Vier Geschwister waren schon in Syrien Messdiener – jetzt sind sie es in Deutschland

Von Aleppo nach Oesede

Am Altar dienen – das geht auch in der neuen Heimat. Die Geschwister Sabrin (17), Diana (13), Zahi (7) und Alin (16) sind vor einem Jahr vor dem Krieg in Syrien geflohen. Seit Jahresbeginn sind sie Messdiener in der Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Georgsmarienhütte-Oesede.

Drei von vier Geschwistern: Die beiden Schwestern Sabrin (l.) und Diana (r.) kümmern sich um ihren kleinen Bruder Zahi. Foto: Philipp Adolphs

Im Pfarrheim von St. Peter und Paul in Oesede ist reger Betrieb. Pastor Rainer Kloppenburg koordiniert gerade eine Geschenkaktion seiner Messdiener. Drei der Ministranten sind ganz neu im Team. Die Geschwister Sabrin, Diana und Zahi sind wenige Wochen nach ihrer Flucht vor dem Krieg in Syrien in die Kirchengemeinde gekommen, um wieder ministrieren zu können.

Sabrin und Diana tragen meist ein ruhiges Lächeln im Gesicht, ihr siebenjähriger Bruder ist noch schüchtern, übt aber schon das gleiche Lächeln wie seine Schwestern. Die Zweitälteste, Alin, ist nicht im Pfarrheim. Sie muss an diesem Tag für „Chemie“ lernen. „Wir sind schon ein Jahr in Oesede“ sagt Sabrin. Hier leben die vier Geschwister mit ihren Eltern und der Großmutter. „Oma kann nicht alleine bleiben“, sagt sie. Von ihrer Familie ist sonst auch noch ein Onkel in Deutschland.

„Es ist schwer, nach Deutschland zu kommen, das Meer ist zu gefährlich“ für die ganze Familie, sagt Sabrin. Ein anderer Onkel der vier neuen Ministranten ist Pastor in Damaskus. Mit Hilfe von Kontakten zur Caritas gelang es den Kindern, mit ihrer Oma über den Libanon nach drei Monaten Wartezeit mit dem Flugzeug nach Hannover zu fliegen. Nach kurzem Aufenthalt in Bramsche kamen sie schließlich nach Georgsmarienhütte-Oesede. Trotz des Krieges, der in den Straßen von Aleppo besonders heftig wütet, ist Sabrin jeden Samstag und Sonntag zur Kirche gegangen. Ihre Mutter wollte sie von dem gefährlichen Weg abhalten, aber der habe sie erwidert: „Ich bin nicht mehr klein. Ich bin schon fünfzehn!“ Ihre vier Jahre jüngere Schwester Diana bedauert, dass sie nicht mehr mit Sabrin zur Kirche gehen durfte: „Ich musste zu Hause bleiben.“

Derselbe Ritus in Aleppo und Oesede

Neben St. Georg in Aleppo besuchte die Familie manchmal auch die Kirche St. Josef im nahe gelegenen Idlib, „aber der IS ist schon seit mehr als drei Jahren da“, sagt Sabrin. Zur Kirche zu gehen, war ihr wichtig; sich zu treffen und nach der Messe mit den Kindern über Jesus zu sprechen. „Wir waren 500“, die jede Woche zur Kirche gekommen sind, sagt sie. „Heute sind alle verstreut: in Deutschland, Schweden. Gestorben.“ Sabrin besucht die zehnte Klasse des Gymnasiums in Oesede, auch ihre Geschwister gehen hier zur Schule und bekommen nur Bestnoten. Ihre Mutter ist Lehrerin und habe von den Mädchen einmal verlangt, mindestens eine 2 in jeder Klassenarbeit zu erzielen. „In der Schule haben wir Freunde“, sagt Diana, die einmal Polizistin werden möchte. Mit der koreanischen Kampfsportart Taekwondo bereitet sie sich darauf vor.

„Eigentlich möchte ich gerne Medizin studieren“, sagt Sabrin, denn mütterlicherseits seien ihre Verwandten alle Ärzte, Lehrer, oder Ingenieure – väterlicherseits Pastöre. „Wahrscheinlich wiederhole ich noch mal die Zehnte freiwillig, um die Sprache besser zu lernen“, sagt sie in fließendem Deutsch. Vielleicht spielt Sabrin irgendwann auch wieder Geige. In Aleppo hat sie sieben Monate lang Unterricht bekommen, „dann ging meine Schule kaputt. Rakete,“ sagt sie. Ihr kleiner Bruder Zahi malt gerne und möchte einmal Feuerwehrmann werden.

Alle vier sind seit Jahresbeginn Messdiener in Oesede. Pastor Kloppenburg und Sabrin konnten keine Unterschiede im Ritus feststellen: „Der Ritus ist derselbe“, sagt er. Laut Kloppenburg tue die Kirche in Georgsmarienhütte viel für ankommende Geflüchtete: „Wir rechnen mit weiteren Flüchtlingen, zwölf Familien können noch im Jugendheim untergebracht werden.“ Eine ehemalige Kaplanswohnung wurde für zwei Familien umgebaut und eingerichtet. Schließlich wendet sich Sabrin ihrem kleinen Bruder zu und sagt: „Jetzt müssen wir Hausaufgaben machen.“

Philipp Adolphs