Ehrenamtliche Gemeindeteams – ein Modellprojekt

Was braucht die Gemeinde?

Seit einem Jahr sind in der Pfarreiengemeinschaft Fürstenau Gemeindeteams am Werk. Es ist der Versuch, im Bistum Modelle der Beteiligung Ehrenamtlicher an der Gemeindeleitung auszuprobieren. Da gibt es viele Überraschungen zu erleben.

 

Ehrenamtliche Gemeindeteams – ein Zukunftsmodell? Mehrere Gemeinden im Bistum Osnabrück probieren es zurzeit aus. Foto: privat

Vier Hüte werden verteilt. Jedes Mitglied eines ehrenamtlichen Gemeindeteams soll sich nur um einen Schwerpunkt kümmern. Jörg Brüwer ist im Schwagstorfer Team für den Bereich „In Zukunft glauben“ zuständig. Andere beschäftigen sich mit dem Gottesdienst, mit der Gestaltung der Gemeinde oder mit dem solidarischen Handeln. „Wir haben lange gebraucht, bis wir ein langfristiges Projekt gefunden hatten, um das wir uns kümmern wollen“, sagt Brüwer. Tempo, das hat er schnell gemerkt, ist im Gemeindeteam fehl am Platz. „Wir wollen genau hinsehen, was die Gemeinde braucht.“ Das geht nicht immer schnell.

Das Schwagstorfer Team führte Interviews mit Gemeindemitgliedern. „So haben wir gemerkt, wo die Bedürfnisse liegen“, sagt Brüwer. Das ist eine andere Arbeitsweise, als eine Tagesordnung stur abzuarbeiten. In Berge wollte das Team die Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde fördern und richtete ein Kirchencafé ein. In Schwagstorf bilden acht Ehrenamtliche das Team, in Hollenstede sind sie zu siebt, in Berge nur zu dritt. „Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu viel auf einmal anstoßen und uns überlasten“, sagt Roswitha Kühle.

Wenn sich die ehrenamtlichen Gemeindeteams treffen, steht die Bibel im Mittelpunkt. Die Mitglieder lesen einen Abschnitt, wiederholen ihn, fragen sich, was ihnen der alte Text heute zu sagen hat. Nicht nur für Petra Kenning aus Hollenstede war das ungewohnt: „Erst habe ich gedacht, das wird nie mein Ding. Mittlerweile würde ich es vermissen.“ Gregor von Wulfen verschafft der Blick in die Heilige Schrift Gelassenheit. „Da stoßen wir immer wieder auf überraschende Ideen.“ Jörg Brüwer merkt, dass die Teammitglieder einander anders zuhören, wenn sie sich vorher mit der Bibel beschäftigt haben. Und darum geht es schließlich: hören, was die Gemeinde braucht. Und Interessierte suchen, die die Wünsche umsetzen. „Es ist unser großes Ziel, alle zu beteiligen. Und auf dem Weg müssen wir viele kleine Schritte tun“, sagt von Wulfen.

Eine Falle, in die die Teams auf keinen Fall tappen wollen: die Dinge selber in die Hand nehmen. Es mag eigenartig klingen, aber das wäre genau das Gegenteil von dem, was das Modell der „Kirche der Beteiligung“ will. Der Friedhof soll gefegt werden, damit die Würde des Ortes gewahrt bleibt. Das Team sucht nach Menschen, die Freude an dieser Aufgabe haben. Eine Jugendmesse soll vorbereitet werden, um jungen Leuten Spaß am Glauben zu vermitteln. Das Team sucht nach Interessierten, die Musik machen können. Ein Fürbittbuch soll an der Pietá ausliegen, damit Betende anonym Einträge machen können. Das Team bittet jemanden, das Buch in der Messe auf den Altar zu legen. „Wenn wir alle Beteiligten in den Entscheidungsprozess einbinden, können wir einen positiven Geist in die Gemeinde bringen“, meint von Wulfen.

Bischöfliche Beauftragung ist zeitlich begrenzt

Vor rund drei Jahren hatte das Hauptamtlichenteam über die Möglichkeit der Gemeindeteams informiert. In Fürstenau fanden sich nicht genug Interessenten, in Grafeld wollte der Pfarrgemeinderat die Funktion übernehmen. Für Hollenstede, Berge und Schwagstorf wurden schließlich Mitglieder geschult und vor Jahresfrist mit einem bischöflichen Auftrag ausgestattet – begrenzt auf drei Jahre. „Das macht uns nicht zu besseren Vertretern als die gewählten Pfarrgemeinderäte, da darf keine Rangordnung entstehen“, sagt von Wulfen.

Jedem Gemeindeteam steht ein hauptamtlicher Mitarbeiter zur Seite. Gemeindereferentin Valerie Sandkämper ist Ansprechpartnerin für Hollenstede. „Hinter meiner Arbeitsweise im Gemeindeteam steht eine bestimmte Haltung“, sagt sie. Natürlich könne sie leicht ihre Fachkompetenz hervorkehren, damit aber auch manches Gespräch im Keim ersticken. „Wenn ich einen Vorschlag aus fachlichen Gründen nicht annehmen kann, muss ich meine Gedanken transparent machen. So schaffe ich es, die Ehrenamtlichen zu beteiligen.“ Und sie mache sich nicht überflüssig, wie sie es von Berufskollegen mitunter als Vorwurf höre. „Ich bekomme eine andere Rolle.“

Auch nach dem ersten Jahr sind die Gemeindeteams nicht am Ziel, sondern auf dem Weg. Manches wird sich vielleicht noch weiterentwickeln. So wie das Fürbittbuch in Berge. „Vielleicht kommen wir eines Tages zu freien Fürbitten“, sagt Günther Küthe. Mal sehen, was der Heilige Geist dazu sagt.

Matthias Petersen

 

 

Zur Sache

Die ehrenamtlichen Gemeindeteams, die sich in Berge, Hollenstede und Schwagstorf gebildet haben, sind eine Facette der Teilung von Leitungsverantwortung. In größeren pastoralen Räumen soll die einzelne Gemeinde ein Gesicht behalten. Angesichts des Rückgangs vor allem bei den Priesterzahlen eine dringende Frage, mit der sich das Bistum schon lange beschäftigt. So soll unter dem Stichwort „Kirche der Beteiligung“ die Mitarbeit der Laien mehr und mehr gefördert werden.

Im Osnabrücker Stadtteil Eversburg haben sich soeben neun Ehrenamtliche entschlossen, die erste Fortbildung zum Gemeindeteam zu starten. In 20 der insgesamt 72 pastoralen Einheiten im Bistum gibt es zurzeit einen direkten Beratungskontext. Ob in all diesen Gemeinden am Ende auch Teams entstehen, ist aber eine andere Frage.