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Runder Tisch für Heimkinder

Bundestag will Leid misshandelter Kinder aufarbeiten / Kein Entschädigungsfonds

Von Ulrich Waschki


Das Leid misshandelter Heimkinder bekommt ein Forum: Ein Runder Tisch soll Licht in das dunkle Kapitel bundesdeutscher Heimerziehung bringen. Der Bundestag will am 26. November die Einrichtung eines solchen Gremiums beschließen.

Eines ist unbestritten: In den 50er, 60er und 70er Jahren sind in deutschen Heimen Kinder und Jugendliche Opfer von Misshandlungen geworden. An den Folgen leiden viele Erwachsene noch heute. Unklar ist aber, welches Ausmaß die Misshandlungen tatsächlich hatten. Seit mehr als zwei Jahren befasst sich der Petitionsausschuss des Bundestages mit dem Thema: „Ich glaube nicht, dass es nur Einzelfälle waren“, sagt Karl Schiewerling, der für die CDU im Petitionsausschuss sitzt. Ein von oben verordnetes System seien die Übergriffe aber auch nicht gewesen. „Voreilige Schlüsse funktionieren nicht. Die Aussagen ‚Das gab es nicht, das sind nur Einzelfälle‘ sind genauso falsch wie die Behauptung, dass es damals die Regel war“, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller.

Nicht nur kirchliche Heime betroffen

Sie relativiert auch Vorwürfe, die die Kirchen und insbesondere die katholische Seite als Hauptschuldigen sehen. Es habe in den 50er Jahren viele und große Heime in kirchlicher Trägerschaft gegeben, aber eben nicht nur kirchliche Heime: Die Misshandlungen seien auch Thema für Wohlfahrts- und Landschaftsverbände und die kommunale Jugendhilfe.
Einzelne Heime und Träger sind für ihren Bereich bereits den Vorwürfen nachgegangen. Umfassend erforscht ist das Thema aber noch nicht, bestätigt Professor Wilhelm Damberg von der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet an einer wissenschaftlichen Studie zum Thema, die unter anderem von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben wurde.
Am Runden Tisch sollen nun alle Beteiligten Platz nehmen: Bund und Länder, Kommunen, Kirchen, Wohlfahrtsverbände und vor allem auch die Betroffenen. Wenn der Petitionsausschuss am kommenden Mittwoch dieses Gremium vorschlägt, wird auch Bundestagspräsident Norbert Lammert an der Sitzung teilnehmen. Normalerweise kommt der Bundestagspräsident nicht zu Ausschussberatungen. Doch der Bundestag will zwar keine Entschuldigung aussprechen, aber das Leid der Opfer öffentlich anerkennen – der Beschluss und die Anwesenheit Lammerts sollen ein erstes Zeichen dafür sein. Der Runde Tisch die konkrete Folge. Der fraktionsübergreifende Kompromiss ist Ergebnis intensiver Verhandlungen hinter den Kulissen.
Rund zwei Jahre sollen die Mitglieder des Runden Tisches die Geschehnisse aufarbeiten und Wege zur Wiedergutmachung aufzeigen. Einen Entschädigungsfonds, wie ihn die Grünen forderten, wird es aber wohl nicht geben.

Katholische Kirche begrüßt Runden Tisch

In der katholischen Kirche stößt der Beschluss auf Zustimmung: „Wir begrüßen den Runden Tisch“, sagt Claudia Beck vom Deutschen Caritasverband – unter dem Dach der Caritas arbeiten die meisten katholischen Jugendhilfeeinrichtungen. Die Caritas geht allerdings von Einzelfällen aus: „Jedes Schicksal für sich ist schrecklich. Aber dahinter ist kein System erkennbar“, sagt Beck. Angaben, nach denen Tausende Heimkinder Opfer von Misshandlung und Willkür waren, seien nicht belegt.
Am Runden Tisch wird es nur um die Geschehnisse in Heimen in der alten Bundesrepublik gehen. Die Heimerziehung in der DDR bleibt ausgeklammert. Sie sei Teil der DDR-Geschichte und müsse im Zuge der Erforschung des SED-Unrechtes aufgearbeitet werden, heißt es in Berlin.



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