Schluck. Nach zehn Minuten wechselt Anke Weinberg zum anderen Bett. Sie reicht Wasser, schüttelt das Kissen auf, deckt die fast bewegungslose alte Frau zu, spricht liebevoll mit ihr. Sowas schafft sonst niemand im Krankenhausbetrieb. „Schön, dass ich die Zeit dafür habe.“

 

„Ein Patient hat mich vorhin glatt rausgeschmissen“

Maren Hintsch, Anke Weinberg und Birgit Schlötke teilen sich die
Patientenbesuche. Foto: St.-Joseph-Stift

Nach zwei weiteren Besuchen ist sie durch mit ihren Karten. Auf dem Weg zurück ins Dienstzimmer trifft sie Maren Hintsch. „Ich habe noch zwei Patienten.“ „Soll ich dir einen abnehmen?“ „Nein, das schaffe ich.“ Während sie zur nächsten Station geht, erzählt Hintsch, dass sie gerade bei einem Patienten rausgeflogen ist. „Die Schwester meinte, er solle mal raus aus dem Bett und laufen, aber er meinte, ich soll verschwinden. Bin ich dann auch.“ Übel nimmt Maren Hintsch das nicht. „Das gehört dazu. Es sind ja auch viele Patienten dabei, die schon etwas dement sind.“

Frau Schröder hingegen freut sich, als sie Besuch bekommt. Die Worte sprudeln nur so heraus. Schnell hat sie erzählt, dass sie in Japan aufgewachsen ist, weil ihr Vater damals ... und dass sie früher viel Sport getrieben hat, Tennis, Skifahren und Kegeln ... und dass sie nach einem Sturz Hals über Kopf ins Krankenhaus kam und keine Brille dabeihat ... und, nein, ihre Töchter leben in Berlin und Gießen, da ist es weit nach Bremen, vielleicht am Wochenende ... und, ja, „das ist ganz schrecklich, wenn man den ganzen Tag allein ist“.

Kranke besuchen. Dass das wirklich ein Werk der Barmherzigkeit ist, hat der Vormittag im Bremer St. Joseph-Stift gezeigt. Auch, dass es nicht immer einfach ist, dieses Werk zu tun. „Wir machen das aber wirklich auch gerne und haben Spaß dabei“, betonen die drei Damen, als sie sich am Ende der Schicht im Dienstzimmer treffen. „Sonst würden wir das ja gar nicht machen, das ist ja freiwillig!“ Maren Hintsch und Birgit Schlötke füllen ein paar Zettel für die Nachmittagsschicht aus, die um halb drei beginnt. Und Anke Weinberg geht noch einmal hoch ins Bauchzentrum, um Frau Jansen zum Friseur zu bringen. Damit die bei allem Elend wenigstens wieder in den Spiegel schauen kann.

Von Susanne Haverkamp