Roratemessen im Advent

Vom Spiel mit Licht und Dunkel

Gerade in der dunklen Jahreszeit bekommt das Kerzenlicht eine besondere Bedeutung. Im Advent werden in vielen Kirchengemeinden Roratemessen gefeiert. Eine Form von Liturgie, die das Herz anspricht – und die früher nur am Morgen zugelassen war, wie der Liturgiewissenschaftler Stephan Winter in einem Gastbeitrag schreibt.

In vielen Gemeinden werden im Advent Gottesdienste im Kerzenlicht
gefeiert. Foto: Deppe

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir als Kinder sehr gerne als Messdiener in den „Roratemessen“ eingeteilt waren. Wenn jährlich der Messdienerplan für die Adventszeit ins Haus kam, konnten wir kaum erwarten zu sehen, wann wir denn für eine dieser besonderen Messfeiern „bei Kerzenschein“ vorgesehen waren. Wir wie auch die erwachsenen Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer haben die geheimnisvolle und meditative Atmosphäre in unserer Kirche genossen, die natürlich bei Kerzenschein ganz anders gewirkt hat als dann, wenn sie durch das elektrische Licht erleuchtet war; sie war im Grunde ein anderer Gottesdienstraum.

Heute weiß ich, dass die Bezeichnung dieser adventlichen Messfeiern bei Kerzenschein als „Roratemessen“ zumindest von deren Ursprung her nicht ganz zutreffen. Denn diese Gottesdienste fanden in meiner Heimatpfarrei abends statt. Die Kirche versteht aber unter Roratemessen ganz genau frühmorgendliche Messfeiern bei Kerzenlicht: Menschen zeigen dadurch, dass sie sich in der oft von der Witterung und vom späteren Sonnenaufgang her doch eher unangenehmen Jahreszeit nicht scheuen, sich schon früh am Tag zum Gottesdienst zu versammeln, was die Zeit des Advent für den Glauben prägen sollte. Der Advent ist eine Zeit gespannter, hoffnungsvoller Erwartung. Menschen sind ausgerichtet auf die Feier der ersten Ankunft des Gottessohnes „in unserem Fleisch“, wie sie an Weihnachten gefeiert wird, ebenso auf seine Ankunft „am Ende der Zeiten“, also in Hoffnung darauf, dass Gott die Geschichte der Welt dereinst vollenden wird.

Der Name dieser besonderen Messfeiern kommt von deren lateinischen Eröffnungsvers, dem Introitus, her. Er lautet vollständig:
„Rorate caeli desuper                    „Tauet, Himmel, von oben,
et nubes pluant iustum;                 ihr Wolken regnet herab den Gerechten;
aperiatur terra,                              tu dich auf, o Erde,
et germinet Salvatorem.“              und sprosse den Heiland hervor.“

(Jesaja 45,8 Vulgata)

Dieses Wort aus dem Prophetenbuch Jesaja sieht Himmel und Erde, Gott und Menschen bzw. die ganze Schöpfung in einem ganz bestimmten Verhältnis zueinander: Die erste Hälfte des Textes ist eine Bitte um das Kommen von Gottes Gerechtigkeit und Heil „in Person“; ein Flehen um das Kommen des Messias, des von Gott gesandten Retters. Die zweite Hälfte hingegen ist ein Anruf der Erde, der geschöpflichen Wirklichkeit selber: Mit dem offenen Himmel, aus dem der Gerechte hervorgeht, ist es also nicht getan; was der Himmel schenkt, will aufgenommen werden, um wirklich Frucht bringen zu können.

Von diesen Motiven her ist gut verständlich, dass Roratemessen in der Tradition auch Marienmessen sind: Die Gottesmutter steht dabei für das Ideal einer Schöpfung, die ganz offen ist für das, was ihr der Himmel schenken will. In einem Lied, das neu ins Gotteslob hineingenommen ist, heißt es bzgl. der biblischen Szene, in der der Engel Gabriel Maria die Geburt Jesu verkündet (vgl. Lk 1,26-38): „Ein Bote kommt, der Heil verheißt und nie Gehörtes kündet. Die neue Welt aus Gottes Geist wird in der Welt gegründet. Gott selber kommt den Menschen nah; Maria aber gibt ihr Ja. Das Wort wird unser Bruder. – Das helle Licht der Ewigkeit trifft unsre Dunkelheiten. Ein Augenblick der Erdenzeit wird Angelpunkt der Zeiten. Gott teilt mit uns ein Menschenlos vom ersten Tag im Mutterschoß bis in die Nacht des Todes.“ (Gotteslob 528) Ein Element des Mariengedächtnisses darf also in keiner Roratemesse fehlen.

Stephan Winter ist Liturgiewissen-
schaftler und lebt in Osnabrück.
Foto: pbo/Haarmann

Zu verdanken haben wir übrigens diese Tradition adventlicher Messfeiern am frühen Morgen der Regelung des alten römischen Messbuchs von 1570. Darin wurde festgelegt, dass nach 12 Uhr mittags keine Messen gefeiert werden durften. So blieb angesichts der Beliebtheit der Roratemessen kaum eine andere Wahl, als sie vor den Beginn der Arbeitszeit zu terminieren, und damals gab es eben aus ganz praktischen Gründen nur die Möglichkeit, sich durch viele Kerzen das notwendige Licht zu verschaffen. Heute gibt es eine entsprechende Regelung bzgl. des Zeitansatzes für eine heilige Messe längst nicht mehr, und auch Roratemessen sind deshalb – ich habe oben von meinen Kindheitserinnerungen berichtet – auch am Abend möglich. Doch es bleibt sicherlich ein besonderes Zeichen, wenn ich mich bewusst unter nicht ganz so angenehmen Rahmenbedingungen früh zur Kirche aufmache, um auch dadurch deutlich zu machen, wohin mein Hoffen und Sehnen aus dem Glauben heraus sich richtet: auf den, nach dem Johannes der Täufer fragt  (vgl. Matthäus 11,2f), auf den, der von Gott her kommen soll; auf ihn warten wir, der umfassende Gerechtigkeit und Heil bringen wird.

Stephan Winter

 

Literaturhinweise:
- Fuchs, Guido, Rorate: Impulse und Modelle für Messen, Wort-Gottes-Feiern und Frühschichten im Advent (Reihe Konkrete Liturgie), Regensburg 2007.
- Fuchs, Guido (Hg.), Rorate. Neue Modelle für Gottesdienste im Advent (Reihe Konkrete Liturgie), Regensburg 2010.