21.10.2016

Kommentar

Schub für die Ökumene

Das wäre vor einigen Jahrzehnten nicht möglich gewesen: Eine gemeinsame Pilgerreise von deutschen Bischöfen und Vertretern der EKD ins Heilige Land. Heute ist die Reise ein echter Schub für die Ökumene vor dem Reformationsgedenken. Ein Kommentar von Ulrich Waschki.

Schöne Geschichte, aber wohl eher Legende: Vor 499 Jahren, am 31. Oktober 1517, soll Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben. Auch wenn Historiker bezweifeln, dass Luther tatsächlich zum Hammer gegriffen hat, feiern evangelische Christen am 31. Oktober die Reformation. In diesem Jahr als Auftakt zum Gedenkjahr an 500 Jahre Reformation. 

Lange hat die katholische Seite skeptisch, fast ängstlich auf das Jubiläum geschaut. Früher waren solche Termine für die evangelische Kirche Anlass, um sich in Abgrenzung zur katholischen Kirche vermeintlicher protestantischer Freiheit und Modernität zu erfreuen. Das dürfte 2016/2017 anders werden. In diesen Tagen sind katholische Bischöfe und Vertreter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland im Heiligen Land unterwegs – zu den Quellen des gemeinsamen Glaubens. Ein Wunder nennt Magdeburgs Bischof Gerhard Feige, Ökumenebeauftragter der katholischen Bischöfe, nicht ganz zu unrecht diese Spurensuche mit Gesprächen, Besichtigungen und vor allem Gottesdiensten. Noch vor Jahrzehnten war das Verhältnis der Kirchen nach Lehrverurteilungen, Ausgrenzungen und sogar Kriegen höchstens ein Neben-, eher ein Gegeneinander. Und nun eine solche Pilgerfahrt der deutschen Kirchenspitzen. 

Ihr folgen weitere ökumenische Aktionen: Ein Höhepunkt wird ein Buß- und Versöhnungsgottesdienst in der Fastenzeit in Hildesheim sein. Auch in Gemeinden, Dekanaten, Kirchenkreisen wird das Reformationsgedenken ökumenisch gestaltet. Auf Weltebene beginnt es sogar mit dem Papst – nur zur Erinnerung: Für Luther war dieser der Antichrist. Und nun feiert Papst Franziskus am Reformationstag mit dem Lutherischen Weltbund im schwedischen Lund einen ökumenischen Gottesdienst. 

Natürlich wird das Reformationsjahr nicht nur ökumenisch sein. Evangelische Christen werden ihr eigenes Profil betonen, sich über die Existenz ihrer Kirche freuen, von Jubliäum sprechen. Das ist legitim. Dass es dabei mal zur Abgrenzung von den katholischen Glaubensgeschwistern kommt, sollte man gelassen hinnehmen. 

Viel wichtiger ist, dass Protes-tanten und Katholiken das Jahr als gemeinsames „Christusfest“ begehen wollen. Der Satz ist abgedroschen, aber richtig: Uns verbindet mehr, als uns trennt. In dieser zunehmend ungläubigen Gesellschaft bleibt uns nichts anderes übrig, als gemeinsam Zeugnis zu geben. Kaum zu glauben, aber das Reformationsgedenken könnte dafür eine wichtige Hilfe sein.

Von Ulrich Waschki