Drei Versöhnungsgeschichten

Sehnsucht nach einem Neuanfang

Wenn Menschen sich nicht immer auch versöhnen würden, gäbe es Unheil ohne Ende auf dieser Welt. Drei unterschiedliche Versöhnungsgeschichten zeigen, dass (fast) alles möglich ist.

 

Zerstörung, Diktatur, Unterdrückung: Wie lassen sich so tiefe Wunden heilen oder zumindest die Schmerzen lindern? Versöhnung wäre ein Anfang. Vor der „Kapelle der Versöhnung“ in der Bernauer Straße in Berlin knien zwei Frauen aus Bronze, die sich innig umarmen. Foto: Jörg Sabel

 

Ein heftiger Streit, vier Monate „Funkstille“, aber Christiane W. hat sich mit ihrer Mutter wieder versöhnt. Und etwas dazugelernt.

Es sollte ein schöner Urlaub werden. Christiane W., ihre Eltern und ihr damaliger Freund mieteten ein Ferienhaus. Sie freuten sich auf die gemeinsame Zeit, die sie im Alltag nicht hatten, denn ihre Wohnorte trennten 350 Kilometer. Doch dann eskalierte ein Streit am Frühstückstisch. Mutter und Tochter verletzten sich so sehr mit Worten, dass sie den Urlaub abbrachen und mit Wut im Bauch nach Hause fuhren. Vier Monate lang sprachen sie nicht miteinander. „Absolute Funkstille“, sagt Christiane W. „Ich habe in dieser Zeit immer nur mit meinem Vater telefoniert.“

Christiane W., 54 Jahre alt, ist eine freundliche, lebenslustige Frau. Beim Erzählen streicht sie sich immer wieder eine vorwitzige graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Streit mit ihrer Mutter liegt mehr als 20 Jahre zurück. Monatelanges Schweigen – wie hält man das aus? „Das hat wehgetan und mich sehr belastet“, sagt Christiane W. leise und schaut in ihre Kaffeetasse, die sie mit beiden Händen umfasst.

Mutter und Tochter: Keine andere Beziehung prägt so tief und birgt so viel Streitpotenzial. Christiane W. wuchs als sogenanntes „Sandwichkind“ auf – mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder. „Das Verhältnis zu meiner Mutter war gut, aber nicht innig, obwohl wir uns vom Aussehen und Charakter ähnlich sind. Ich wusste auch nie so richtig, wo mein Platz in der Familie ist“, erzählt sie.

Vier Monate nach dem Urlaubsstreit wagte Christiane W. den ersten Schritt. Sie schrieb einen Brief, in dem es hieß: „Du hast zwei Töchter, ich aber nur eine Mutter. Ich wünsche mir, dass wir wieder zueinanderfinden.“ Wenige Tage später klingelte bei Christiane W. das Telefon. Es war ein kurzes „hakeliges“ Gespräch mit der Mutter. Aber es lag ein Neuanfang in der Luft, wo eben noch „dicke Luft“ war. „Seitdem haben wir wieder regelmäßig telefoniert, so, als sei nie etwas passiert.“ Ist das Wort „Entschuldigung“ gefallen? „Nein“, sagt Christiane W., „wir wussten trotzdem, dass alles, was wir uns an den Kopf geworfen hatten, entschuldigt war.“

Irgendwann zog die Tochter wieder nach Bremen, in die Nähe der Eltern. „An ihrer Vorfreude habe ich gemerkt, wie wichtig ihnen das war. Unser Verhältnis ist heute besser denn je. Wir gehen behutsamer miteinander um, und meine Mutter zeigt mir auch in kleinen Gesten, dass ich ihr guttue. Umgekehrt ist es natürlich genauso.“ Wieder aufeinander zuzugehen – das habe sich wie eine Erlösung angefühlt, sagt Christiane W. Und sie hat daraus gelernt. „Heute habe ich selbst eine Tochter, 15 Jahre alt, und uns beiden ist es ganz wichtig, dass wir nie unversöhnt schlafen gehen.“

 

 

Warum soll mein Kind beichten? Manche Eltern sind skeptisch. Die Kirchengemeinde in Buxtehude macht das Sakrament der Versöhnung wieder der ganzen Familie „schmackhaft“.
 

Kinder und auch Erwachsene verbrennen ihre Beichtzettel in einer
großen Grillschale – beim Versöhnungsfest in der katholischen
Pfarrgemeinde Mariä Himmelfahrt in Buxtehude. Foto: privat

Wer mit seinen Mitmenschen in Frieden und Harmonie leben will, muss auch bereit sein, sich Fehler einzugestehen und sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Katrin Sobanja, Gemeindereferentin in Buxtehude, hilft Kindern vor der Erstbeichte gern mit der Geschichte von Kloß auf die Sprünge. Kloß ist ein dicker Junge, der in den Pausen immer allein herumsteht. Niemand lässt ihn mitspielen, weil er so ungeschickt und tapsig ist. Einen Freund hat er nicht, und das nutzt Gert aus seiner Klasse schamlos aus. Er gaukelt ihm Freundschaft vor und lässt sich gleich einen gemeinsamen Kinobesuch bezahlen. Außerdem stiftet er Kloß an, im Kaufhaus zwei Rennautos zu klauen. Kloß wird erwischt. „Du bist ein Dieb“, rufen seine Mitschüler. Auch Gert zeigt mit dem Finger auf ihn. „Aber – du hast doch gesagt, dass ich‘s tun soll“, stottert der Kloß. „Ein Lügner ist er auch noch“, ruft Gert, „und so was will mein Freund sein!“

„Nach dieser Geschichte müssen erst mal alle schlucken“, sagt Katrin Sobanja. Aber dann hagelt es Vorschläge, was hätte besser laufen können. Und die Kinder denken nach: Geht es mir manchmal auch so wie Gert oder Kloß? Mache ich immer alles richtig? War es mir gleichgültig, als jemand aus der Klasse ungerecht behandelt wurde? Wer mag, kann sich Notizen machen und seinen Zettel mit zur Versöhnungsandacht in die Kirche bringen. Als Gedankenstütze für das Gespräch mit dem Pfarrer. Danach gehen die Zettel in Flammen auf – sie werden in einer Grillschale verbrannt.

