In einer Kieler Disco können Menschen mit Behinderung singen, tanzen und flirten

Stark wie ein Tiger

Weste, Krawatte, elegantes Hemd, die Haare gegelt – Manuel hat sich schick gemacht. Der 22-Jährige geht ins „Garys“, eine Disco in Kiel. Es ist eine besondere Disco, denn dort treffen sich Menschen mit Behinderung. Dabei spielt das Alter keine Rolle, jeder ist willkommen. Die Idee entstand bereits 1979, aus einer spontanen Eingebung.

 

Behinderungen sind hier ausdrücklich erwünscht: Die Disco für Menschen mit Behinderung öffnet einmal im Monat in Garys Tanztempel in Kiel. Foto: kna-bild

Ja, klar suche er eine Freundin, sagt Manuel über das Dröhnen der Musik im „Garys“ hinweg. „Aber das ist nicht so einfach.“ Denn Manuel habe Ansprüche, ergänzt Jojo, sein Betreuer, und lächelt ihm zu. Gleich darauf ist der junge Mann, der mit dem Gendefekt Trisomie 21 geboren wurde, wieder auf der Tanzfläche verschwunden, wo sich Menschen im Takt des „Fliegerlieds“ wiegen: „Und ich flieg, flieg, flieg wie ein Flieger, bin so stark, stark, stark wie ein Tiger ...“

Auch Irmgard nickt im Takt. Ihr verkrümmter Körper, kaum größer als der eines Kindes, ruht in einem Rollstuhl, der am Rand der Tanzfläche steht. Manchmal kommt jemand, nimmt eine von Irmgards vogelzarten Händen und deutet einen Tanz an. Aber meist sitzt sie nur da und lauscht. Sehen kann sie nicht mehr. Auf dem rechten Auge ist sie seit ihrer Jugend blind. Das linke musste vor einiger Zeit operiert werden und hat dabei auch die Sehkraft eingebüßt. „Aber ich mache das Beste draus“, sagt die 78-Jährige. Wegen so einer Kleinigkeit nicht in die Disco? Unsinn: „Ich komme immer, ich treffe hier meine Freundinnen.“

Wie den beiden geht es den meisten der gut 200 Frauen und Männer, die sich an diesem Montagabend in den Räumen des „Garys“ drängen. Fast alle sind Stammgäste, kommen seit Jahren, allein oder in der Gruppe. Viele reisen aus benachbarten Städten an. Seit 1979 findet in Kiel einmal im Monat eine Disco für Menschen mit Behinderungen statt – bundesweit eines der traditionsreichsten Angebote dieser Art.

Initiator und Motor ist Gerd „Gary“ Mangels, der auch an diesem Abend am DJ-Pult steht, Musik auflegt und das Publikum bei Laune hält. Nicht, dass das schwierig wäre: „Die Stimmung, die ist immer sofort da“, sagt Mangels. Das sei einer der Gründe, warum er immer weitermacht.

Wenn Gary auflegt, sind alle da

Angefangen hat es eher zufällig: Der DJ, Disco-Betreiber und professionelle Partymacher gestaltete einen Abend in einer Kieler Werk- und Wohnstätte für Menschen mit Behinderung und schlug spontan vor, auch seine Disco – die damals noch nicht „Garys“ hieß und an einer anderen Stelle in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt lag – für die Bewohner des „Drachensee“ zu öffnen. Das Konzept kam an. Der Laden war regelmäßig voll, eine Tradition geboren.

„Damals gab es noch kein Jahr für Menschen mit Behinderung, bei dem alle versuchten, sich toll darzustellen“, berichtet Gary, während er die Musikanlage für den Abend einrichtet und das Soundsystem checkt. Viel Geld ist für ihn und sein Team an diesen Abenden nicht zu holen: Der Eintritt ist frei, die Getränke kosten weniger als sonst. Aber Mangels fasziniert etwas anderes: „Die Dankbarkeit in den Gesichtern, die Begeisterung.“

Schon eine halbe Stunde vor Einlass stehen die ersten Gäste vor der Tür. Und kaum geht es los, ist die Tanzfläche unter dem LED-Sternenhimmel auch schon voll. „Die Musik hier ist einfach gut“, sagt Stefan, der mit seiner Frau Uscha da ist. Tanzen kann sie nicht viel, sie geht auf einen Rollator gestützt. Auch Stefan ist nicht gesund, er bezieht seit einiger Zeit Frührente. Aber wenn Gary auflegt, sind beide da – auch aus familiären Gründen: „Der Gary ist mein Onkel“, verrät Stefan und klingt ein wenig stolz.

„Dsching- Dsching- Dschingis Khan“ schallt es durch den Raum: Garys musikalische Heimat sind die 1970er- und 80er-Jahre, aber „hier musst du alles spielen, von AC/DC bis zu ganz neuen Sachen“, weiß der Disco-Betreiber. „Die Leute kennen sich alle gut mit Musik aus.“ Anke, die an diesem Abend mit ihrer Freundin Christina ihren 52. Geburtstag feiert, singt bei Schlagern aus voller Kehle mit. Neben ihr wippt ein junger Mann mit Rammstein-Shirt.

Sonja (23) und ihre Freundin Annika (25) lassen keinen Tanz aus, egal was läuft, und nutzen den Abend, um ein wenig zu flirten. Auch Manuel wirft die junge Frau den einen oder anderen interessierten Blick zu – ganz normal halt.

Esther Geißlinger