Wenn Schüler den Unterricht stören

Wohin mit dem Klassenkasper?

Bis zu einem Drittel des Schulunterrichts – so eine Untersuchung – gehen durch Störungen verloren. Solche Störungen haben viele Ursachen. Aber es ist viel verlorene Zeit, die besser genutzt werden könnte.

 

„Null Bock auf Schule“: Unterricht kann an wenigen alles boykottierenden Kindern scheitern. Dagegen gibt es Rezepte. Foto: fotolia

Dauerquasseln, Herumlaufen im Klassenzimmer, fehlendes Material, mangelnder Lerneifer – welcher Lehrer kann nicht aufzählen, wodurch sein Unterricht von Schülern immer wieder gestört wird – statistisch gesehen alle 2,6 Minuten. Auch Oliver Krahl* (Namen geändert) kennt das Problem: Eine große Unruhe und ständiges Dazwischenrufen, vor allem von  seinem Schüler Alex*, machen dem Lehrer schon lange zu schaffen. „Letzte Woche hat er einen anderen Schüler dabei so massiv beschimpft, dass ich ihn schließlich rausgeworfen habe“, erzählt der Pädagoge frustiert. Was hätte er anderes tun sollen?

Der Psychologe und Buchautor Hans-Peter Nolting von der Universität Göttingen empfiehlt, bei Konflikten im Unterricht stets den Blick zu weiten: Warum stört der Schüler? Bei Oliver Krahl stellte sich dabei heraus: „Es war so, dass Alex schon mehrmals nicht drangenommen wurde und frustiert war.“ Die Folge: Provozierende Verweigerung, so der Fachbegriff.

Die mit Abstand häufigsten Lehrer-Schüler-Konflikte haben mit Unterrichtsstörungen zu tun. „Disziplinkonflikte“ nennt Nolting sie. Er rät immer wieder zu Gesprächen und warnt vor zu Schnellschussreaktionen. „Ohne Gespräch geht es nicht. Man muss das Problem verstehen“, betonte der Experte auf einer Vortragsveranstaltung vor Lehrern im emsländischen Lingen. Oliver Krahl habe sich auf einen Kampf eingelassen. Besser wären folgende Worte unter vier Augen gewesen: „Mir ist aufgefallen, dass wir aneinandergeraten sind. Nun überlege ich, wie wir aus dieser Beziehung wohl wieder herauskommen.“

Motivation: ein goldener statt ein blauer Brief

Nolting warnt vor Resignation: effektives Lehrerverhalten sei ein erlernbares Handwerk. Disziplin erfordere  nicht Disziplinierung, sondern Handlungsstrategien und pädagogisches Geschick. „Das Thema ist so alt, wie es die Schule gibt“, machte der 70-Jährige klar, dass Störungen in der Schulklasse häufiger passieren. Doch sie belasten nicht nur emotional. Unterrichtsstörungen beeinträchtigen nachweislich die Lehrergesundheit sowie die Wirksamkeit des Unterrichts. Etwa 35 Prozent der jährlichen Unterrichtszeit werden nicht genutzt, weil Störungen das Lernen verhindern. In seinem Vortrag stellte der Psychologe Konzepte und praktische Tipps vor. So wie viele Pädagogen hält er dabei die Unterrichtsführung für entscheidend: interessant und lebensnah nach bekannten Regeln unterrichten, gut strukturieren, Methoden wechseln und gut vorbereitet sein (siehe „Zur Sache“). Auch rät er, positive Anreize zu schaffen. „Wie wäre es, wenn ein goldener statt ein blauer Brief nach Hause kommt?“

Einzug gehalten hat das Thema auch in die Lehrerausbildung: So ist das „Classroom-Mangement“, also der Umgang mit schwierigen Unterrichtssituationen, in den letzten Jahren stärker ins Bewusstsein gerückt. Auch Lehrer, die sich überfordert fühlen, können sich mit Fallbesprechungen oder gegenseitigen Hospitationen weiterbilden. Denn viele Lehrer reagieren zwar auf Störungen, aber erst im Nachhinein. Effektiver sind Planungen im Vorfeld. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg fordert sogar zusätzliche Lehrerstunden, um den Schulen eine störungsfreie Arbeitsatmosphäre zu ermöglichen – etwa mit Hilfe eines „Trainingsraumes“, in dem Störenfriede mit pädagogischer Begleitung über korrektes Verhalten nachdenken könnte.

Erziehung in der Schule koste immer mehr Zeit, kritisiert der Verband. „Alle Reformen und ein noch so gut vorbereiteter Unterricht können nicht greifen, wenn Schüler Schule nicht ernst genug nehmen“, beklagte jetzt ein VBE-Sprecher, dass immer mehr Eltern ihren Erziehungsauftrag nicht verantwortungsvoll wahrnehmen.  Pädagogen sollten daher künftig deutlicher Position beziehen und störenden Schülern klar Grenzen setzen und schneller die „rote Karte“ zeigen.

Das hätte auch Oliver Krahl schon eher machen sollen. Zwischen ihm und Alex knallt es oft. Aus dem Unterrichtspoblem ist ein Beziehungsproblem geworden. Das will der Pädagoge jetzt angehen – mit Gesprächen, klaren Regeln und einer neuen Unterrichtsstruktur.

Anna Solbach/Astrid Fleute

Hans-Peter Nolting, Störungen in der Schulklasse – ein Leitfaden zur Vorbeugung und Konfliktlösung, Beltz Verlag, 173 Seiten, 12,95 Euro