12.01.2018

Grundbildungskurs für Erwachsene

Zum Lesenlernen ist es nie zu spät

Wer nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen kann, hat es schwer in unserer Gesellschaft. Die Familienbildungsstätte in Nordhorn bietet einen Kurs zur Grundbildung für Erwachsene an. Menschen wie Roman Stofast bekommen dadurch eine neue Perspektive und mehr Lebensfreude.

Es ist nie zu spät zum Lernen: zum Beispiel in einem Kurs der Familienbildungsstätte. Einige Teilnehmer verbessern ihre Lese- und Schreibkenntnisse, andere trainieren das Rechnen. | Foto: Petra Diek-Münchow

Roman Stofast schaut sich die nächste Mathe-Aufgabe an. „35+7“ steht auf der Karte. Klingt einfacher, als es für den 34-Jährigen ist. Denn in der Schule hat er nie richtig rechnen gelernt. Er greift in einer Kiste nach kleinen Holzblöcken: nach Größen getrennt für Einer, Zehner, Hunderter. So bekommt er ein Gefühl für die Zahlen. Nach ein paar Momenten ordnet er die Klötzchen und kennt das Ergebnis: 42. „Klasse, Roman“, sagt Kursleiterin Sandra Unke und reicht ihm die nächste Plus-Aufgabe: 63+9. Denn noch hat er ein bisschen Zeit, bis er zur Arbeit aufbrechen muss.

Der Nordhorner gehört zu einer Gruppe von Erwachsenen, die in einem Kurs der Katholischen Familienbildungsstätte (Fabi) und der Stadtbibliothek Nordhorn schreiben, lesen und rechnen lernen. Sandra Unke leitet das vom niedersächsischen Kultusministerium geförderte Projekt mit dem Titel „Ja! Jetzt anfangen“!. Einige Teilnehmer stehen sehr früh vor der Tür, bleiben eine gute Stunde und gehen dann ins Büro oder an die Werkbank. Andere kommen später und bleiben bis kurz vor Mittag. Das bleibt jedem selbst überlassen. Dass sie während dieser Zeit Buchstaben, Silben, Wörter und Zahlen pauken, wissen längst nicht alle ihre Kollegen, Freunde oder Nachbarn. Viele schämen sich deswegen und wollen nicht offen darüber sprechen – auch nicht mit dem Kirchenboten. Nur Roman Stofast ist bereit, von seinen Erfahrungen zu berichten. Sandra Unke kann das gut verstehen. Wenn jemand zugibt, nicht gut rechnen zu können, wird das gesellschaftlich viel eher toleriert, als ein Analphabet zu sein.

Überall geht es um Buchstaben und Worte

Mit dem Lesen und Schreiben hat Roman Stofast gar keine Probleme. Er spricht sogar mehrere Sprachen und liest sich mit Begeisterung durch die Stadtbücherei – am liebsten philosophische Werke. „Er ist sehr gebildet“, sagt Sandra Unke. Dafür hapert es aber mit dem Rechnen. In der Grundschule damals noch in Kasachstan kommt er noch halbwegs im Matheunterricht mit, aber schon in der Hauptschulzeit dann in Deutschland ist er mit Addition und Subtraktion, Multiplikation und Division am Ende. Warum? Er zuckt ein bisschen ratlos mit den Schultern. „Die Klasse war riesig und den Lehrern ist das nicht aufgefallen“, meint er. „Und irgendwann habe ich mich auch gar nicht mehr angestrengt, weil ich mir immer gesagt hab: „Das kannst du sowieso nicht.“ Das hat natürlich Konsequenzen. Er fühlt sich in der Familie als „Dummer“ abgestempelt, als Außenseiter in der Klasse und verpasst mit einer 6 auf dem Zeugnis auch seinen Abschluss. „Das war nicht schön“, sagt er leise und senkt den Blick. In der Berufsschule gehen die Probleme weiter, aber irgendwie wurstelt Roman Stofast sich durch und schafft sogar die Lehre zum Heizungsmonteur mit einem erweiterten Realschulabschluss. Aber wenn er etwas ausrechnen soll, begleitet ihn stets die Angst zu versagen.

Wie Angst und Scham den Alltag begleiten, hört Sandra Unke auch von den anderen Teilnehmern. Denn ohne ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse wird alles zu einer permanenten Herausforderung. Wegweiser, Formulare, Plakate, Bedienungsanleitungen, Produktverpackungen, Beipackzettel: Überall geht es um Buchstaben und Worte. Deshalb geht der eine nur mit einem auswendig gelernten Wortschatz ins Kaufhaus – und dann bricht ihm der Schweiß aus, wenn ein neuer Begriff auf dem Karton steht. Die andere schiebt ständig Ausreden vor sich her, nur um nicht schreiben oder lesen zu müssen. Mal liegt die Brille noch im Auto, mal fehlen die Unterlagen, mal hat man jetzt überhaupt keine Zeit.

Oft werden ausgeklügelte Strategien entwickelt, damit das Problem in der Schule, am Arbeitsplatz, im Sportverein, beim Einkaufen, beim Arztbesuch und sogar im Familien- und Freundeskreis nicht weiter auffällt.  „Das ist ungeheuer anstrengend und kostet viel Kraft“, weiß Sandra Unke. Auch über ihre gemischten  Gefühle dabei können die Teilnehmer in Nordhorn miteinander sprechen. Zwei mal in der Woche gibt es dafür ein Lerncafé: zum gegenseitigen Austausch, zum Aufbau von Selbsthilfestrukturen oder einfach, um mal in Ruhe einen Kaffee zusammen zu trinken.

Lernen mit Kochrezepten und Fernsehprogramm

Vormittags aber wird gelernt, wobei jeder Teilnehmer sein individuelles Programm bekommt: nach persönlichen Interessen, nach seinem persönlichen Tempo. Nicht nur mit Büchern, sondern mit viel anschaulichem Material hilft Sandra Unke den Männern und Frauen dabei, Buchstaben und Zahlen auch wirklich zu verstehen. „Wie klingt das F?“, fragt die Bildungswissenschaftlerin eine Dame. „Wie bei Fisch“, antwortet diese, sucht dann die passende Bildkarte und den Holzbuchstaben dazu. Und macht gleich mit dem nächsten Buchstaben weiter. Ganz oft fügt die Kursleiterin praktische Beispiele aus der Lebenswelt ein: das Kochrezept, das Fernsehprogramm, die Fußballtabelle. So bleibt das Gelernte besser haften und die Teilnehmer können es gleich zu Hause anwenden.

Roman Stofast arbeitet diszipliniert und fleißig mit. Seine Augen strahlen nach jedem Erfolgserlebnis. Ihm gefällt der Kurs richtig gut. Jedes Mal sieht er Fortschritte und er spürt: Ich kann das ja. „Man fühlt sich viel besser“, deutet der 34-Jährige an, dass das Seminar für ihn viel mehr bedeutet, als Zahlen korrekt addieren zu können. Es ist nie zu spät, noch mal neu zu lernen. Für den Grafschafter öffnet sich damit vielleicht eine neue Perspektive, denn er möchte gern seinen eher ungeliebten Beruf verlassen und woanders arbeiten: im Krankenhaus, im Altenheim oder in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung als Ergotherapeut. Sandra Unke macht ihm Mut. „Das schaffst du Roman.“ Genau wie die nächste Mathe-Aufgabe.

Petra Diek-Münchow