02.12.2016

Forschungsprojekt für Emsland und Grafschaft Bentheim

Wie kann ich im Alter zu Hause bleiben?

Die meisten Menschen wollen zu Hause alt werden. Aber was braucht man dafür – vor allem im ländlichen Raum? Das erforscht gerade ein Projekt im Emsland und in der Grafschaft Bentheim. Dieter Morgner verspricht sich viel von der „Dorfgemeinschaft 2.0“.

 

Mobilität im Alter ist wichtig: Projektleiter Thomas Nerlinger (r.) trifft
Dieter Morgner in Nordhorn. Dieser erklärt ihm gern, wie sein Elektro-
mobil funktioniert. Foto: Petra Diek-Münchow

Dieter Morgner hat den Tisch  hübsch gedeckt. Servietten liegen passend zur Decke auf dem Teller, eine Kerze brennt, der Blumenstrauß leuchtet in vielen Farben. „Möchten Sie Kaffee?“, fragt der 77-Jährige und schenkt ein. „Und noch ein Stück Marmorkuchen? Den hat meine Tochter gebacken.“ Denn auch wenn der Nordhorner noch vieles in seinem Haushalt selbst erledigen kann – alles geht nicht mehr.

Seit seine Frau vor vier Jahren gestorben ist, lebt er allein in seinem Haus. Die Möbel, die Bilder, die Pflanzen auf der Fensterbank, der Garten – vieles erinnert an sie. Gern erzählt er von dem Leben mit ihr. Und von seinem Beruf als Textilkaufmann in der Firma seines Vaters. „Ach, das war toll“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Heute ist sein Alltag nicht mehr ganz so einfach. Seine angeschlagene Gesundheit macht es ihm kaum noch möglich, Haus und Grundstück allein zu versorgen. Er leidet an Diabetes und einer Nervenkrankheit. „In meinem Körper spielt sich so einiges ab“, sagt er mit einem Schulterzucken. Frei stehen – beim Bäcker an der Theke, an der Kasse im Supermarkt, an der Fußgängerampel – kann er nicht. „Da würde ich zusammenbrechen.“ Deshalb also steht der Rollstuhl griffbereit im Flur. Wenn seine zwei Töchter nicht so viel helfen würden, ginge es gar nicht. „Aber ich will doch in meinem Haus bleiben, wo soll ich sonst hin?“

Thomas Nerlinger hat am Kaffeetisch gut zugehört und mehrfach verständnisvoll genickt. Was Dieter Morgner erzählt, ist für den Projektleiter der „Dorfgemeinschaft 2.0“ die beste Motivation. Bei diesem über fünf Jahre laufenden Modellprojekt soll erforscht werden, was sich im ländlichen Raum ändern muss, damit Senioren möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen können (siehe „Zur Sache“).

Moderne Technik für den Alltag der Senioren

Denn die Probleme, mit denen Dieter Morgner zu kämpfen hat, stellen sich auch anderen älteren Leuten auf dem Land. Wer kauft für mich ein? Wie komme ich zum Arzt? Wer kümmert sich um mich? Wie kann ich zu Hause bleiben und gut alt werden? „Wir suchen nach Möglichkeiten, wie moderne Technik den Alltag älterer Menschen auf dem Land erleichtern kann“, sagt Nerlinger. Und ist sehr dankbar, dass Dieter Morgner ihm heute mit seiner Geschichte noch mal „Futter“ dafür bietet.

Was man im Alter braucht, will das Projektteam der „Dorfgemeinschaft“ herausfinden. Ausgangspunkt ist Nordhorn, mit weiteren Stützpunkten in Spelle und Neuenhaus, Uelsen, Brandlecht und Ohne. Grundlage ist eine Befragung, bei der 5000 Grafschafter über 50 Jahren antworten konnten, was sie sich im Alter wünschen. Das Projektteam will aber laut Nerlinger nicht nur Papier und eine dicke Mappe produzieren. Sondern ganz praktische Vorschläge und Lösungen.

An dieser Stelle horcht Dieter Morgner besonders aufmerksam hin. Und nickt ein paar Mal, als Thomas Nerlinger von den Ideen der „Dorfgemeinschaft“ erzählt. Das ist schon eine lange Liste. Ein Rufbus für Senioren und eine rollende Arztpraxis. Ein Laden in jedem Dorf – oder die Möglichkeit, Brot und Butter im Internet zu bestellen. Eine Handy-App, die wie ein „mobiler Nachbar“ Einkäufe koordiniert. Eine „Kümmerin“, die regelmäßig bei älteren Leuten nach dem Rechten schaut. Und eine Musterwohnung mit modernster Technik.

Mehr Verständnis für die Sorgen älterer Leute

Nach Ansicht von Nerlinger wäre all das gut zu realisieren – auch wenn die Finanzierung zur Umsetzung noch nicht in allen Details geklärt ist. „Aber unser Projekt bietet Alternativen zum Pflegeheim und spart den Kassen damit bares Geld. Wir haben die Chance, einfach vieles auszuprobieren – auch absolutes Neuland“, sagt der Projektleiter.

Dieter Morgner schenkt wieder Kaffee ein und fragt bei dem einen oder anderen Punkt noch mal nach. Er kann sich gut vorstellen, dass ihm einiges davon das Leben erleichtern könnte. Denn jetzt muss er vieles mit Unterstützung seiner Töchter noch irgendwie irgendwo selbst organisieren – Hilfe für den Garten, für die Küche oder das Elektromobil, das ihm kurze Wege ermöglicht. Thomas Nerlinger schaut sich das Gefährt an und hört mit großem Bedauern, dass der 77-Jährige dafür kämpfen und es letztlich selbst habe finanzieren müssen.

Und dann macht er deutlich, dass es bei der „Dorfgemeinschaft 2.0“ nicht nur um Technik gehen darf. Sondern vor allem um mehr Verständnis für die Sorgen älterer Leute und darum, „wie wir in unserer Gesellschaft künftig mit allen Generationen zusammenleben wollen.“ Vielleicht ist das die wichtigste Frage des Projekts.

Petra Diek-Münchow

 

Zur Sache

Das Projekt „Dorfgemeinschaft 2.0“ läuft bis zum Jahr 2020 und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund fünf Millionen Euro gefördert.  Dabei soll ein Versorgungskonzept für die ältere Generation im ländlichen Raum entwickelt werden – unter anderem in den Bereichen Gesundheit, Mobilität, Versorgung und Wohnen.

Mit im Boot sind die Universität Osnabrück, der Campus Lingen der Hochschule Osnabrück und weitere sieben Verbundpartner unter Koordination des Vereins Gesundheitsregion EUREGIO sowie über 40 Projektpartner aus der Region. Dazu zählt unter anderem auch der Caritasverband.

Die Forschungsergebnisse in der Grafschaft und im Emsland könnten zu einem Modell für ähnliche Regionen in ganz Deutschland werden.
www.projekt.dorfgemeinschaft20.de