30.08.2017

Stephanie berichtet über ihr Praktikum in Finnland 2017/18

Neues aus Helsinki

Erste Auslandserfahrungen hat Stephanie Jarvers bereits in Schweden gesammelt. Die 25-Jährige, gebürtig aus Georgsmarienhütte, studiert englische und skandinavische Philologie in Göttingen. Nun geht sie für ein halbes Jahr nach Finnland. Während ihres Praktikums im Auftrag des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken wird sie in Helsinki an drei Stellen mitarbeiten: in einer katholischen Gemeinde, bei der Caritas und im Katechetischen Zentrum.

Dezember
Unabhängigkeitstag und finnische Weihnacht

Am finnischen Unabhängigkeitstag werden wichtige Gebäude blau angestrahlt.

Der Januar ist verstrichen und die Weihnachtszeit scheint lange zurück, dennoch möchte ich Euch noch einmal in Helsinkis Dezember entführen und vom 100. Unabhängigkeitstag in Finnland und auch Weihnachten berichten.

Anfangen möchte ich mit dem 6. Dezember. Hier in Finnland ein ganz besonderer Tag, denn die Finnen feiern an diesem Tag ihre Unabhängigkeit. Gerade 2017 war es ein ganz einmaliges Ereignis, denn es jährte sich zum 100. Mal. An diesem Tag im Dezember ziehen Studenten andächtig singend und mit Fackeln durch die Stadt, bis sich alle auf dem Senaatintori vor der Tuomiokirkko versammeln, der Rede des Präsidenten zuhören und mit dem Universitätschor einige Lieder und natürlich die Hymne singen.

Weihnachten im Wohnheim

Es ist eine eigenartige Atmosphäre, getragen von Stolz und Bedrückung im Hinblick auf die Zeit des Krieges. Bewegend auch die Rede des Präsidenten, der betont, dass Finnland ein freies Land sein soll, in dem ein jeder, egal welcher Herkunft, ein Zuhause finden möge. Daraufhin Applaus von einer riesigen Menschenmenge auf dem Platz. Der Applaus wirkt stark und bestätigend und durch die Handschuhe, die alle tragen, wie rollender Donner. Eine besondere Erfahrung deshalb, weil es mich Finnland und seiner Geschichte nähergebracht und mich zudem sehr bewegt hat.

Doch nicht nur der Umzug und die anschließende Rede sind Zeichen des Unabhängigkeitstages. Die ganze Stadt ist in Weiß und Blau getaucht. Wichtige Gebäude der Stadt werden blau angeleuchtet, vor jedem Haus ist die finnische Flagge gehisst und am Hafen stehen 100 Flaggen in Reih‘ und Glied. Am Abend, nachdem der offizielle Teil für die meisten Finnen vorüber ist, zieht man sich in die heimischen vier Wände zurück und schaut mit Freunden und Familie dem offiziellen Teil des Präsidenten und seiner geladenen Gästen zu.

Auch das habe ich miterlebt. „Ganz Finnland“ schaut also, wie der Präsident wichtige Persönlichkeiten aus Finnland in seinem Palast begrüßt. Ja, sehr richtig. Das bedeutet, zwei Stunden lang zuzuschauen, wie der Präsident Hände schüttelt und welcher Dame möglicherweise auf's Kleid getreten wird. Zum Glück hatte ich leckeres Essen und gute Gesellschaft. Da habe ich auch zwei Stunden Händeschütteln und anschließendes „Tanzen“ auf zu engem Raum mit anschauen können. Den Abschluss krönt dann ein Feuerwerk, das im Hafen von Helsinki gezündet und auch live übertragen wurde. Ich habe es mir also ganz gemütlich im Warmen angesehen.

Eine Pfefferkuchenstadt, selbst gebacken

Auf den 6. Dezember folgte erstaunlich schnell Weihnachten. Alles begann damit, dass einige hier im Studentenwohnheim zu ihren Familien aufgebrochen sind, um die Feiertage mit ihnen zu verbringen. Trotzdem waren wir zu Weihnachten noch zehn Leute und haben auch Besuch von lieben Menschen aus Nah und Fern bekommen, und es wurde nicht langweilig. Vor Weihnachten haben wir noch eine verlockende Pfefferkuchenstadt gebacken und dekoriert, die zwischen den Tagen langsam vernichtet wurde.

Weihnachten war dann anders und irgendwie doch sehr ähnlich. Es waren ruhige, besinnliche aber gleichzeitig auch gesellige Tage. Wie es nur so sein kann, wenn man mindestens zehn Mädels um sich herum hat. Wir haben wie die meisten zu viel gegessen. Das Essen war „typisch Finnisch“. Es gab kinkku (den Schweinebraten an Weihnachten), Fisch eingelegt in Senfsoße, perunalaatikko (Kartoffelauflauf), Porkkanallaatikko (Möhrenauflauf) und vieles mehr.

Schneemann

An Heiligabend bin ich um 10 Uhr in die Messe in der Kapelle des Studentenwohnheims gegangen und habe dort mit allen anderen den Abend ausklingen lassen, nachdem wir im Wohnzimmer unter dem Tannenbaum Weihnachtslieder gesungen haben und jeder seine Geschenke ausgepackt hatte.

Ich habe aber nicht nur finnische Weihnachten erlebt, sondern auch ein bisschen „deutsche Tradition“ nach Finnland gebracht. Auf meinen Wunsch hin wurde mein Bitten erhört, und wir haben alle gemeinsam „Der kleine Lord“ geguckt und noch Tage danach „O dem golden slippers“ gesungen und frei den kleinen Ceddie zitiert.

