24.07.2013

Seit Abraham ringen die Menschen um ihr Gottesbild

Strafe oder Erbarmen?

Gott ist zornig auf die Einwohner von Sodom und Gomorra. Sie haben seine Gesetze übertreten, er will sie zur Strafe vernichten. Ist der Gott des Alten Testaments ein strafender Patriarch und der Gott Jesu ein gnädiger Verzeiher? Fragen an Johannes Schnocks, Professor für Zeit- und Religionsgeschichte des Alten Testaments.

Die strafenden Engel von Sodom und Gomorra – ein Gemälde des französischen Malers Gustave Moreau
                                     Foto: picture alliance/united archives

Gottes gerechte Strafe für Untaten: Ist das ein typisch alttes­tamentlicher Gedanke?

Der Gedanke ist zunächst, dass Gott ein Garant für eine Rechtsordnung ist. Dass es sich überhaupt lohnt, als Mensch anständig zu leben, sich nicht nur nach eigenem Nutzen durchzuschlagen und nur die eigene Lustmaximierung im Sinn zu haben. Dazu muss es eine Instanz geben, die in irgendeiner Weise über Recht und Moral wacht und die dafür sorgt, dass der Schwache vor dem Stärkeren geschützt ist. Das ist im alten Orient zunächst Aufgabe des Königs, der das durchzusetzen hat. In der Bibel hat diese Funktion auch Gott selbst. Wo massives Unrecht passiert, muss Gott eingreifen, um das Recht durchzusetzen. Und das sind im Grunde die Fälle, die hier angesprochen sind.

Abraham verhandelt über die eigentlich gerechte Strafe. Ist das ein neuer Schritt in der Gottesbeziehung?

Dieser Text ist sicher etwas Besonderes. Aber was Abraham macht, ist ja kein schlitzohriges Verhandeln. Eigentlich geht es ja um die Gerechtigkeit Gottes, es geht darum, klarzumachen, wie Gott wirklich ist. Da wird genau an diese altorientalische Vorstellung angeknüpft, dass Gott den Gerechten schützen will. Und bei einer solchen kollektiven Katastrophe, die auf Sodom und Gomorra zukommt, könnten die Gerechten nur dadurch geschützt werden, dass Gott auf die Katastrophe verzichtet. Das ist die Logik dessen, was Abraham vorbringt: Um die Gerechtigkeit Gottes durchzusetzen und die Gerechten zu schützen, müssen auch die Ungerechten gerettet werden. Das Ganze bekommt allerdings insofern eine neue Dimension, dass die Anwesenheit der immer weniger Gerechten die Rettung für das ganze, eigentlich ja unheile Kollektiv bedeutet. Die große Masse der Sünder würde gerettet, weil es einige wenige Anständige gibt.

Der Gedanke, dass Gott nicht mehr nur gerecht ist, sondern der Barmherzige oder Gnädige, ist das ein Gedanke, der im Alten Testament auch noch kommt?

Ja, der kommt auch und ist letztlich der mit dem weit größeren Gewicht. Die Frage ist die, ob nicht auch der Sünder für sich allein gerettet werden kann. Das haben wir zum Beispiel in Psalm 103. Dort wird Gott dafür gepriesen, dass er alle Sünden vergibt, dass er alle Gebrechen heilt und damit der Gott ist, der Leben ermöglicht. Der Psalm nennt zwei Argumente, warum das so ist: Einmal sieht man es ganz praktisch an der Begegnung am Sinai, wo Gott von sich selbst sagt, dass er langmütig und reich an Gnade ist. In der Geschichte vom Goldenen Kalb, der Maximalschuld Israels, hat Gott entsprechend das Volk nicht zur Strafe vernichtet, sondern ihm diese große Sünde vergeben. Das andere Argument des Psalms ist prinzipieller und läuft darauf hinaus, dass der Mensch sterblich und begrenzt ist und in seiner unvollkommenen Existenz gar nicht anders kann, als immer wieder auch Sünder zu sein. Und weil Gott das weiß, wird er zum verzeihenden und barmherzigen Gott.

Kann man sagen, dass es eine zeitliche Entwicklung der Gottesvorstellungen gibt?

Johannes Schnocks
                      Foto: Susanne Haverkamp

Also wenn überhaupt, dann ist diese zeitliche Entwicklung sicher nicht linear. Ich kann mir vorstellen, dass sich der Gedanke der Barmherzigkeit noch einmal weiterentwickelt in Zeiten, wo die Dinge schwierig laufen, etwa in der persischen Zeit, wo es wirtschaftlich nicht gut aussah. Wir haben aber aus diesen Zeiten auch Texte, die Gott eher als den Hardliner zeichnen. Deshalb können wir eigentlich nicht eine „positive Aufstiegsgeschichte“ konstruieren, also etwa vom strafenden Gott im Alten Testament bis hin zum verzeihenden Jesus im Neuen Testament. Es ist eher so, dass wir ein Nebeneinander von unterschiedlichen Akzenten, eine innerbiblische Diskussion haben. Die finden wir im Neuen Testament genauso. Auch dort gibt es härtere und weichere, für unsere Ohren angenehmere, Gottesvorstellungen.

Was bedeutet das für uns und für unser heutiges Gottesbild? Ist das manchmal zu ­weich­gespült?

Wenn wir sagen, dass die Bibel mit unserer heutigen Realität zu tun hat und wenn wir umgekehrt beim Lesen dieser Texte unsere eigenen Erfahrungen damit verbinden wollen, dann ist schon zu sehen, dass Gottes Barmherzigkeit nicht Beliebigkeit bedeutet. Wir haben es eigentlich immer mit einer theologisch nicht aufzugebenden Spannung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes zu tun. Beides sind so eng zusammengehörige Vorstellungen in der gesamten Bibel, dass wir sie nicht gegeneinander ausspielen können. Wo das geschieht, sind wir garantiert neben der biblischen Spur.

Interview: Susanne Haverkamp