13.07.2017

Modell Gemeindeschwester

Selbstständig auch im Alter

In Rheinland-Pfalz wird ein altes Konzept wiederbelebt. Gemeindeschwestern beraten kostenlos Senioren in ihrer Wohnung. Das Angebot soll helfen, die Selbstständigkeit im Alter möglichst lange zu erhalten.

Im Seniorentreff erklärt Maria Di Geraci-Dreier ihre Arbeit. Fotos: epd-bild

Als Maria Di Geraci-Dreier an der Tür klingelt, wird sie bereits erwartet. Die 92 Jahre alte Ruthild M. hat Neuigkeiten: Zum bereits dritten Mal habe der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) ihren Antrag auf eine Pflegestufe abgelehnt, erzählt die Seniorin, die noch im eigenen Haus wohnt, aber nur noch schlecht gehen kann. Vor dem jüngsten Hausbesuch der MDK-Mitarbeiter sei ihr geraten worden, sich ein paar Tage lang nicht zu waschen und zu kämmen. „Aber ich bin doch nicht irre“, entrüstet sich die alte Dame. Weil die Seniorin wissen möchte, wie sie nun vielleicht trotzdem Hilfe bekommen kann, hat sie ihre „Gemeindeschwester plus“ angerufen.

In einem von der Mainzer Landesregierung angestoßenen Modellprojekt beleben zurzeit einige rheinland-pfälzische Kommunen die alte Idee der Gemeindeschwester neu. Seit rund anderthalb Jahren kümmert sich Di Geraci-Dreier um hochbetagte Menschen, die noch nicht von einem Pflegedienst betreut werden. Sie hört ihnen zu und hilft mit Ratschlägen. Arbeit gibt es genug: Mehr als 4000 Senioren über 80 Jahre leben allein in den zwei Verbandsgemeinden rund um Wörrstadt im Landkreis Alzey-Worms, für die sie zuständig ist: „Ein Großteil dieser alten Menschen lebt allein in den eigenen vier Wänden ohne Ansprüche auf Leistungen aus der Pflegekasse.“

Beratung und Hilfe, aber keine Pflege

Die neuen Gemeindeschwestern sollen dabei helfen, dass ältere Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung führen können. Sie sollen selbst keine Pflegearbeiten übernehmen, aber durchaus auch ein Auge darauf haben, in welcher gesundheitlichen Verfassung die Senioren sind. Auch vermeintlich banale Dinge wie Stolperfallen in den Wohnungen kann sie ansprechen. So wird die Gemeindeschwester gelegentlich auf Unmengen von Medikamenten aufmerksam, die auf dem Küchentisch herumliegen. Dann stellt sich heraus, dass die betagten Klienten eigenmächtig die Dosierung verändert haben oder sich ähnliche Mittel von verschiedenen Ärzten verschreiben ließen. „Manchmal bin ich bei Menschen mit einem ‚offenem Bein‘, und die finden das ganz normal“, berichtet Di Geraci-Dreier.

Ruthild M. war anfangs skeptisch, welchen Sinn eine Gemeindeschwester haben sollte, die gar nicht selbst als Pflegehilfe tätig ist. Inzwischen hat sie ihre Meinung geändert und ein echtes Vertrauensverhältnis zu ihrer Besucherin aufgebaut: „Sie hat den richtigen Beruf, sie schließt die Menschen auf.“ Nach dem Hausbesuch fährt Maria Di Geraci-Dreier direkt weiter zum Seniorentreff in den Nachbarort Saulheim. Bei Kaffee und Butterkuchen erklärt sie ihre Arbeit. Dass man sie alles fragen könne, sagt sie. Dass viele Hilfen – etwa ein Pflegebett – auch ohne Pflegestufe vom Hausarzt verordnet werden könnten. Und dass auch älteren Menschen das Recht zustehe, „Spaß zu haben“.

Angebot möglicherweise ausdehnen

Durch viele lange Gespräche bekommen die neuen Gemeindeschwestern in Rheinland-Pfalz auch ein Gespür dafür, welche Angebote allein lebende Senioren benötigen und welche bereits existierenden Initiativen besser bekanntgemacht werden müssten. An vielen Orten haben sie auch bereits eigene Projekte angestoßen wie eine Taschengeldbörse, über die ältere Menschen einfache Alltagshilfen organisieren können.

Ähnliche Projekte wie in Rheinland­-Pfalz sind inzwischen auch in anderen Bundesländern gestartet, darunter in Hessen und Niedersachsen. Das Modellprojekt „Gemeindeschwester plus“ ist vorerst auf drei Jahre beschränkt, aber die zuständige Mainzer Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler hat bereits angekündigt, dass sie die Arbeit der Gemeindeschwestern für einen Erfolg hält und das Angebot auf das gesamte Bundesland ausdehnen will.

Bedingung sei, dass die künftige Finanzierung geklärt werde. „Im Moment übernimmt das Land die Kosten zu 100 Prozent“, sagte die Ministerin. „Das werden wir nicht leisten können, wenn wir das Projekt auf alle Kommunen ausweiten wollen.“

Karsten Packeiser