13.08.2017

Petrus' Gang über den See

Total aufgewühlt

Über das Wasser gehen? Viele können mit dieser Geschichte nichts anfangen. Andere versuchen „tiefenpsychologisch“ zu fragen, welche inneren Wahrheiten über uns alle sie erzählt. Ein Gespräch mit Pater Guido Kreppold.


Foto: freebibleimage.com
Wer zieht mich raus, wenn ich im Sturm des Lebens untergehe? Foto: freebibleimage.com


Pater Kreppold, können Sie uns das heutige Evangelium tiefenpsychologisch auslegen?
Man könnte hier vom Archetyp der Nachtmeerfahrt sprechen. Archetyp meint ein typisches Erleben und Verhalten, das nach einem vorgegebenen Muster abläuft und eine numinose Erfahrung beinhaltet. Meer und Nacht stehen für das Unbewusste der Seele. Die Jünger fahren durch das Unbewusste ihrer Existenz, sie machen eine Wandlung durch und am Ende werfen sie sich vor dem Sohn Gottes nieder. Wichtig ist für uns: Wie können wir diesen Prozess nachvollziehen? Wie kann die Szene im Hier und Jetzt lebendig werden?


Was heißt das genau?
Bei der Perikope möchte ich mit dem Ende anfangen. Da heißt es: „Sie fielen nieder“. Das ist die Wirkung auf einen inneren Vorgang. Die Jünger sind überwältigt von der Erfahrung, die sie gemacht haben. Den Sohn Gottes erkannt zu haben, heißt, dass der göttliche Funke in ihnen selbst erwacht ist. Dahinzukommen ist ein Drama, das mit Angst zu tun hat und mit Vertrauen. Mit Verwicklung, Verdichtung, Peripetie und Lysis. Peripetie meint Umkehrung des Ablaufs zu einem neuen, unerwarteten Ergebnis.


Und wie würden Sie Wind und Wellen interpretieren?
Man kann sie als Widerstände auf unserem Glaubensweg sehen. Doch möchte ich lieber nah am Text bleiben. Da sind die Jünger und da ist Jesus, er erwartet sie am anderen Ufer. Sie rudern gegen Wind und Wellen. Es ist dunkel, nachts. Sie sind höchst angespannt. Und auf einmal sehen sie eine Gestalt auf dem Wasser, etwas Unvorstellbares. Es ist ihnen unheimlich, sie schreien und zittern um ihr Leben.


Ich dachte, sie wollten die Situation tiefenpsychologisch deuten?
Ich nehme die Situation ganz wörtlich mit ihrer Tiefe und ihrem Ernst. Tiefenpsychologische Deutung heißt für mich, die Bedeutung einer Erzählung unmittelbar zu erfahren. Damit wird ihr historischer Kern nicht angetastet. Jesus hat die Schwerkraft überwunden. Man nennt dieses Phänomen Levitation. Davon berichten auch Mystiker. Etwa Teresa von Ávila. Entscheidend aber ist die Tiefe der Erfahrung. Die Jünger sind total aufgewühlt, dann hören sie die Stimme Jesu, die ihre Verzweiflung in Vertrauen umkehrt. Am Ende steht tiefstes Ergriffensein und Anbetung.


Auf einmal kann sogar Petrus auch über Wasser gehen. Nach einer Weile dann geht er jedoch unter …
Die Stimme und Nähe Jesu machen Petrus sicher. Petrus ist an seine Mitte angeschlossen. Dann aber lässt er sich ablenken und fällt damit aus der Beziehung zu Jesus und aus seiner Mitte. Wenn er in voller Konzentration geblieben wäre, wäre sein Weg gelungen. Konzentration bedeutet, im Zentrum zu sein.


Wie kommt der Mensch in seine Mitte?
Das geschieht dann, wenn ich mich von dem berühren lasse, was mich unbedingt angeht. Zuvor muss ich Fragen zulassen. Was bedrückt mich? Was schmerzt, was begeistert mich? Was macht mich echt, was bereichert mich? Zu Nikolaus von Kues sprach Gott einst, „Sei du dein. Dann werde ich dein sein“. Jeder trägt das Bild Gottes in sich. Es ist zugleich der Punkt, wo jeder ganz er selbst ist.


Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, Sie sind eher Mystiker und weniger an Auslegung interessiert.
Schon das Wort Auslegung bedarf einer kritischen Betrachtung. Es gibt davon so viele Theorien, die sich widersprechen. Wichtig ist, wie das Evangelium für mich, für jeden Einzelnen lebendig wird. Es geht darum, den Erlebnischarakter und die Dramatik der Erzählungen nachzuvollziehen. Dabei kann die Tiefenpsychologie in Form der Traumarbeit hilfreich sein. Ein guter Ansatz ist auch das Bibliodrama. Das bedeutet, dass wir etwas von der Todesangst der Jünger auf dem See und von ihrem gewonnenen Vertrauen mitbekommen.


Darf man die Wundergeschichten des Evangeliums als gläubiger Christ also nicht als Bild oder Metapher interpretieren?
Jesus selbst hat ja in Bildern und Gleichnissen gesprochen, um seine Erfahrung mit Gott zu vermitteln. In den Bildern ist Leben. Diese Lebendigkeit zu wecken, darum geht es. Ich denke, es geht bei uns mit dem Glauben deshalb bergab, weil man nur auf das Begreifen aber nicht auf das Ergriffenwerden setzt. Die Jünger im heutigen Evangelium sind total ergriffen. Sie können nur noch staunen, staunen, staunen. Wir können über Gott nur reden, wenn wir selbst ergriffen sind. Alles andere ist an Gott vorbei. Wo ich zutiefst berührt bin, dort ist die Spur Gottes. Ich habe häufig erlebt, dass gutwillige, religiös Interessierte außerhalb der Kirche suchen, weil wir die spirituelle Seite, die Erfahrung des Evangeliums vernachlässigt haben.

Interview: Andreas Kaiser