Das neue Modell des Bundesfreiwilligendienstes

Zeit haben, um einfach da zu sein

Seitdem am 1. Juli 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde und damit der Zivildienst weggefallen ist, gibt es ein neues Modell: den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Natalie Goldmann ist eine von 180 BFDlern im Bistum Osnabrück. Sie arbeitet seit August 2011 im Paulusheim.

 

Sie sitzen alle an einem Tisch, frühstücken, unterhalten sich. Natalie Goldmann schenkt Kaffee ein. Frau Wiesig* baut mit ihrem Geschirr einen Turm, Frau Roll* singt. Es ist viertel vor zehn, Natalie Goldmann räumt den Tisch ab. Pflegekraft Andrea Jarvers holt einen Rollator. Denn es geht ins Nebenzimmer, die Zeitungsleserunde beginnt um 10 Uhr, das möchte keiner verpassen. Auch der Geschirrturm von Frau Wiesig wird abgeräumt. Worauf alle Damen achten: bloß die Tasche nicht vergessen.

Natalie Goldmann ist 17 Jahre alt. Seit dem 15. August 2011 macht sie den Bundesfreiwilligendienst (BFD) in der Tagespflege des Paulusheims in Osnabrück. Ob Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder BFD, das wäre ihr egal gewesen. Da die FSJ-Stellen besetzt waren, wurde ihr zum neuen Dienst geraten. Wie wichtig Zivi, BFD und FSJ für soziale Einrichtungen sind, weiß Adele Falk. Sie ist Pflegedienstleiterin und seit elf Jahren im Paulusheim angestellt. „Ich würde jeden BFDler mit Handkuss nehmen.“ Was sich seit dem Wegfall der Zivis geändert hat: „Die Aktionen sind weniger geworden. Mal eben zum Weihnachtsmarkt oder in die Stadt – das ist nicht mehr möglich.“

Heute ist Andreas Droste mit dem Zeitungslesen an der Reihe. Er macht sein FSJ seit September 2011 im Paulusheim. Es ist noch nicht ganz zehn Uhr. Warten ist angesagt.

Die Zeitungsleserunde – immer auf dem Laufenden

Frau Roll erzählt, wie schön die Johanneskirche ist. „Die geht mir über alles.“ Dann singt sie wieder. Natalie Goldmann schenkt jedem Wasser oder Waldmeistersaft ein. Frau Wiesig stößt an: „Prost! Mit euch trink ich am liebsten.“ Dann geht es los. Nach Datum und Wetter gibt es das Neuste über das Unglück der „Costa Concordia“. Insgesamt sitzen elf Leute in den Sesseln, vier davon schlafen. Als Andreas Droste die Horoskope liest, sind alle wieder wach. Sport interessiert die Bewohner weniger, umso mehr die Todesanzeigen und das Fernsehprogramm.

„Es ist ein gutes Gefühl, zu helfen und zu unterstützen“, sagt Natalie Goldmann. Die 17-Jährige erfährt bei ihrer Arbeit ihre eigenen Grenzen. Eigentlich wollte sie mit dem BFD ein Jahr überbrücken, aber jetzt überlegt sie ernsthaft, beruflich in die Altenpflege einzusteigen. „Vielleicht mache ich aber auch eine Ausbildung als Chemielaborantin oder Floristin.“ Aber für diese Entscheidung bleibt ihr noch Zeit.

Adele Falk weiß, wie wichtig FSJler und BFDler sind: „Es sind die Kleinigkeiten. Sich Zeit nehmen und zuhören, Uno oder Monopoly spielen, einfach da sein, vieles ist nicht mehr möglich. Die Station „Junge Pflege“ hatte immer einen Zivi. Jetzt nicht mehr. Für diese Station, auf der Menschen mit Multipler Sklerose oder Wachkomapatienten sind, hat sich niemand gemeldet.

Die Zeitungsleserunde ist vorbei. Und weil heute Montag ist, steht Rehasport auf dem Programm. Natalie Goldmann, Andreas Droste und Andrea Jarvers bringen einen nach dem anderen zum Sport. Frau Roll sitzt noch auf dem Sofa und singt. Dann hält sie kurz inne, trinkt einen Schluck Waldmeistersaft und sagt: „Ich mache nicht so gerne Sport, war noch nie meins.“ Dann singt sie wieder.

Zeit für Aktionen ist Mangelware

Die Tagespflege beginnt morgens um 8 Uhr und endet gegen 17.30 Uhr. In dieser Zeit gibt es immer Programm: Montags und freitags  ist Rehasport. Dienstags und donnerstags werden Rätsel gelöst, Fußball gespielt und Spaziergänge unternommen – je nach Wetterlage. Mittwochs ist Gedächtnistraining angesagt. Die Zeitungsleserunde steht jeden Tag auf dem Plan. Diese Aktionen erfordern Zeit und Unterstützung. Im Paulusheim gibt es zwei BFDler – vorher gab es acht Zivis. Wie es weitergeht, weiß niemand, auch Adele Falk nicht. Ihr Wunsch ist ein verpflichtendes soziales Jahr für alle.

* Namen geändert

Daniela Elpers

 

 

Zahlen & Fakten:

Die ersten Freiwilligen haben das Modell des BFD gewagt. Einige Fakten und Zahlen zum neuen Dienst:

An die Stelle der Zivis sind die BFDler getreten. Von den „Neuen“ gibt es 180, außerdem 180 FSJler, also insgesamt 360 Freiwillige im Bistum Osnabrück.

Im Vergleich: 2010 gab es im Bistum Osnabrück rund 340 Zivis.

In Deutschland gibt es 27 919 BFDler (Tendenz steigend) – in der Stadt Osnabrück 104 BFDler.

Im Vergleich dazu gab es 2010 in Deutschland 78 388 Einberufungen zum Zivildienst. Das BAFzA hat nach eigener Aussage keine Vergleichszahlen.

Aus BAZ (Bundesamt für Zivildienst) wird BAFzA: Das Bundesamt erhält mit Wirkung vom 3. Mai 2011 die Bezeichnung „Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben“.

Google hat immer noch die meisten Ergebnisse bei der Eingabe von „Zivi“: 27 600 000 Ergebnisse. „BFD“ liegt mit 10 400 000 in rund einem Jahr dicht dahinter.

Die Wehrpflicht ist weiter im Grundgesetz verankert und kann im Notfall mit einfacher gesetzlicher Mehrheit wieder eingesetzt werden.