Warum soll mein Kind zur Beichte gehen? Manche Eltern haben ein Problem damit, weil sie sich oft mit Unbehagen an das peinliche Herumdrucksen im Beichtstuhl erinnern. Eine Diasporagemeinde vor den Toren Hamburgs, Mariä Himmelfahrt in Buxtehude, besetzt das Sakrament der Versöhnung wieder positiv und geht neue Wege. So ist die Erstkommunionvorbereitung eingebunden in fünf gemeindekatechetische Sonntage. Alle sind dazu eingeladen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Es geht fröhlich zu wie bei einem kleinen Kirchentag.

„Uns ist es wichtig, dass die Familie das Kommunionkind begleitet – auch bei der Beichte. Wir zeigen den Eltern, wie religiöse Erziehung funktionieren kann, nehmen ihnen aber nicht die Verantwortung ab“, erklärt Sobanja. Die Gemeindereferentin beobachtet, dass das Versöhnungsfest nicht nur bei Kindern gut ankommt. Neuerdings reihen sich in die Schlange zum Beichtgespräch sogar Eltern ein. 

 

 

Versöhnung ist nur möglich, wenn der Täter dem Opfer das Vergeben möglich macht. Auf Schuldbekenntnisse wartet Rudolf Kastelik allerdings bis heute. Als Kind wurde er in kirchlichen Heimen missbraucht und geschlagen.
 

Akten, Briefe, Erinnerungsfotos: Rudolf Kastelik
besucht alle Orte, an denen er seine Kindheit ver-
bringen musste. Foto: Andreas Hüser

Nachts kommen die Albträume. Dann sitzt Rudolf Kastelik wieder reglos am Tisch, mit Papierblättern unter den Achseln. Fällt ein Blatt herunter, gibt es Ohrfeigen. Nonnen prügeln brutal mit Holzkreuzen und Rosenkränzen auf ihn ein, schreien ihn an; in der Badewanne begrapscht ihn ein Kaplan. Auch tagsüber katapultieren ihn Flashbacks in die Kindheit zurück. Als ihm im Aufzug eine Ordensfrau im geschlossenen Habit entgegenkam, schreckte Kastelik zurück und zitterte. Und als Papst Franziskus von einem „würdevollen“ Schlagen von Kindern sprach, reagierte er mit so heftigen Schmerzen, dass er ins Krankenhaus musste.

„Man hat unsere Kinderseelen gebrochen und den Glauben aus uns herausgeprügelt.“ Harte Worte. Kastelik, heute 68 Jahre alt, verbrachte seine gesamte Kindheit in verschiedenen Heimen. Kurz nach der Geburt kam er mit seinem Zwillingsbruder Eduard in einem Treck von Waisenkindern aus Posen nach Deutschland. Das hat er bei seinen Recherchen herausgefunden. Und vieles mehr. Seit sechs Jahren ist der Lübecker seiner Vergangenheit auf der Spur.

Den Mut, sich an die Deutsche Bischofskonferenz zu wenden, fasste er wenige Wochen, nachdem Pater Klaus Mertes Missbrauchsopfer am Berliner Canisius-Kolleg aufgerufen hatte, sich zu melden. Endlich wurde er angehört. Kastelik sprach mit Bischöfen, Behörden, stöberte in Archiven, legte Aktenordner an – und beschloss, Kontakt zu all seinen Kinderheimen und deren Trägern aufzunehmen. Wie viele es sind, ahnte er nicht. Heute weiß er: Es waren mindestens 19, im Bereich von sechs Bistümern und der evangelischen Nordkirche. Jeder Besuch hilft ihm, ist eine Anerkennung dessen, was passiert ist. Auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode nahm sich viel Zeit. Aber nicht alle Türen öffnen sich. „Wir waren es nicht.“ „Die Russen hatten Schuld.“ „Welche Beweise soll wohl ein vierjähriges Kind in der Hand haben?“ Solche Sätze schmerzen. Ebenso das Schweigen – die unbeantworteten Briefe so manchen Ordens.

Rudolf Kastelik ist bereit, sich zu versöhnen. Aber Versöhnung ist nur denkbar, wenn der Täter dem Opfer das Vergeben möglich macht – ein notwendiger Prozess, um seelische Wunden zu heilen. „Bisher hat sich niemand bei mir entschuldigt“, sagt der Lübecker. Und auch andere Punkte auf seiner „Versöhnungsliste“ sind noch nicht abgehakt. Er wünscht sich, dass Missbrauch in katholischen Einrichtungen generell nicht mehr geleugnet wird, dass Aufarbeitung zur Herzensangelegenheit wird, dass sich Orden zumindest stellvertretend entschuldigen. Und dass man ihm „auf Augenhöhe“ begegnet. Seine traumatische Kindheit zu erforschen, ist für Rudolf Kastelik überlebenswichtig. Das gibt ihm Kraft. „Mein Herz wird weiter weinen“, sagt er, daran könne auch eine Therapie nichts mehr ändern. „Aber vielleicht gelingt es mir irgendwann, loszulassen.“

Anja Sabel