23.02.2017

Kirchengemeinde Emsbüren muss Jubiläum verschieben

Urkunde ist eine Totalfälschung

Eigentlich wollten die Emsbürener in zwei Jahren das 1200-jährige Bestehen ihrer Kirchengemeinde feiern. Das haben sie jetzt verschoben. Denn es hat sich herausgestellt, dass die dafür wichtige Urkunde komplett gefälscht ist.

 

Hoch ragt die St.-Andreas-Kirche in Emsbüren auf. Über die
Geschichte der Gemeinde gibt es gerade Diskussionen.
Foto: Petra Diek-Münchow

Wenn Gäste in die St.-Andreas-Gemeinde kommen, verschenkt Pfarrer Stephan Schwegmann gern einen guten Wein – mit einem Emsbürener Etikett. So eine Flasche steht vor ihm auf dem Tisch. Er guckt auf die Rückseite. „Das müssen wir wohl ändern“, sagt er und schaut in die Runde. Zu seinem Stellvertreter im Kirchenvorstand, Hermann-Josef Niehof. Zu Georg Wilhelm vom Diözesanarchiv und Ludger Mönch-Tegeder vom Pfarrgemeinderat. Die drei Männer nicken – denn das Etikett gibt 819 als das Jahr an, in dem die Kirche und die Gemeinde zum ersten Mal erwähnt worden sind. Zu Unrecht. Denn die Urkunde, die das behauptet, ist eine Totalfälschung.

Was ist passiert? Bisher waren die Emsbürener davon ausgegangen, dass ihre Kirche und Gemeinde durch ein Dokument von Kaiser Ludwig dem Frommen aus dem Jahre 819 urkundlich belegt ist. Deshalb war für das Jahr 2019 eine Jubiläumsfeier angedacht. „Ein bisschen hatten wir schon geplant“, sagt Schwegmann. Vor einiger Zeit sind aber zum ersten Mal alle Urkunden von Ludwig untersucht worden.

Mit einem für St. Andreas weniger schönen Ergebnis: Die Urkunde, auf die sich der Ort berufen hat, ist eine Totalfälschung. Das haben regionale Historiker und auch Georg Wilhelm vom Diözesanarchiv kürzlich bestätigt. „Die Schrift ist falsch, die Datierung ist falsch, der Inhalt stimmt nicht – davon ist nichts zu halten“, sagt er. Emsbüren steht damit nicht alleine dar: Etwa ein Drittel der Urkunden von Ludwig  sind gefälscht oder manipuliert worden. Das war im Mittelalter nach Worten von Wilhelm nicht so ungewöhnlich – besonders vieles aus dem 9. Jahrhundert sei fraglich.

Und wie fühlt sich das für die Emsbürener an? „Schon komisch“, sagt Ludger Mönch-Tegeder. „Schließlich haben wir immer die Zahl 819 gelernt.“ Auch Hermann-Josef Niehof ist „richtig baff“. Er kann sich gut erinnern, wie Emsbüren „das 1175-Jährige mit Pauken und Trompeten gefeiert hat“. Dass die Urkunde gefälscht ist, wird seiner Meinung nach viele Bürger beschäftigen – und schmerzen. Denn die Emsbürener fühlen sich mit ihrem Ort und dem Kirchspiel sehr verbunden. „Sie sind stolz auf ihre Geschichte“, sagt Stephan Schwegmann, spricht von Identität, von Wurzeln.

„Sehr bewusster Umgang mit der Geschichte"

Aber auch von Aufrichtigkeit. „Wenn man was feiert, muss das echt sein“, sagt der Pfarrer. Daher haben sich Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand beraten und helfen lassen: von Thomas Vogtherr von der Uni Osnabrück, vom Leiter des Emslandmuseums in Lingen, Andreas Eiynck, und von Georg Wilhelm.

Nach ihren Erkenntnissen gab es im 9. Jahrhundert im Kirchspiel Emsbüren schon Besiedlung. Vielleicht auch Christen, vielleicht um das Jahr 1000 schon eine Kirchengemeinde, vielleicht auch eine Holzkirche. „All das ist möglich, aber eben nicht sicher“, sagt Schwegmann. Und deshalb haben die Gremien einstimmig beschlossen: Wir verschieben die Feier auf das Jahr 2031 und feiern dann das 850-Jährige. Denn für 1181 gibt es eine Urkunde, die laut Wilhelm und Schwegmann „auf jeden Fall echt ist“. Außerdem gibt es Beweise aus Stein: den Taufstein und das Nordportal aus dem 12. Jahrhundert.

Georg Wilhelm hat großen Respekt vor dieser Entscheidung. „Das ist ein sehr bewusster Umgang mit Geschichte.“ Da kennt er andere Beispiele aus anderen Orten. Er sieht diesen Prozess sogar als Chance an, sich jetzt noch mal neu mit der Geschichte zu befassen – zu ergründen, wie der heilige Ludger und seine Nachfolger im südlichen Emsland gewirkt haben. Auch wenn das bedeutet, dass hier und da vielleicht einige Kapitel über die Missionierung neu geschrieben werden müssen.

Muss in Emsbüren jetzt noch mehr als nur das Weinetikett geändert werden? Die vier Männer sehen sich fragend an. Vielleicht die Internetseite? Schwegmann nickt und zückt dann einen kleinen Kirchenführer aus dem Jahr 1992. „Den müssen wir nicht neu schreiben“, sagt er. Denn die Autorin Christine Hermanns, die sich um die Heimat- und Geschichtsforschung im Kirchspiel sehr verdient gemacht hat, war damals schon etwas vorsichtiger. Sie nennt das Jahr 1181 als urkundliche Erwähnung. Und im mal geplanten „Jubiläumsjahr 2019“ will die Gemeinde einen Geschichtswissenschaftler einladen, der erklären kann, wie sich die Christianisierung im südlichen Emsland entwickelt hat.

Petra Diek-Münchow