07.02.2018

Pilotprojekt mit Vätern im Offenen Strafvollzug

Im Blaumann zum Elternkurs

Väter, verurteilt zu einer Gefängnisstrafe, tauschen sich über Erziehungsfragen aus und lassen sich von Experten beraten. Kann das Erfolg haben? In Bremen startete ein ungewöhnliches Pilotprojekt.

Was möchte ich meinem Kind vermitteln? Daran arbeiteten Brigitte Berauer von SOS Kinderdorf Bremen und Bernd Vogelei von der Caritas-Erziehungshilfe mit inhaftierten Vätern. | Foto: Anja Sabel

Der Sohn sitzt zu Hause am Computer, vertieft in ein Ballerspiel. Er will nicht gestört werden, antwortet patzig. Dem Vater platzt fast der Kragen.

An dieser Stelle endet die Filmsequenz. „Was würden Sie tun?“, fragt Bernd Vogelei von der Caritas-Erziehungshilfe in die Väterrunde. Die rabiate Lösung liegt nahe: Stecker ziehen, den Computer wegschließen und den aufmüpfigen Sohn notfalls mit einer Ohrfeige disziplinieren. Aber – und das haben die Männer in den vergangenen Wochen gelernt – es geht auch ohne Streit, ohne Schläge. Der Vater könnte in diesem Fall abwarten, bis sein eigener Ärger verfliegt, sich dann in Ruhe mit seinem Sohn unterhalten und gewaltfreie Alternativen zum Ballerspiel vorschlagen. Oder er könnte dessen Computerbegeisterung in andere Bahnen lenken: „Deine Mutter braucht eine Internetseite. Willst du ihr nicht helfen?“

Bernd Vogelei und seine Kollegin Brigitte Berauer vom SOS-Kinderdorf Bremen haben schon viele Eltern beraten. Aber ein Kompetenztraining für Väter im Offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremen – das war auch für sie Neuland. Männer, die eine Haftstrafe verbüßen, tauschten sich an zehn Abenden über Kindererziehung aus und lernten ihre Grenzen kennen – dieses Pilotprojekt mit mehreren Partnern (siehe „Zur Sache“) war zugleich ein Experiment. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt und ob sich überhaupt jemand dafür interessiert“, sagt Sozialpädagoge Vogelei. Von Anfang an stand jedoch fest: Der Haftgrund und die Länge der Haftstrafe sollten keine Rolle spielen. „Wir wollten die Männer als Väter wahrnehmen und nicht als Straftäter“, erklärt Bernd Vogelei. Es sollte darum gehen, was die Kinder brauchen und was die Väter aktuell tun können.

Für Kinder ist es ein einschneidendes Erlebnis, wenn sich hinter dem Vater – seltener hinter der Mutter – die Gefängnistüren schließen. In vielen Familien wird aus Scham nicht darüber gesprochen. Dann heißt es zum Beispiel: „Papa ist auf Montage.“ Doch Kinder spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie fühlen sich schuldig, alleingelassen – das Vertrauen steht auf der Kippe. Sie reagieren ängstlich, wütend, aggressiv oder treten den sozialen Rückzug an.

„Wenn man den Eltern erklärt, warum sich ihre Kinder so auffällig verhalten, ist schon viel erreicht“, sagt Brigitte Berauer. Sie hat festgestellt, dass vielen inhaftierten Männern ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern wichtig ist. „Sie nehmen die Vaterrolle sehr ernst.“ Bernd Vogelei macht das auch daran fest, dass die Väter bereit waren, sich abends nach einer anstrengenden Schicht auf dem Bau oder am Fließband noch mit Erziehungsfragen auseinanderzusetzen. „Oft hatten sie keine Zeit mehr zum Umziehen und saßen da aufmerksam im Blaumann oder in der Latzhose.“

Viele Inhaftierte sehen das Helfersystem kritisch

Dem Pilotprojekt ging die Bachelorarbeit einer Studentin voraus. Um mit einem Elterntraining Erfolg zu haben, sei der persönliche Kontakt wichtig, riet sie. Denn viele Inhaftierte sehen das Helfersystem kritisch – gleichbedeutend mit dem Jugendamt, das ihnen aus ihrer Sicht nur Vorschriften macht und die Kinder wegnimmt. Also gab es einen Informationsabend im Offenen Vollzug der JVA: 50 Männer kamen, 24 meldeten sich danach zum Kurs in den Räumen des Vereins Bremische Straffälligenbetreuung an. „Viele Väter arbeiten im Schichtdienst, einige waren auf Arbeitssuche oder mussten in den geschlossenen Strafvollzug zurück. Letztendlich pendelte sich die Zahl auf acht ein“, berichtet Bernd Vogelei.

Er war überrascht, wie ernsthaft die Teilnehmer bei der Sache waren. Oft sind sie selbst ohne Vater aufgewachsen und haben nicht (ausreichend) erlebt, was einen Vater ausmacht. Doch bei ihren eigenen Kindern möchten sie aktiv Einfluss nehmen können auf die Erziehung und nicht nur „Zahlvater“ sein. Einige Väter beklagten, dass sie sich von ihren Kindern entfremdet haben, dass die Mütter ihnen die Kinder entziehen. Der Gefangene, betont Vogelei, sei mehr als eine auf seine Straftat reduzierte Person. Andererseits gelte jedoch immer auch, das Delikt zu beachten, beispielsweise bei Misshandlungen oder Missbrauch.

Die Rechte des Vaters, das Sorgerecht, die Vaterschaftsanerkennung – all dies wurde offen thematisiert. „Wir haben aber auch über den Paragrafen 1631 im Bürgerlichen Gesetzbuch gesprochen, wonach Kinder ein Recht haben auf gewaltfreie Erziehung“, sagt Bernd Vogelei. Die Alternative zur Gewalt: Ich muss mit meinem Kind reden, die richtigen Fragen stellen. Es ist nicht einfach nur bockig. Brigitte Berauer sagt: „Wir wollten die Väter nicht bevormunden und auch deutlich machen: Es wird immer mal wieder schwierige Situationen geben. Man ist auch nicht immer in Balance und macht alles richtig. Und es ist keine Schwäche, auch mal hilflos zu sein.“

Anja Sabel


 

Pilotprojekt: Elternkurs für inhaftierte Väter

Sitzt ein Elternteil im Gefängnis, sind die Kinder mitbestraft. Sie müssen eine Zeitlang auf Mutter oder Vater verzichten, fühlen sich alleingelassen und sind verunsichert, wenn die Haft in der Familie zum Tabuthema erklärt wird. Oft leiden sie auch unter sozialer Ächtung, beispielsweise auf dem Schulhof.

Um vorbeugend tätig werden zu können, hat sich die „Zukunftswerkstatt Mitbestraft“ gegründet. Initiatoren waren die Hochschule Bremen und der Verein „Bremische Straffälligenbetreuung. Beteiligt sind außerdem die Justizvollzugsanstalt Bremen, SOS-Kinderdorf Bremen und die Caritas-Erziehungshilfe.

Als erstes Projekt der Zukunftswerkstatt wurde Ende vergangenen Jahres ein Kompetenztraining für Väter im Offenen Vollzug angeboten. Die Sparkasse Bremen unterstützte dieses Projekt mit 3000 Euro.