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Schwere Stunden

Fragt man in diesen Wochen einen befreundeten Katholiken: „Wie geht‘s?“, so lautet die Antwort mitunter resigniert: „Na ja, zurzeit macht es nicht viel Spaß, katholisch zu sein“. Mit Blick auf den Missbrauchsskandal sprach Münchens Erzbischof Reinhard Marx davon, die Kirche in Deutschland durchlebe derzeit „schwere Stunden“.

Katholiken beklagen sich über „die Vertuschung“ in der Kirche; andere erwarten „konsequente Reaktio-nen“. Manchem fällt es schwer, seiner „Kirche noch treu zu sein“. Da passen Umfrageergebnisse ins Bild, denen zufolge nicht einmal ein Drittel der Deutschen die Kirche für ehrlich hält.
Sexueller Missbrauch sowie andere Misshandlungen an schutzbefohlenen Kindern und Jugendlichen sind ein Verbrechen – keine Frage. Allerdings passen die öffentliche Aufmerksamkeit und das Ausmaß solcher Vergehen nicht immer so ganz zusammen. Anfang der 1990er Jahre ging es um Missbrauch in Familien, und mancher junge Vater traute sich kaum, in größe-
rer Runde zu sagen, dass er sein Kind selber wickelt. Wenn die Diskussionen um Skandale bewirken, dass die Zahl der Vergehen künftig abnimmt, haben sie natürlich ihren Sinn.
Umfrageergebnisse schwanken. Andererseits halten sich gewisse Trends durch. In manchen Bereichen leidet die Kirche schon länger unter mangelnder Glaubwürdigkeit; in anderen Bereichen, wie dem Einsatz für Frieden, Menschenrechte, Randgruppen, Arbeitslose, Familien und Senioren wird sie geschätzt.
Ein wichtiges Ergebnis solcher Umfragen wird mitunter übersehen: Ob Christen und ihre Kirche als glaub- und vertrauenswürdig gelten, entscheidet sich oft in den Gemeinden, Sozialstationen und Beratungsstellen vor Ort. So haben viele Frauen ihrer Kirche, in der Männer im Zweifel das letzte Wort haben, deshalb nicht den Rücken gekehrt, weil sie vor Ort anderes erleben. Für persönliche Fragen nach Sinn und Glauben ist den meisten Christen das persönliche Gespräch mit Seelsorgern sowie Freunden und anderen Christen wichtig.
Das soll nicht heißen, die Gemeinde vor Ort müsse allein wiedergutmachen, was andernorts zerschlagen worden ist. Aber wenn Katholiken in ihren Gemeinden, die derzeit oft von internen Anpassungen und Strukturreformen in Beschlag genommen sind, ihre Aufmerksamkeit stärker nach außen richten, gewinnen sie an Glaubwürdigkeit und klären manche Strukturfrage um Prioritäten nebenbei.

Roland Juchem



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