Flüchtlinge in Kindertagesstätten

Schutz und Sicherheit bieten

Jeder siebte Flüchtling in Deutschland ist jünger als sechs Jahre alt. Daher kämen Kindertagesstätten eine wichtige Rolle bei der Integration der Kinder und ihrer Familien zu, sagt Birgit Behrensen vom Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen.

 

Birgit Behrensen

Welche Sorgen beschäftigen Erzieher mit Blick auf die Arbeit mit Flüchtlingskindern?

Das sind vor allem Ängste der Überforderung – vor Situationen, auf die sie nicht entsprechend reagieren können. Hier rate ich immer zu einer guten Vernetzung, zum Beispiel mit der Migrationssozialarbeit und den Beratungsstellen der Caritas vor Ort. Diese können in allen Fragen weiterhelfen – egal ob es um psychotherapeutische Unterstützung, Freizeitangebote, asylrechtliche Aspekte oder die Vermittlung von Ehrenamtlichen oder Dolmetschern geht.

Schätzungen zufolge gelten mindestens ein Drittel der Flüchtlinge als traumatisiert. Sind Kitas darauf vorbereitet?

Das Fachpersonal ist ständig mit neuen Fragestellungen und Herausforderungen konfrontiert. Keine Berufsgruppe bildet sich so engagiert weiter. Viele Erzieherinnen haben Erfahrung in der Arbeit mit belasteten Kindern, die Schweres erlebt haben oder in schwierigen Lebenssituationen aufwachsen. Von diesen Kompetenzen profitieren sie auch in der Arbeit mit Flüchtlingskindern.

Und wenn keine Erfahrungen vorliegen?

Im Augenblick gibt es viele Schulungen zur Traumapädagogik. Bei Bedarf sollten die Einrichtungen auf ihre Fachberatung zugehen.

Was brauchen Flüchtlingskinder?

Alle Kinder, die geflohen sind, haben Extremes erlebt, aber nicht alle sind traumatisiert. Das, was sie durchmachen mussten und wie sie damit umgehen können, unterscheidet sie sehr. Hier kann die Kita Schutz und Sicherheit bieten. In der Einrichtung selbst helfen etwa helle und überschaubare Räume. Zimmer sollten nicht zu vollgestellt sein, damit die Kinder Fluchtmöglichkeiten spüren. Wichtig sind klare Strukturen, so dass auch jemand ohne Deutschkenntnisse schnell versteht, wie der Alltag abläuft. Das alles funktioniert aber nur, wenn auch die Eltern einbezogen werden.

Wie lassen sich Eltern mit Fluchterfahrung integrieren?

Am wichtigsten finde ich es, Mutter und Vater herzlich einzuladen. Vor allem zu Hospitationen, gerade in der Phase der Eingewöhnung.

Mit den Flüchtlingskindern kommen Erfahrungen einer brutalen Wirklichkeit in die Kitas, vor der man die Jüngsten gern schützen will. Ist das eine Überforderung?

Das ist eher ein Problem der Erwachsenen. Kinder sind sehr gut in der Lage, zu filtern und sich vor Überforderung zu schützen. Ist ein anderer traurig, verstehen sie es, sich selbstverständlich in ihn hineinzufühlen. Im direkten Kontakt finden Kinder automatisch Wege, es so zu übersetzen, dass sie damit umgehen und es vertragen können. Je offener und ehrlicher gesprochen wird, desto besser. Kinder sind sehr sensibel gegenüber Dingen, die tabuisiert werden. Das löst stärkere Alpträume aus.

Interview: Heike Sieg-Hövelmann

 

 

Weiterführende Hinweise:

Hier gibt es Termine für Erzieherinnen, die sich zum Thema weiterbilden wollen.

Bücher für Kitas zur Flüchtlingsarbeit empfiehlt die Fachstelle für Katholische Öffentliche Büchereien im Bistum Osnabrück.

Pädagogische Fachkräfte berät das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen mittwochs von 14 bis 17 Uhr unter Telefon 05 11/85 64 45 13 zu Fragen im Umgang mit Flüchtlingskindern.

Einen Elternbrief in acht Sprachen mit Infos zum deutschen Kita-System bietet das Land Rheinland-Pfalz an