Im Sonntagsevangelium befreit Jesus einen Mann von seiner Lähmung, indem er sagt: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Die Befreiung von der Schuld heilt die lähmende Krankheit. Die Psychologin Nathalie Krahé erklärt, wie die heutige Psychologie mit Schuld umgeht und welche Rolle der Glaube dabei spielt.
Frau Krahé, was ist eigentlich Schuld?
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| Nathalie Krahé |
Schuld geschieht aus psychologischer Sicht im unmittelbar zwischenmenschlichen Bereich dort, wo ich Grenzen anderer verletze oder sie in ihren Entwicklungsmöglichkeiten einschränke. Dadurch wird deutlich: Wir werden eigentlich fast immer schuldig, wenn wir mit anderen zu tun haben.
Ist Schuld nur ein persönliches „Gefühl“?
Es ist davon abhängig, wie das Gegenüber das Maß der Schuld einschätzt. Dazu brauche ich auch die Rückmeldung des anderen, wo und wie sehr ich ihn verletzt und mich schuldig gemacht habe.
Inwiefern wirken Schuldgefühle lähmend?
Manchen Menschen verschlägt es regelrecht die Sprache, wenn sie auf einen treffen, gegenüber dem sie sich schuldig fühlen: Sie gehen ihm aus dem Weg oder meiden den Blickkontakt. Das ist eine Lähmung im Kontakt. Wenn Menschen die Schuldgefühle übersteigern, dann kann es auch über längere Zeit bis hin zu Schlafstörungen und zur Depression führen, so dass man irgendwann das Haus nicht mehr verlassen kann und in Alltagsdingen gehemmt und zurückgezogen ist und die Lebensfreude verliert.
Welche Rolle spielt die religiöse Dimension dabei?
Es ist die Frage, wie ich mit Normen umgehe, die auch eine Religion vertritt: Da gibt es einen gesunden und verantwortungsvollen Umgang, der auch entlas-tet, wenn ich mich am Rahmen der Normen orientiere. Auch die eigene Biografie spielt eine wichtige Rolle: Wenn ich etwa die Einforderung der Normen sehr rigide erlebt habe, dann besteht die Gefahr, dass ich sie in ungesunder Weise übertreibe und einen Perfektionismus entwickle, der mich einschränkt.
Und wo wirkt Religion befreiend?
Das Befreiende im religiösen Kontext ist ja, dass es zum einen die orientierenden Normen gibt, zum anderen aber auch den Weg der Verzeihung, also des gesunden, entlastenden Umgangs mit der Schuld. Das kann befreiend sein. Wer es religiös versteht, weiß ja, dass er als Geschöpf Gottes nie wertlos sein kann. Und das christliche Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, setzt ja die gesunde Selbstliebe als eigenen Wert voraus.
Kann man sich selbst ent-schuldigen?
Nein, das ist nicht möglich. Eine Ent-Schuldigung mutet auch dem, der verletzt worden ist, praktisch Unmögliches zu: Er kann ja nicht so tun, als wenn es keine Schuld gegeben hätte. Ich spreche lieber von Verzeihung. Der verantwortungsvolle Umgang mit Schuld ist in fünf Schritten möglich: Zunächst muss man erkennen, dass man schuldig geworden ist. Dann braucht es das Bekenntnis der geschädigten Person gegenüber, damit ich sie dann um Verzeihung bitten kann. Hilfreich kann es sein, eine Art der Wiedergutmachung anzubieten. Und zentral ist der fünfte Schritt: Ich muss es künftig besser machen wollen. Nur dann ist es glaubwürdig.
Was ist, wenn andere die Verzeihung verweigern? Hilft dann die Lossprechung von außen?
Es gibt tatsächlich ja auch Konstellationen, in denen die Person, gegenüber der man schuldig geworden ist, schon längst tot ist oder den Kontakt ablehnt. Dann kann ich diese Schritte stellvertretend vollziehen. Da kommt die Religion mit dem positiven Umgang mit Schuld hilfreich ins Spiel. Der Beichtvater kann als Stellvertreter Gottes der Übermittler sein, wenn er die Lossprechung zusagt. Aber es ist dann ebenso wichtig, es nach Kräften in Zukunft besser machen zu wollen. Die Beichte wischt die Schuld ja nicht einfach weg. Echte Reue mit einer Besserung in Zukunft gehört dazu.
Was bewirkt eine Lossprechung aus psychologischer Sicht?
Ich erlebe, dass Menschen enorm entlastet und auch befreit sind. Das beendet eine Lähmung und kann neue Perspektiven eröffnen. Für manche ist danach der noch schwierigere Schritt, sich selbst verzeihen zu können. Andererseits reicht es nicht aus, alles nur mit sich selbst auszumachen.
Interview: Michael Kinnen
