22.07.2014

Tausende Jugendliche fahren im Sommer nach Ameland

Virus ohne Gegenmittel

„Ameland kann man nicht mit Worten beschreiben – für mich ist es ist wie ein Virus ohne Gegenmittel.“ So wie die 22 Jahre alte Studentin Miriam Schnee schwärmen auch andere junge Leute. Auf der niederländischen Nordseeinsel verbringen jedes Jahr zahlreiche Kinder- und Jugendgruppen ihre Sommerfreizeiten.

 

Höhepunkte im Lageralltag sind Events wie die Lagerolympiade, Rallyes oder das Lagerfest. „Die dürfen auch nicht fehlen, da warten die drauf, die schon mit waren und die Neuen, weil sie es endlich auch einmal erleben wollen“, sagt Benedikt Jungnitz. Fotos: Edmund Deppe

Warum diese Insel so fasziniert, weiß Andreas Jungnitz. Der 58 Jahre alte Lehrer eines Hamelner Gymnasiums war mit 13 Jahren das erste Mal mit auf Ameland und wurde vom „Amelandvirus“ infiziert: „Die Kinder und Jugendlichen bekommen hier von ganz allein soziale Kompetenz. Die Kleinen lernen von den Großen und die Großen helfen bereitwillig den Kleinen – mit sehr viel Geduld.“ Diese Hilfe sei ganz selbstverständlich. „Wenn jemand ein Problem hat, wie zum Beispiel Heimweh, dann wird er damit nicht alleingelassen“, sagt Jungnitz. Dieser Verhaltenskodex wird von einer „Amelandgeneration“ an die nächste weitergegeben.

Doch diese Selbstverständlichkeit kommt nicht von ungefähr. Viel Arbeit investiert das Leitungsteam in das Programm der Freizeit. „Alles ist pädagogisch durchdacht und wird mit viel Engagement didaktisch aufgearbeitet. Die Tage sind durchstrukturiert. Es gibt Programmblöcke und Freizeit – beides ist wichtig“, erklärt Benedikt Jungnitz, der ebenfalls vom „Amelandvirus“ infiziert ist und mit zwei anderen die Gesamtleitung der Freizeit hat.

Ein Kaplan entdeckt die Insel für Sommerfreizeiten

Die Amelandfreizeiten gehen zurück auf das Jahr 1918, als der Kevelaer Kaplan Edmund Janssen unterernährte Kinder im Sommer in Ameländer Familien vermittelte. Dort wurden sie gastfreundlich aufgenommen und kostenlos aufgepäppelt. 1920 fuhr Janssen, der inzwischen das Kapitänspatent hatte und geistlicher Studienrat am Lyzeum in Kevelaer  geworden war, mit einem Fischkutter und einer Gruppe Jugendlicher durch den Spoykanal zum Rhein, zweigte in die Ijssel ab, erreichte die Zuidersee – das heutige Ijsselmeer – und steuerte hinter der Schleuse die Nordsee und die vorgelagerte Insel Ameland an. 1921 gegründete er den Amelandverein „Poort van Kleef“, sozusagen die Geburtsstunde der organisierten Amelandfreizeiten. Bis 1938 schipperte Janssen jedes Jahr erst von Kevelaer aus, später von Borken zu seiner Insel. Dann ein herber Einschnitt – die Nazis verboten die kirchliche Sommerfreizeit. Doch 1953 konnte Janssen seine Ferienfahrten wieder aufnehmen. Sein Neffe, Jugendkaplan Hubert Janssen, trat schließlich in die Fußstapfen des Onkels und gründet das Ameland-Ferienwerk.

Vor 50 Jahren startete die erste Hamelner Freizeit auf die holländische Nordseeinsel. „Viele haben sich im Laufe der Jahre  engagiert, aber zwei muss man unbedingt nennen: die ehemaligen Hamelner Kapläne Reinhard Franitza, der die Amelandfreizeit der St.-Elisabeth-Gemeinde begründet hat, und Christian Balemans, der den Kontakt zur Landwirtsfamilie Molenaar hergestellt hat, auf deren Hof wir bis heute unsere Sommerfreizeiten verbringen“, so Jungnitz senior.
 

Mit einem Impuls am Lagerfeuer oder bei Fackeln am Strand endet der
Tag auf Ameland.

Auch wenn sich in den vergangenen 50 Jahren baulich einiges verändert hat, schlafen jeweils 80 Kinder und Jugendliche zusammen in einem Raum, die Mädchen meist im ehemaligen Kuhstall und die Jungen auf dem Heuboden. Luxus gibt es keinen. „Und den will hier auch niemand. Genauso sind hier eletronische Spielkonsolen oder Smartphones vollkommen überflüssig. Das Gemeinschaftsgefühl, zusammen etwas zu unternehmen – auch in der Freizeit – zählt viel mehr“, verrät Miriam-Juliana Emmel (22). Auch wer elektronisches Spielzeug dabeihat, vergisst es schnell. „Dann bleibt es bis zum Rest der Freizeit meistens im Koffer“, ergänzt Jungnitz junior.

Ameland-Erfahrungen prägen fürs Leben

Christiane Kerner (47) bedauert, dass sie nie als Teilnehmerin mitgefahren ist, sondern erst als Leiterin: „Da weiß man schon, was jeden Tag passiert. Deshalb fehlt der Überraschungsmoment, den die Kinder haben“, sagt sie. Inzwischen engagiert sie sich im Kochteam, während ihre beiden Kinder die Ferienfreizeit genießen.

Wenn die Hamelner St.-Elisabeth-Gemeinde ihre Amelandfreizeit ausschreibt, sind die 110 Plätze für Kinder und Jugendliche zwischen neun und 21 Jahren in wenigen Stunden weg. „Unsere Freizeit hat einen guten Ruf. Das liegt auch daran, dass unsere Gruppenleiter extra geschult sind, über den Jugendleiterausweis hinaus. Da gehört natürlich auch der Bereich Missbrauchsprävention dazu“, erklärt Jungnitz junior. Alle, die in einer Leitungsfunktion mitarbeiten,  sind mindestens 18 Jahre alt. Jede Gruppe wird von einem Team bestehend aus einer Leiterin und einem Leiter betreut.

Die Erfahrungen, die die Teilnehmer auf Ameland machen, prägen fürs Leben. Viele stehen zum ersten Mal vor einer größeren Gruppe, präsentieren sich, legen ihre Schüchternheit ab, probieren Talente aus, die sie vorher gar nicht kannten und werden selbstbewusster. „Die Kinder und Jugendlichen, die mit auf Ameland waren, gehen mit offeneren Augen durch die Welt, gehen nicht achtlos an ihren Mitmenschen vorbei, sind tolerant und respektvoll im Umgang miteinander und gegenüber anderen“, sagt Jungnitz senior. Sein Sohn ergänzt: „Durch die vielen Teilnehmer gibt es hier rund um Hameln ein richtiges Netzwerk mit Menschen, die von den Freizeiten geprägt sind und auf die man sich verlassen kann.“

Edmund Deppe