19.04.2017

Bundesweit einmaliges Lernprogramm

Ziele erreichbar machen

Blackout in der Mathearbeit? Keine Motivation zum Lernen? In einem bundesweit einmaligen Lernprogramm können Kinder und Jugendliche neues Selbstvertrauen tanken und bekommen wieder Zutrauen in die eigenen Leistungen.

Unlust, Selbstzweifel oder Lernblockaden sind normale Dinge, die bei Schülern
auftauchen können – aber nicht bleiben müssen, betont SchülerCoach Carola
Heumann. Foto: grafikplusfoto/fotolia

Raphael* ärgert sich. Wieder hatte er gut gelernt, die Aufgaben auch verstanden – und wieder war sein Kopf während der Mathearbeit wie leergefegt. Das Gelernte fiel ihm einfach nicht mehr ein. Ein Blackout. Und das nicht nur in Mathe. „Auch vor anderen Arbeiten wird Raphael zunehmend nervös, entwickelt Ängste, kann seine Leistungen nicht mehr abrufen“, erzählt seine Mutter. Dabei übe niemand Druck auf den Jungen aus, weder Lehrer noch Eltern. „Er macht sich den Druck selber“, meint sie verzweifelt. Die Leistungen des 13-Jährigen sind gefährlich abgesackt, seine Motivation ebenso.

Kindern wie Raphael begegnet Carola Heumann häufig. Die Osnabrücker­in arbeitet als SchülerCoach. Mit ihrem speziell auf Schüler zugeschnittenen Ansatz war sie der erste bundesweit. In ihrer Praxis hilft sie Kindern und Jugendlichen mit Schulproblemen, Stress und Leistungsdruck, Lernblockaden oder Konzentrationsschwierigkeiten. Menschen wie Raphael. Ihnen vermittelt sie neues Selbstbewusstsein, gibt ihnen Strategien und Lösungswege an die Hand, um ihre Krise zu bewältigen. Denn mit seinen Problemen ist Raphael nicht allein. „Der Beratungsbedarf ist riesig“, erzählt die Expertin. Eltern kämen zum Teil von weit her angefahren, mieteten sich in den Ferien in Ferienwohnungen ein, um ihre Kinder zum Coaching zu bringen.

Das Konzept von Carola Heumann ist bundesweit einzigartig. Während sich Coaching im Bereich der Wirtschaft als „Business-Coaching“ vor allem für Führungskräfte durchgesetzt hat, ist das Coachen von Schülern etwas ganz Neues. Es geht hier nicht um Lernstrategien oder gar um Nachhilfe, sondern um eine umfassende Beratung und die Unterstützung der Persönlichkeit, um die Stärkung des Selbstwertgefühls und den Abbau von Ängsten und Blockaden.

Um den Bedarf zu decken, bildet Carola Heumann mittlerweile auch verstärkt Lehrer und andere Interessierte zu SchülerCoaches aus. Denn auch Studien belegen: Fast jeder dritte deutsche Schüler leidet unter Antriebslosigkeit und depressiven Verstimmungen.

„Schüler scheitern an Dingen, an denen sie nicht scheitern müssen“

Das muss nicht sein, betont die Expertin. Auch in ihrem Job als Lehrerin an einem Gymnasium sehe sie ständig Schüler, „die immer wieder unter den gleichen Sachen leiden und an Dingen scheitern, an denen sie nicht scheitern müssen“. Und sie erlebe Lehrer, die oft ratlos seien. Dabei seien Unlust, Selbstzweifel oder Prüfungsängste wie bei Raphael „ganz normale Sachen, die immer wieder mal in der Schule auftauchen“, erzählt sie.

Im Coaching versucht Carola Heumann, die Ursachen für diese Panikattacken herauszufinden. Und zu schauen: Wo treten diese Ängste noch auf? Raphael zum Beispiel hat auch vor Sportturnieren und als Messdiener oft Panik, etwas falsch zu machen oder schlecht abzuschneiden. „Ich möchte immer den ganzen Menschen im Blick haben. Es muss eine Persönlichkeitsentwicklung stattfinden, da reicht es nicht, nur auf die Schulprobleme zu schauen“, erklärt sie ihr Konzept, dem Methoden und Verfahren unter anderem aus der Psychotherapie sowie eine wissenschaftlich fundierte Diagnostik zugrunde liegen.

Gerne arbeitet Carola Heumann mit Symbolen oder Bildern. So hat sich Raphael, der seit einigen Wochen ins Coaching kommt, für einen Elefanten als Motivationsfigur entschieden – ein Tier, dessen Eigenschaften er seiner Meinung nach gut gebrauchen kann: „Er ist geschützt, hat ein dickes Fell und kann sich auf sein Gedächtnis verlassen. Er hat eine gute Orientierung und lässt sich auch von Wind und Wetter nicht beeinflussen“, erzählt der 13-Jährige. Bilder von Elefanten sind seitdem an seinem Handy, in seinem Etui und in seinem Zimmer zu sehen. Sie erinnern den Jungen an seine Vorsätze und Ziele und stärken ihn in Momenten, in denen die Angst wieder hochkommen will. „Diese Symbole sind wichtig für die Nachhaltigkeit des Coachings“, erklärt Carola Heumann. Dabei kann es ganz unterschiedlich sein, was die Kinder sich aussuchen: „Ein anderes Mädchen mit ähnlichen Problemen hat sich für eine Dünenlandschaft an der Nordsee entschieden, die sie tief durchatmen und zur Ruhe kommen lässt.“

Tief durchatmen mit dem Bild einer Dünenlandschaft

„Ich muss nicht mein Leben lang mit Dingen herumlaufen, die mich blockieren. Es kann Veränderungern geben.“ Diese Erkenntnis vieler Schüler ist für Carola Heumann ein wichtiges Ergebnis des Coachings: Es sei „der Hammer“, die jungen Menschen auf diesem Weg zu begleiten, berichtet sie und freut sich: „Einige melden sich nach Jahren wieder bei mir und berichten, was jetzt alles möglich ist.“ Leider, bedauert sie, übernähmen die Krankenkassen die Kosten für das Coaching nicht, da das Konzept noch zu jung sei. Dabei lasse sich die Erfolgsquote sehen: So werde durch das Coaching zu 90 Prozent ein Veränderungsprozess bei den Schülern erreicht, hat eine kleine Evaluation ergeben.

Dieser Erfolg spricht sich herum: Sogar Eltern melden sich bei Carola Heumann an. „Teilweise habe ich ganze Familien hier sitzen“, sagt sie schmunzelnd. Es sind Eltern, die gelassener werden wollen, die bereit sind, ihre „Baustellen“ in Angriff zu nehmen. Auch sie entlässt die Expertin wie jetzt auch Raphael nach dem Coaching ins Leben mit einer neuen inneren Haltung und dem Zuspruch: „Jetzt weißt du, was du machen kannst. Mache es.“

Astrid Fleute

* Name geändert

www.netzwerk-schuelercoach.de