26.07.2017

Der Schatz im Leben

Wofür ich alles gebe

Man kann im Leben nicht alles haben, heißt es. Manchmal muss man Schönes aufgeben, um den einen Schatz zu bekommen. Ein Blick in die Köpfe einer Gottesdienstgemeinde, die es nicht gibt, aber geben könnte.


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Wofür lasse ich alles stehen und liegen? Welcher „Schatz“ ist mir das Wert? Der Erfolg? Die Familie? Die Liebe? Foto: kna/fotolia


„Evangelium unseres Herrn, Jesus Christus“, sagt der Diakon und erhebt das Buch. „Lob sei dir, Christus“, antwortet die Gemeinde. Der letzte Satz klingt in manchen Köpfen nach: „Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.“ Alles zurücklassen für die eine Sache? Naja, denkt ...

 Finja (14)
Sie sitzt neben ihren Eltern in der Kirche. Seit sie Firmling ist, muss sie sonntags häufiger mit. Ist ja eigentlich nicht so ihr Ding. Ihr Ding ist Sport. Sie ist Leistungsschwimmerin, kürzlich ist sie Stadtmeisterin über 50 Meter Brust geworden. Ihre Trainerin sagt: „Wenn du richtig was werden willst, musst du mehr trainieren. Jeden Tag, nicht nur dreimal pro Woche.“ Dann könnte sie aber nicht mehr zum Fußball. Und Querflöte müsste sie auch aufgeben. Naja, die Flöte, okay, aber bei den Mädels aus der Fußballmannschaft hat sie tolle Freundinnen. Wie war das? Alles andere verkaufen, alles andere lassen? Wäre die Deutsche Jugendmeisterschaft oder gar ein Start bei Olympia 2024 ein Schatz, für den sich das lohnt?

 

Johannes (23)
studiert eigentlich in Münster, aber gerade sind Semesterferien. Angefangen hat er mit Englisch und Religion auf Lehramt. Aber dann hat ihn die Theologie gepackt und er hat auf Katholische Theologie im Hauptfach umgesattelt. Pastoralreferent könnte er sich vorstellen. Aber jetzt schleicht sich dieser blöde Gedanke immer wieder in sein Hirn: Priester? Gerade hat seine Freundin Schluss gemacht. „Du bist nie so ganz bei mir“, hat sie ihm vorgeworfen. Aber Priester? Keine Frau, keine Kinder? Ständig verfügbar sein? Abende beim Kirchenvorstand statt im Kino? So vieles, was ihm wichtig ist, müsste er aufgeben! Wäre dieser Schatz es wert?

 

Philipp (30)
sitzt in der vorletzten Reihe. Er kommt nicht oft, aber die Sache mit der Perle passt. Seine „Perle“, Sophie, nervt ihn nämlich mit Hochzeitsplänen. Seit zwei Jahren sind sie zusammen. „Wir sind beide 30, es wird Zeit“, sagt sie. Aber Philipp ist unsicher. Er hatte schon mehrere Freundinnen und immer gemerkt: Nach drei Jahren wird es langweilig. Was, wenn es mit Sophie auch so ist? Eine zu heiraten, bedeutet auf so viele zu verzichten.  „Drum prüfe, wer sich ewig bindet ...“, hat Opa immer gesagt. Und wenn dann noch Kinder kommen! Vorbei mit drei Urlauben im Jahr und Doppelkopf-Nächten mit den Kumpels. Ist Sophie die Perle, die das wert ist?

 

Kathrin (34)
ist heute als Lektorin aufgestellt. Als sie vor vier Jahren berufsbedingt in diese Stadt gezogen ist, hat sie über den Gospelchor Kontakt zur Gemeinde bekommen. Hier hat sie auch Andreas geheiratet, ein Familienmensch, der endlich Kinder will. Kathrin eigentlich auch, aber in der Firma läuft es gerade so gut. Sie hat sich zur Projektleiterin hochgearbeitet und ihr Chef hat angedeutet, dass im nächsten Jahr ein interessanter Posten frei wird. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter. Aber ein Vollzeit-mit-Überstunden-Job. Mit Kindern undenkbar. „Schatz im Acker“, denkt Kathrin, „das sagt sich so leicht. Keine Ahnung, welches der wahre Schatz ist: der tolle Job oder die quengelnden Kinder?“

 

Markus (42)
hat Jasper auf dem Schoß, daneben sitzen die beiden Großen und seine Frau. „Ich war so sicher, meinen Schatz gefunden zu haben“, denkt er. Die Schule, die Familie – alles genau so, wie er es sich immer gewünscht hatte. Aber jetzt? Die Schüler gehen ihm zunehmend auf die Nerven. Nach den Ferien bekommt er eine neue Fünfte. Schon wieder Bruchrechnen. Markus wird schlecht, wenn er daran denkt, dass das bis zur Rente so weitergehen soll. Ja, und die Ehe ... aus dem Schatz ist schon längst ein Schätzchen geworden, wenn überhaupt. Blechlöffel statt Tafelsilber. „Kann es sein“, denkt Markus, „dass die Freude am Schatz und die Begeisterung über die Perle nur eine Momentaufnahme sind? Dass das nicht bleibt? Und was macht man, wenn man erkennen muss, dass das, was man für einen Schatz hielt, ein gigantischer Irrtum war?“


Andrea (51)
schüttelt den Kopf. Schatz, so ein Blödsinn. Sie ist in ihr ganzes Leben irgendwie reingerutscht. Nach dem Abitur hat sie eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Ihr Vater wollte das so und sie hat sich nicht gewehrt. Auch nicht gegen die Hochzeit, als sie kurz nach der Ausbildung von Peter schwanger wurde. Peter, der Ingenieur, der eifrig an seiner Karriere bastelte. „Hast du‘s gut, Peter verdient genug, du musst nicht arbeiten“, hatte ihre Mutter gesagt. Nach fünf Ehejahren waren ein Haus, ein Hund und drei Kinder da, und Andrea hatte sich wieder nicht gewehrt gegen Kinder, Küche, Kirche. Aber wie einen selbst entdeckten „Schatz“, nein, so hat sie ihr Leben nie empfunden. Zumal jetzt, wo die Kinder fern der Heimat wohnen und Peter in ihr nur die Hauswirtschafterin sieht. Am liebsten würde Andrea ganz neu anfangen. „Habe ich kein Recht darauf, den wahren Schatz meines Leben zu suchen? Muss ich durchhalten bis zur Bahre?“

 

Helene (85)
lächelt in sich hinein. „Worüber die anderen wohl nachdenken?“, fragt sie sich. „Über Ehepartner und Karriere? Über Selbstverwirklichung und Ehrgeiz?“ Darüber ist sie längst hinaus. Spätestens seit ihr Mann gestorben ist und das Rheuma sie fest im Griff hat. „Ich habe nicht mehr viel zu verkaufen“, denkt sie. „Und echte Schätze gibt es auf Erden sowieso nicht.“ Helenes Schatz ist im Himmel. Sie muss ihn auch nicht selbst finden; er hat sie schon längst gefunden, und nicht mehr lange, dann wird sie ihn auch sehen. Strahlender und schöner als Gold und Perlen es je sein können.

Von Susanne Haverkamp