Nach Weihnachten ging es vielen hier, und auch mir, wie den meisten: Eine Grippe hat unser Studentenwohnheim in ein halbes Krankenlager verwandelt und die Zeit zwischen den Feiertagen ruhiger werden lassen.

 

 

November
Warum Helsinki gar nicht so düster ist

Stephanie Jarvers (links) und Freundinnen aus dem Wohnheim beim Plätzchen-Wettbewerb. Die Kekse sollten zu den Themen finnische Unabhängigkeit und Weihnachten dekoriert werden. Das Ganze entstand bei einer kleinen Weihnachtsfeier (pikkujoulu) des Wohnheims.

Am Donnerstag, 9. November, war es endlich soweit. Mein Flug nach Helsinki startete mittags um 12.40 Uhr. Schon im Voraus wurde mir mitgeteilt, welche Aufgaben mich als Praktikantin des Bonifatiuswerkes erwarteten. Dennoch war ich spürbar aufgeregt und fragte mich, was denn tatsächlich in Finnland auf mich zukommen würde. Meine Arbeitszeit im kommenden Jahr wird aufgeteilt auf drei „Institutionen“: das Katechetische Zentrum in Helsinki, die Caritas und die Pfarrei St. Mary. In der Kirche St. Mary helfe ich zum Beispiel bei dem Blumenschmuck oder auch dabei, Messgewänder und Bücher zu sortieren. Außerdem erwartet mich die Herausforderung, die unterschiedlichsten Sachen zu nähen, zum Beispiel Taschen zum Schutz der Kelche.

Einmal im Monat, meistens an einem Samstag, finden der Unterricht der Kommunionkinder oder andere katechetische Kurse statt. Dort unterstütze ich, wo Hilfe benötigt wird, wie unter anderem beim Vorbereiten des Essens und Abräumen oder bei der Kinderbetreuung in den Pausen.

Die Kirche St. Mary in Helsinki

Im Katechetischen Zentrum besteht ein Teil der Arbeit darin, dass ich Materialien vorbereite, die dann im Bistum Helsinki verteilt werden, damit Religionslehrer vor Ort mit neuen Materialien ihr Wissen weitergeben können. Der Begriff Religionslehrer ist in Finnland aber deutlich weiter gefasst als in Deutschland. Katholische Religion ist hier kein selbstverständliches Unterrichtsfach, und auch die Lehrer müssen nicht den langen Ausbildungsweg gehen, wie er in Deutschland vonnöten ist. Zudem gehören die Lehrer meistens auch nicht dem katholischen Glauben an.

Kaum in Finnland angekommen, stoße ich auch schon auf helle Lichterketten in den Straßen und geschmückte Schaufenster. Ja, dafür bin ich äußerst dankbar, denn der November zeigt sich von seiner unverwechselbaren Seite. Schwarze Nacht, dunkelgrauer Tag, starker Wind, Regen und ein bisschen Schnee lassen wohl die meisten Finnen und auch mich nach einem Funken Helligkeit lechzen. Die Weihnachtsstimmung steigt mit jedem kürzer werdenden Tag. Da sind natürlich die Weihnachtsbasare und Märkte nicht wegzudenken.

In der Vorweihnachtszeit ist die Caritas, die in Finnland noch sehr unbekannt und auch viel kleiner ist als in Deutschland, viel unterwegs, um für ihren Einsatz in aller Welt und natürlich ganz besonders auch in Finnland zu werben. Es werden die verschiedensten Produkte verkauft. Fantastische selbstgemachte Schokoladen aus einem Kloster in Spanien, Cremes, Seifen und Parfüm, ebenfalls von Nonnen handgefertigt, aber aus Frankreich stammend, oder Kerzen aus Deutschland. Die Mitarbeiter der Caritas und viele Freiwillige helfen hier beim Aufbau der Stände und dem Verkauf.

In diesem Wohnheim ist Praktikantin Stephanie Jarvers untergebracht.

So viel zu meiner Arbeit, aber wie wohne ich in Helsinki? Während meiner Zeit in Finnland werde ich in einem Studentinnenwohnheim untergebracht sein. Es wohnen rund zwölf Studentinnen zusammen, die alle unterschiedliche Fächer studieren oder Ausbildungen machen und verschiedene kulturelle Hintergründe und Herkunftsländer haben. Ich wurde sehr herzlich empfangen, und wir unternahmen einiges zusammen. So ist der November in Helsinki dann auch gar nicht so düster.

So einiges habe ich also in meinen ersten beiden Wochen erlebt, und ich bin sicher, dass in den nächsten Wochen auch noch viele neue, unerwartete, weihnachtliche und aufregenden Dinge auf mich zukommen werden.

In Finnland leben ungefähr 5,5 Millionen Einwohner auf einer Fläche von etwa 390 000 Quadratkilometern. Die beiden als Volkskirche anerkannten Religionen sind die Orthodoxe Kirche und die Evangelisch-Lutherische Kirche. Der Anteil der Katholiken in Finnland macht nur etwa 0,25 Prozent der Bevölkerung aus und besteht zum größten Teil aus Einwanderern. Gläubige und Priester legen weite Strecken zurück, um ihren Glauben zu leben und zusammen Gottesdienst zu feiern. Auch wenn viele hundert Kilometer die Gemeindemitglieder trennen, sind sie eng miteinander vernetzt und helfen sich gegenseitig bei anliegenden Projekten. Ihr Umgang miteinander ist herzlich und jedes Wiedersehen gleicht einer Familienfeier.

Wer mehr über die Diaspora in Finnland oder in anderen skandinavischen Ländern erfahren möchte, kann einmal auf der Internetseite des Bonifatiuswerks vorbeischauen. Falls Ihr Interesse an einem Praktikum im Norden habt, findet ihr dort zusätzliche Informationen.