12.09.2017

Gemeinschaft Sant'Egidio

Vergebt ohne Zorn

Vergebung statt Groll. Erbarmen statt Zorn. Was Jesus Sirach predigt und Jesus bestätigt, versucht die Gemeinschaft Sant’Egidio ins wahre Leben zu übersetzen. Auf großer politischer und auf kleiner persönlicher Bühne.


Foto: pa
Auf Friedensmärschen wie hier in Mailand zeigen Mitglieder von Sant’Egidio, dass sie sich mit der Gewalt auf der Welt nicht abfinden wollen. Foto: pa


„Diese Lesungstexte sind wirklich wie für uns gemacht“, sagt Alberto Quattrucci, Generalsekretär des Sant’Egidio-Friedenstreffens in Münster und Osnabrück. „Aber in der gegenwärtigen Situation überall auf der Welt werden sie leider viel zu wenig befolgt.“

Alberto Quattrucci ist seit der Gründung der geistlichen Gemeinschaft im Jahr 1968 dabei. Was damals als Initiative von Jugendlichen rund um den Gründer Andrea Riccardi begonnen hat, ist längst auf der internationalen politischen Bühne angekommen. Denn Mitglieder von Sant’Egidio vermitteln in Friedensprozessen überall auf der Welt. Und das mit Erfolg, wie Friedensschlüsse in Mosambik, Bosnien-Herzegowina oder Zentralafrika zeigen.


„Es gibt nur eine Strategie: Dialog. Das sagt auch der Papst“

Was aber ist die Strategie von Sant’Egidio? Wieso gelingt ihnen, Frieden zu fördern, wo staatliche Organisationen scheitern? Wie helfen sie, Hass, Zorn und Groll zu überwinden? „Es gibt nur eine Methode“, sagt Alberto Quattrucci. „Dialog! Das sagt ja auch Papst Franziskus immer wieder.“

So seien etwa die Konfliktparteien in Mosambik auf Einladung von Sant’Egidio in Rom zum ersten Mal überhaupt an einem Tisch zusammengekommen. Die gegenseitigen Vorwürfe, die Schuld am anderen, die Gewalttaten und Massaker verschwinden dabei nicht einfach, aber: „Begegnung an einem Tisch bietet die Chance, darüber zu sprechen, dass alle Frieden brauchen, dass es bei einem Friedensschluss keine Verlierer gibt, sondern nur Gewinner.“

Gelegentlich muss man dabei auch mit Gruppen sprechen, die eigentlich tabu sind. „Manchmal wirft man uns vor, dass wir mit Terroristen reden“, sagt Quattrucci, der zurzeit an Friedensverhandlungen in Mindanao im Süden der Philippinen beteiligt ist. „Aber wir können nicht nur nette freundliche Friedensstifter an einen Tisch holen. Die weltweiten Konflikte sind nicht so.“ Nur bei Waffen- und Drogenhändlern, da sei Schluss mit der Gesprächsbereitschaft.

Ist es seiner Erfahrung nach denn leichter zu verhandeln, wenn die Konfliktparteien gläubig sind, wenn sie ahnen, dass sie sich vor Gott für ihr Tun und Lassen verantworten müssen, wenn sie glauben, einmal von Gott selbst gerichtet zu werden? „Nein“, sagt Quattrucci mit Nachdruck. „Glaube macht es nicht leichter. Auch christlicher Glaube nicht.“

Dabei steht es ganz klar sowohl in der Lesung wie im Evangelium: „Der Mensch verharrt im Zorn gegen andere, aber wegen seiner eigenen Sünden bittet er um Gnade?“ (Jesus Sirach 28,4). Und bei Jesus: „Ebenso (unnachsichtig) wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt“ (Matthäus 18,35). „Es wäre gut, wenn Christen mehr Christen werden“, bestätigt Alberto Quattrucci. Allein: Es ist nicht so. Christen, überhaupt Gläubige, sind nicht friedlicher gesinnt als andere. Deshalb gelte das Wort von Papst Paul VI., der bei der Einführung des Weltfriedenstags im Jahr 1968 sagte: „Dieser Tag ist nicht nur für Gläubige, sondern für alle Menschen, die Frieden suchen.“

Im Zorn verharren, das tun aber nicht nur Konfliktparteien in Kriegen. Im Zorn verharren, das machen auch ganze zerstrittene Familien oder Freunde. „Unsere drei Säulen Gebet, Dienst und Freundschaft gelten im Großen wie im Kleinen“, sagt Alberto Quattrucci. „Und Vergebung in der Familie, im Freundeskreis fallen genauso schwer. Und auch hier ist der biblische Gedanke an die Beurteilung durch Gott selten ein Argument.


Auch im Privaten ist Vermittlung von außen oft ein guter Weg

Das bestätigt Klaus Reder, Vorsitzender von Sant’Egidio Deutschland. „Auch im Privaten ist es manchmal leichter, wenn jemand von außen die Konfliktparteien an einen Tisch holt“, sagt er. „Gerade in der Familie gibt es nicht selten gegenseitige Verletzungen. Die zu heilen, braucht Zeit. Und jeder muss wissen: Vergebung kann ich nicht verlangen, die kann nur geschenkt werden.“ Auch dabei bieten die örtlichen Sant’Egidio-Gemeinschaften Hilfestellung. Eigentlich bräuchte es so etwas wie „eine Beichte für alle“, sagt Reder und gibt als praktischen Tipp: „Immer das suchen, was eint, und in den Hintergrund rücken, was trennt.“

Im Großen wie im Kleinen gilt aber auch: Keiner will in einem Konflikt verlieren. Vergebung wird nicht selten als Schwäche ausgelegt – vor allem, wenn man es „siebenundsiebzig Mal“ macht, immer wieder verzeiht, vergibt, einen neuen Anfang sucht. Aber Alberto Quattrucci ist überzeugt: „Vergebung ist die Kraft der Christen. Gewalt ist die Sprache der Schwäche, Vergebung die Sprache der Stärke.“ In der Weltpolitik und in der Familie.

Von Susanne Haverkamp