Junge Landwirte nähern sich dem Thema Inklusion

Selbstversuch im Rollstuhl

Junge Landwirte wissen den Winterkurs der Katholischen Landvolkhochschule in Oesede zu schätzen: Von Anfang November bis Anfang März sprechen sie dort über Themen, die jenseits des täglichen Produktionsalltags liegen.

 

Wie fühlt es sich an, mit Einschränkungen zu leben? Johannes
Uebbing und Philip Jansen (v.l.) sammeln Eindrücke im
Rollstuhl. Foto: Steffen Bach

Turbulent geht es in der Mensa der Katholischen Landvolkhochschule (KLVHS) Oesede an diesem Tag zu. Ein gutes Dutzend junger Männer unterhält sich lautstark. Einige haben Rollstühle in den Raum geschoben und albern mit den Fahrzeugen herum. Andreas Brinker hat Mühe, sich in dem Trubel Gehör zu verschaffen. Brinker, Bildungsreferent der Katholischen Landvolkhochschule Oesede, ist für den Winterkurs verantwortlich. Die Rollstühle werden in den nächsten Tagen im Winterkurs zum Einsatz kommen, denn das Thema der Woche lautet „Inklusion“.

Einige der Jugendlichen sollen  für einen Tag im Rollstuhl sitzen und sich von einem anderen Kursteilnehmer helfen lassen. „Was ist, wenn ich mal aufs Klo muss?“, fragt einer der jungen Landwirte ungläubig. „Ihr müsst selbst entscheiden, wie weit ihr bei dem Selbstversuch gehen wollt“, antwortet ihm Brinker.

Fester Bestandteil des Winterkurses sind Exkursionen. Besucht werden alle Betriebe der Teilnehmer, aber auch andere Einrichtungen, beispielsweise eine Synagoge, eine Moschee, ein Kartoffelbearbeiter, ein Pferdebetrieb und ein Kleintierkrematorium.

„Wir alle treten in unseren Betrieben in große Fußstapfen"

Johannes Uebbing fand die Besuche auf den Betrieben der anderen Teilnehmer besonders interessant. „Da kann man mal sehen, wovon der abends redet“, meint der 21-Jährige aus Wetschen bei Diepholz. Nach der Lehre und einer anschließenden einjährigen Fachschule hat er sich noch für den Winterkurs angemeldet.

Philip Jansen aus Helte bei Meppen ist eher zufällig in den Winterkurs hineingerutscht, weil sich sein Studienbeginn wegen Problemen bei der Anmeldung noch um ein Jahr verschoben hatte. „Jetzt bin ich froh, dass ich das noch mitnehmen kann“, sagt der 20-Jährige.

„Wir alle treten in unseren Betrieben in große Fußstapfen“, meint Johannes Uebbing. Der Kurs helfe dabei, sich damit auseinanderzusetzten, was man eigentlich wolle. Für die meisten sei klar gewesen, dass man den Betrieb so weiterführt wie der Vater. „Hier nimmt man mit, dass man das, was zu Hause ist, auch infrage stellen und sich überlegen kann, ob man mit dem Betrieb in eine andere Richtung geht“, sagt Johannes.

Die wichtigste Frage für die Zukunft sei aber, wie die Landwirte mit der kritischen Öffentlichkeit umgehen, ergänzt Philip. Er ist deshalb froh, dass dieses Thema im Kurs einen breiten Raum einnimmt. Gegenüber der Landwirtschaftsschule sei der große Vorteil, dass man auch noch am Abend zusammensitzen und diskutieren könne.

So werden Kontakte für das ganze Leben geschlossen, weiß Referent Andreas Brinker. Deshalb treffen sich auch die ehemaligen Winterkursteilnehmer regelmäßig in Oesede.

Für Ehemalige und andere Interessenten bietet die Katholische Landvolkhochschule am 5. und 6. März ein Wochenendseminare zum Thema „Die Ethik des Bauern – versteckt, verklärt, verständlich?“ an. Was will „die“ Kirche, „der“ Verbraucher, „die“ Politik wissen?

Steffen Bach

 

 

Der Winterkurs

Bereits seit 1928 treffen sich in der Landvolkhochschule in den Wintermonaten junge Landwirte, um sich fortzubilden. Traditionell stehen keine betriebswirtschaftlichen Fragen auf dem Kursprogramm, sondern Themen wie Konfliktbewältigung, Burn-out, der ethische Umgang mit Tieren und der Natur, Kommunikation, Gesundheit oder Inklusion. Ziel der Organisatoren ist es, die jungen Landwirte anzuregen, über das, was sie tun, nachzudenken, und ihnen die Möglichkeit zu geben, mit Vertretern anderer gesellschaftlicher Gruppen zu diskutieren.