23.08.2016

Gottesdienst mit Lesung des biblischen Buches

So wird der Exodus lebendig

Der entscheidende Vers für das „Jahr des Aufatmens“ findet sich im Buch Exodus. Aber was steht noch drin in dieser Erzählung, die den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und den 40 Jahre dauernden Marsch durch die Wüste beschreibt? Ein Schauspieler weiß es ganz genau.

Lesung: Der Schauspieler Sebastian Dunkelberg trug im Dom fast das gesamte Buch Exodus vor. Fotos: Matthias Petersen

Vor ein paar Jahren war es Sebastian Dunkelberg leid, dass im Gottesdienst immer nur kurze Passagen aus biblischen Büchern zu hören sind. Er wollte damals alles wissen – zum Beispiel über den heiligen Paulus, der im Neuen Testament Autor mehrerer Bücher ist. Seitdem hat Dunkelberg verschiedene Male komplette Bücher vorgelesen. Mal im Hildesheimer Dom, mal in der Hamburger Bischofskirche. Als er davon hörte, dass in Osnabrück das gesamte Buch Exodus gelesen werden sollte, meldete er sein lebhaftes Interesse an.

Das Wesentliche des Abends spielt sich im Hochchor ab

Die Glocken des Doms läuten wie an jedem Abend eines Werktags, wenn die Eucharistie gefeiert wird. Doch heute ist es anders. Auf dem Domherrenfriedhof zwischen Kreuzgang und Dom stellen sich Mitglieder des Jugendchores auf, ebenso wie Domchordirektor Clemens Breitschaft in Chorkleidung. Im Dom selbst ist es viel voller als sonst, wenn sich die Gemeinde zur Messe versammelt. Wer im Kirchenschiff in den Bänken sitzt, wird höflich aufgefordert, doch vorne im Hochchor Platz zu nehmen. Das Wesentliche wird sich dort abspielen.

Heute Abend wird keine Messe gefeiert, heute Abend ist das gesamte Buch Exodus in einem sogenannten Vigilgottesdienst zu hören. Bevor es losgeht, gibt Uta Zwingenberger vom Vorbereitungsteam noch ein paar organisatorische Hinweise. Die Liturgie werde gut drei Stunden dauern, sagt sie. Wie in der orthodoxen Kirche, in der die Liturgie auch sehr lange dauert, könne jeder, der es braucht, eine Pause nehmen und die Kirche zwischendurch verlassen. Oder einen persönlichen Schlusspunkt setzen. Ein Hinweis, den sie sich hätte sparen können. Bis zum Ende wird nur eine Handvoll der weit über 180 Gläubigen den Dom verlasssen haben.

Die Glocke schlägt 19 Uhr, der Bischof zieht mit zwei Messdienern und einem Mann im hellen Anzug ein. Der Mann ist Sebastian Dunkelberg, er trägt eine Bibel vor sich her und legt sie behutsam an einem Pult ab. Nach dem ersten Lied tritt er an das Pult, das an der Stelle steht, wo sonst der Sitz des Bischofs aufgebaut ist. Mit klarer Stimme beginnt er seine Lesung, er schildert die Geburt des Mose, seine Rettung im Schilfkörbchen, wie er später Zippora zur Frau nimmt. Der Jugendchor singt ein Lied, Dunkelberg liest weiter.

Längere Texte wechseln mit liturgischen Elementen

Weihrauchspende: Der Bischof legte zwischendurch
Körner auf die glühende Kohle.

So wird sich der Gottesdienst über den ganzen Abend hinziehen. Längere Textpassagen werden unterbrochen von verschiedenen liturgischen Elementen. Mal singt der Chor, mal die Gemeinde, mal legt der Bischof Weihrauch auf glühende Kohlen. Daraus entsteht dann allerdings eine besondere Herausforderung für den Vorleser, der plötzlich in einer Weihrauchwolke steht. Das Kratzen im Hals bekämpft er mit einem Schluck Wasser. Später gesteht er lächelnd, diesen Moment habe er nur mit äußerster Konzentration überstanden.

In der ersten Stunde gibt es viel Bewegung im Eingangsbereich des Doms, Menschen kommen, hören ein paar Minuten zu, gehen dann wieder. Später am Abend herrscht dann dort Ruhe. Die große Masse bleibt ohnehin sitzen. Sei es, dass es peinlich wäre, mittendrin aufzustehen, sei es, dass die Art der Liturgie einfach fesselt. Die geübte Stimme des Schauspielers trägt ebenso dazu bei wie der Wechsel der liturgischen Elemente, die Spannung aufrechtzuerhalten.

Und sie schafft Lebendigkeit. Uta Zwingenberger hatte sich sehr auf den Abend gefreut, weil die alte Erzählung den Menschen heute im Gottesdienst ganz nahe komme. Die Schilderung des Passachfestes, als der Herr in Ägypten dreinschlägt, wird jedes Jahr in der Osternacht gelesen. Aber die Art und Weise, wie sie hier vorgetragen wird, lässt sie viel eindrücklicher erscheinen.

Gleiches gilt für den Durchzug durchs Rote Meer, für das Murren des Volkes in der Wüste, für den neuen Bund, den der Herr mit seinem Volk schließt. Sebastian Dunkelberg empfindet das Gelesene selbst intensiv. „Ich habe in dem Moment eine gute Vorstellung von der Dramaturgie des Textes“, sagt er nachher im Interview.

Der Gottesdienst endet mit dem Vaterunser, dem Segen und einem Loblied. Es ist nach 22 Uhr. Mehr als drei Stunden Liturgie sind vorbei. Das war viel mehr als ein vorgelesener Text. Viele haben es gespürt: Das hatte etwas mit meinem Leben zu tun.

Matthias Petersen

 

 

Zur Sache

Aufatmen

Die Silvesterpredigt von Bischof Franz-Josef Bode am 31. Dezember 2014 hatte gewissermaßen das Programm für das „Jahr des Aufatmens“ zum Inhalt, das der Bischof bereits vorher angekündigt hatte: „Was können, dürfen oder gar müssen wir auch getrost lassen?“, fragte er an dem Abend im Dom. Im Mittelpunkt dieser Gedanken stand das Buch Exodus; im 23. Kapitel heißt es: „… damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.“ Das Jahr endet mit der Versammlung der diözesanen Räte am 3. und 4. September in Haus Ohrbeck.

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