Bremer Messe „Leben und Tod"

Spiritualität neu entdeckt

Die Sorge für kranke, sterbende und trauernde Menschen und ihre Angehörigen ist ureigenste Aufgabe der Kirchen. Davon ist Anja Egbers überzeugt. Sie hat gemeinsam mit fünf weiteren Theologen im Programmbeirat der Bremer Messe „Leben und Tod“ mitgearbeitet.

Egbers, Referentin für Hospizarbeit im Bistum Osnabrück, freute sich, dass sich viele Fachvorträge mit Glaube und Spiritualität beschäftigten und dass Theologen zu den Vortragenden gehörten. Neben der katholischen und der evangelischen Kirche präsentierten sich auf der Messe „Leben und Tod“ zahlreiche Vereine und Verbände, aber auch Firmen und Versicherungen. Es gab Anbieter von Totenschmuck und Designerurnen neben ehrenamtlichen Hospizmitarbeitern und professionellen Trauerrednern.

Am zentralen Informationsstand der Kirchen in Halle 4 standen Mitarbeiter für Fragen, Anregungen und Gespräche zur Verfügung. „Die meisten Menschen, die zu uns an den Stand kommen, arbeiten im Berufsfeld Krankenhaus oder Pflege und berichten über ihre Erfahrungen“, weiß Joachim Korte, der als Seelsorger auf Bremens bisher einziger Palliativstation arbeitet. „Tiefe Seelsorgegespräche finden eher selten statt, kommen aber vor“, sagt Elisabeth Hunold-Lagies, pastorale Mitarbeiterin in der Pfarrei St. Raphael. Viele Besucher nahmen auch nur Informationsmaterial mit.

Zur Mittagszeit luden die Kirchen zu einem kurzen Impuls ein. Für 15 Minuten war die Messehalle ein Ort zum Innehalten. Konrad Lagies ließ auf der Gitarre drei Sätze von Johann Anton Logy in a-Moll erklingen, der evangelische Pastor Peter Brockmann las aus der Bibel und Anja Egbers trug ein Gedicht von Gertrude Wilkinson „Ein zweites Mal“ vor.

Biografien Verstorbener zusammengestellt

Das Projekt „Alles hat seine Zeit“ richtete sich besonders an Schüler und Konfirmanden. Britta Lucht vom Hospiz- und Palliativverband Bremen und Simona Herz von der religionspädagogischen Arbeitsstelle der evangelischen Kirche hatten Bilder und Biografien von ganz unterschiedlichen verstorbenen Menschen zusammengestellt. Darunter junge und alte, verunglückte und an Krankheiten gestorbene, Singles und Menschen mit einer großen Familie, Gläubige und Ungläubige. Zu jedem Verstorbenen gab es einen Fragebogen, der die Jugendlichen an verschiedene Informationsstände auf der Messe führte.

Die katholischen Seelsorger erklärten, was eine Krankensalbung ist und ob auch Menschen, die nicht bei Bewusstsein sind, gesalbt werden dürfen. Die 15-jährige Julia wollte wissen, warum viele Menschen kurz vor dem Tod eines Menschen einen Priester rufen und wie eine katholische Trauerfeier aussieht. Andere interessierte, welche Vorstellungen die katholische Kirche von dem Leben nach dem Tod hat. In vielen Fachvorträgen setzten sich Psychologen und Theologen mit Fragen von Spiritualität und Trauerarbeit auseinander. Ein Trend, der in den USA schon viel stärker ist und vermutlich in den nächsten Jahren auch in Europa zunehmen wird.

Martina Höhns

 

 

Zitiert

Michael Utsch, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen:
„Christ sein bedeutet helfen. Das ist der Kern christlicher Spiritualität. Therapieren heißt wörtlich ,dem Göttlichen im anderen dienen‘. Rituale und Symbole sind die Sprache der Spiritualität, die erlernt und eingeübt werden müssen. Heute arbeiten wenig religiös motivierte Mitarbeiter in Diakonie und Caritas, wo ökonomischer Druck und Zeitmangel zudem Freiräume für Spiritualität erschweren. Oft fehlt die Fähigkeit, über existenzielle und spirituelle Themen zu sprechen. Existenzielle Fragen sind nicht fachlich, sondern nur in persönlicher Haltung und ,gläubig‘ zu beantworten.“
 
Karin Wilkening, Diplom-Psychologin:
„Spiritualität kann nicht an die Seelsorger delegiert werden. Jeder, der mit kranken, sterbenden oder trauernden Menschen arbeitet, muss seine Spiritualität wahrnehmen und kennen. Sinnliche Erfahrungen, Poesie, Musik und Kunst eröffnen Zugänge. Persönliche ,heilige Bereiche‘ und Rituale im Alltag wirken als Kraftquellen.“
 
Matthias Gründel, Professor für Sozialpsychologie:
„Weil der Mensch sich seiner Endlichkeit bewusst ist, kennt er existentielle Angst. Als Angstpuffer dienen Religion, Kultur, Selbstwert und Generativität. Menschen suchen verschiedene Wege aus der Angst. Beim ,angenehmen Leben‘ steht der Genuss im Mittelpunkt. Beim ,engagierten Leben‘ ist das Tun zentral. Am nachhaltigsten ist das ,sinnvolle Leben‘, bei dem die eigenen Stärken in den Dienst eines größeren Bedeutungsrahmens gestellt werden und der Einzelne nicht einsam, sondern sozial eingebunden ist.“
 
Ruthmarijke Smeding, Expertin für Palliativ- und Trauerbegleitung:
„Trauerarbeit soll sich nicht vorrangig an Problemen und Expertenmeinungen orientieren. Jeder trauert anders. Deshalb stehen die Möglichkeiten und Ressourcen des betroffenen Menschen im Mittelpunkt. 20 Prozent der Trauernden brauchen professionelle Hilfe, die noch immer viel zu schwer zu finden ist. Menschen sollen selbst entscheiden, wie und wie lange sie trauern.“
 
Annelie Keil, Professorin für Gesundheitswissenschaften, angewandte Biografie- und Lebensweltforschung:
„Leben und Sterben ist immer biografisch. Es gibt kein Richtig, das für alle gilt. Im Leben muss immer wieder die Balance zwischen den beiden Prinzipien ,Geborenwerden‘ und ,Sterben‘ gefunden werden. Die Bedrohung bringt das Leben ,auf den Punkt‘, konzentriert es auf den Augenblick. Die menschliche Existenz ist eine Schrittfolge ins Ungewisse. Angst vor dem Tod ist auch Angst vor dem Leben.“

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